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Das Smartphone-Ornament der Masse

Im Weben lag einst der Fortschritt, hier webt Bayrle mit Autobahnknoten: „Roadmap“, 2003.
Im Weben lag einst der Fortschritt, hier webt Bayrle mit Autobahnknoten: „Roadmap“, 2003.Privatslg. Wien
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In wenigen Tagen wird der deutsche Konzeptkünstler Thomas Bayrle 80. Das feiert er mit einer großen Schau in Wien, wo er wenig bekannt ist. Mit teils spektakulären Arbeiten wirft er Fragen auf, wie Tradition und Fortschritt sich bedingen.

Thomas Bayrle ist eine beeindruckende Künstlerfigur. In Deutschland ist er berühmt, hat Generationen an der Städelschule Frankfurt unterrichtet (1971 bis 2002), war bei mehreren Documenta-Ausgaben vertreten, zuletzt bei der 13., bei der er zu fast gotischen Rosetten zusammengebaute Motoren Rosenkränze beten ließ. Wenn es so etwas wie deutsche Pop-Art gibt, ist Bayrle ein Hauptvertreter, jedenfalls ihr humorvollster. Am 7. November wird er 80; Zeit also für eine erste museale Einzelausstellung in Österreich, die nirgends besser hinpassen würde als dort, wo sie auch stattfindet (was keine Selbstverständlichkeit ist): ins Museum für angewandte Kunst (kuratiert dafür von Gastkurator Nikolas Schafhausen, Direktor der Kunsthalle Wien, um ein wenig Verwirrung zu stiften, sowie Bärbel Vischer aus dem MAK). Denn mit Design, mit Medien, mit Piktogrammen, mit Handwerk, Technik und Industrialisierung hat Bayrle viel am Hut.

Bayrle schöpft aus der Schnittstelle von freier und angewandter Kunst. In den 50er-Jahren wurde er als Weber und Musterzeichner ausgebildet. Dann studierte er Druckgrafik, wurde Kunstbuchverleger – in seiner Gulliver-Presse erschien 1965 u. a. eines der ersten Bücher von Ernst Jandl („Hosi + Anna“!), so viel zu einem Österreich-Bezug. Ein weiterer wäre Bayrles Sujet, das er 2003/04 für das Eiserne-Vorhang-Projekt der Wiener Staatsoper beisteuerte – bühnenfüllend hing da ein Corpus Christi, zusammengesetzt aus Hunderten Fotos eines Autobahnabschnitts. Und zwar des ersten deutschen Autobahnabschnitts überhaupt, den Hitler zwischen Frankfurt und Darmstadt bauen ließ. Auch im MAK ist dieses Motiv zu finden, mit anderem Bildhintergrund allerdings.

Es sind mehr gefühlte Irritationen als konkrete politische Aussagen, die man in Bayrles typischen Collagen findet. Meist arbeitet er dabei mit dem optischen Trick, dass er bestimmte Gegenstände aus denselben oder anderen Gegenständen, hundertfach, seriell wiederholt, zusammensetzt. Stilistisch eine Mischung aus Arcimboldo und Victor Vasarely, inhaltlich ganz heutige Konzeptkunst: Masse, Ornament und Individualität, Mensch und Maschine – das sind die Eckpfeiler, zwischen denen man hier recht frei assoziieren soll. Durchaus mit Humor, was derlei immer erfreulicher macht: Etwa wenn man vom ersten Stock im MAK hinunter in die Säulenhalle blickt, auf Bayrles (nach dem eisernen Vorhang) bisher formal größtes Werk: Am gesamten Boden unter einem breitet sich eine Art Suchbild aus, aufgelöst in Abertausende Smartphone-Symbole, erst aus der Höhe erkennbar. Es soll ein japanisches Shunga-Motiv sein, wonach man also Erotisches, wenn nicht Pornografisches erwartet. Erkennen tut man fast Idyllisches, es ist die züchtige Szene eines Duftspiels, eines Blatts aus dem 18. Jahrhundert aus der MAK-Sammlung. Was in Bayrles digitalisierter Version auf mehreres hinweist: Dass man zwar schon vieles kann auf seinem iPhone, aber riechen noch nicht. Dass Japan ein seltsames Land ist, in dem Individualität und Gleichschaltung ineinandergreifen, so Bayrle bei der Presseführung.

 

Ohne Weben keine Computer

Auch die Hochhaltung des Handwerks fasziniere ihn an Japan, wo er auch unterrichtete, schon immer. Dass gerade traditionsreiches Handwerk wie das Weben am Beginn der Computerprogrammierung stand (hier wurde Anfang des 19. Jhdts. begonnen, mit Lochkarten zu mechanisieren), ist für Bayrles Werk ein Schlüssel: Überall finden sich Knoten. Sei es bei Bildern von Autobahnen (die aus Autobahnknoten zusammengesetzt sind). Oder bei tatsächlichen Teppichen mit Handy-Muster, wie er einen extra für die Ausstellung weben ließ – per Hand, in Aubusson, der Welthauptstadt der Tapisseriekunst. Als Motiv erkennt man Michelangelos Pietà. Was daran erinnert, dass derart publikumswirksame Meisterwerke der Kunstgeschichte von Touristen heute vor allem durch die Screens ihrer Smartphones betrachtet werden.

Gleichschaltung versus Individualität, und wie diese Spannung über Kulturen und Zeiten hinweg wirtschaftlich und politisch benutzt wurde, auch in Kunst und Religion, was die vielen christlichen Motive erklärt, die man hier findet – das ist Bayrles inhaltliches Muster. Das vom Stilistischen einfach, aber effektiv gestützt wird.

Thomas Bayrle, MAK, bis 2. April. Di 10–22 Uhr, Mi–So 10–18 Uhr. Jeden Dienstag ab 18 Uhr Eintritt frei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2017)