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Estland: „Der Euro ist unsere einzige Hoffnung“

(c) AP
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Das Land im Baltikum ist der einzige Euro-Kandidat für 2011. Für die Wirtschaft bildet die Gemeinschaftswährung die einzige Chance gegen Abwertung und für Wachstum.

Vilnius. „Der Euro ist zurzeit unsere einzige Hoffnung. Wenn die Regierung diese Chance vermasselt, bin ich bereit, bei einer Revolution mitzumachen“, sagt Kersti Rist. Die 32-jährige Unternehmerin betreibt seit 2006 ein Übersetzungsbüro im Zentrum von Tartu, Estlands zweitgrößter Stadt. Mit ihrer Befürwortung der Euro-Einführung in Estland am ersten Jänner 2011 steht sie nicht allein da.

„In einer Umfrage vor einigen Monaten sprachen sich 61 Prozent der Esten für den Euro als nationale Währung aus, seither ist die Zustimmung noch gestiegen. Wir sind des Wartens müde und wollen endlich den Euro“, erörtert die Direktorin des Estnischen Wirtschaftsforschungsinstitutes, Marje Josing, im Gespräch mit der „Presse“.

„Estland hat das klare Ziel, am ersten Jänner 2011 von der Estnischen Krone auf den Euro umzustellen. Dieses ehrgeizige Vorhaben verhindert leere Versprechungen seitens der Regierung, die mit rigorosen Maßnahmen das Staatsdefizit gedrückt hat – mit guten Chancen, in diesem Jahr die Maastricht-Grenze von 3,0 Prozent nicht zu überschreiten. Das Haushaltsbudget 2010 sieht ein Defizit von 2,9 Prozent des BIP vor.“

 

Positive Signale

Wurde die estnische Regierung für das Festhalten an der Euro-Einführung mit Zieldatum 2011 trotz Rezession mitunter international belächelt, kamen in den vergangenen Wochen von der Weltbank deutliche Signale in Richtung eines estnischen Beitritts zur Euro-Zone. Im November nannte der damalige EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Joaquín Almunia Estland konkret als wahrscheinlichen und einzigen Euro-Kandidaten für 2011.

Wenig Freude bereiten Marje Josing internationale Finanzexperten, die Estland – wie den beiden anderen Baltenstaaten auch – wiederholt eine Währungsabwertung aufdrängen woll(t)en. Sie ist überzeugt, dass diese „unselige Abwertungsdiskussion“ nur mit einem Wechsel von der Krone zum Euro zu stoppen ist. „Doch außerhalb Estlands wissen es alle besser. Wenn uns niemand glaubt, können wir nur mit Taten überzeugen. Krone-Koppelung an den Euro, Import von Rohmaterialien und hohe Euro-Kredite von Unternehmen und Privatpersonen beweisen eindeutig, dass die Euro-Einführung die einzige sinnvolle Lösung ist.“ Auch die Sorge vor einer Kronen-Abwertung wäre potenziellen Investoren damit genommen.

Eine rapid steigende Gefahr der Abwertung und „schlechte Tage“ für Estland erwartet Meelis Mandel, Chefredakteur der größten estnischen Wirtschaftszeitung „Äripäev“, sollte der geplante Schritt in die Währungsunion nicht gelingen: „Eine rasche Euro-Einführung bringt für Estland nur Vorteile. Auch wenn der Euro natürlich kein Zaubermittel ist, bringt er das heute fehlende Vertrauen und neue Glaubwürdigkeit für und in unser Land. Zudem trägt der Euro zu einer stärkeren Differenzierung Estlands von unserem mit Schwierigkeiten kämpfenden Nachbarn Lettland bei.“

Auch für Andres Pukspuu, Geschäftsführer der Tallinner Import- und Großhandelsfirma D.T.L. Consumer Products Eesti, überwiegen die Vorteile der Euro-Umstellung. Mit dem Euro gehe aber auch die Möglichkeit verloren, geldpolitische Instrumente für wirtschaftliche Regulierungen einzusetzen. Außerdem dürfte es nur geringfügige Verteuerungen bringen.

Eine Meinung, die Kersti Rist teilt: „Aber wir möchten ja dem großen europäischen System angehören, damit unser Lebensstandard dem EU-Standard gleichkommt. Das ist natürlich nicht sofort möglich, aber der Euro ist dafür eine gute und notwendige Voraussetzung.“

Seit Geschäftsbeginn verrechnet Kersti Rist mit allen europäischen Partnern in Euro, das sind rund 50 Prozent des Umsatzes, 2009 sogar 70 Prozent. „Praktisch sind wir ja durch die feste Anbindung der Krone an den Euro (ein Euro entspricht 15,64 Estnischen Kronen) seit 2002 in der Euro-Zone. 80 Prozent unseres Exports gehen in EU-Länder, die Preise in den Geschäften sind auch in Euro angeschrieben“, so Marje Josing.



„Mitunter ist es schwieriger, mit Brüssel zu verhandeln, als früher mit Moskau.“

Marje Josing, Direktorin des Estnischen Wirtschaftsforschungsinstituts

Die Ökonomin mit Psychologie- und Soziologiestudium sieht bezüglich der Währungsumstellung für Estland keinerlei Hindernisse: „Für uns ist der Währungswechsel kein Problem, aber möglicherweise für die EU-Bürokratie. Estlands Euro-Zonen-Beitritt ist eine rein politische Angelegenheit und keine wirtschaftliche Frage. Als eine der kleinsten Volkswirtschaften mit einem Anteil von 0,1 Prozent des EU-Bruttoinlandsprodukts spielt Estland in der EU-Wirtschaft keine Rolle. Aber für kleine und große Länder gelten ja die gleichen Kriterien“, sagt Josing. Die Esten würden manchmal scherzen: „Mitunter ist es schwieriger, mit Brüssel zu verhandeln, als früher mit Moskau, denn die Bosse in Moskau freuten sich über Wodkageschenke, und sie hielten sich nicht immer streng an ihre stupiden Gesetze. Auch in Brüssel gibt es manchmal stupide Kriterien, aber sie werden akribisch erfüllt – auch von den Esten.“

Die Esten sind gerade in der Krise für den Euro bereit, wenn sich auch Bedenken in die Hoffnung mischen. Alisa Jakobi (28), Grafikdesignerin in Tallinn: „Ich hoffe, dass sich nicht das Desaster der Währungsumstellung nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion (1991) wiederholt, als sehr viele Menschen aufgrund des Wechselkurses sehr viel Geld verloren haben. Aber ich glaube, diesmal können wir optimistisch sein.“ Es ist – wieder – Aufbruchsstimmung zu spüren in der nördlichsten und mit 1,3 Millionen Einwohnern kleinsten Baltenrepublik.

Auch der Journalist Meelis Mandel beurteilt die Währungsumstellung zuversichtlich: „Es scheint, dass ,Euro 2011‘ die Esten heute eint, nicht zuletzt die Entscheidungsträger – begleitet von einer durchaus positiven medialen Berichterstattung für den Euro.“ Und Marje Josing ist überzeugt, dass Estlands Wirtschaft gestärkt und mit neuer Qualität aus der Krise herauskommen wird, da unprofessionelle Unternehmen die Krise nicht überleben.

Es sind daher durchaus realistische Aussichten, dass die christlich-orthodoxen Bewohner Estlands ihre Christbäume für ihre nächsten Weihnachten, die am sechsten und siebten Jänner 2011 gefeiert werden, mitten im Wald des staatlichen Forstes per Mobiltelefon bestellen und bereits in Euro bezahlen können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2010)