Wie das rote Wien in den 1920er-Jahren die Feuerbestattung durchsetzte.
Wien hat 46 Friedhöfe. Der größte und bekannteste ist der liebevoll „Zentral“ genannte. Der Name ist irreführend, denn „zentral“ ist hier kaum etwas. Die Straßenbahnlinie 71 bringt Besucher sicher ans Ziel. Station Zentralfriedhof Drittes Tor. Das Ende ist nah. Final Destination.
Das mitteleuropäische Urnengrab ist eine Erfindung der Bronzezeit. Die Erdbestattung ist ein junges Phänomen. Durch Erlass von Karl dem Großen anno 786 wurde die Erdbestattung verpflichtend eingeführt. Während des Mittelalters diente der Feuertod als größtmögliche Bestrafungsform. Um auch die „unsterbliche“ Seele auszulöschen und die katholisch gepriesene Wiederauferstehung zu verunmöglichen.
Mitte des 19. Jahrhunderts entstand der aufrührerische Wunsch nach Feuerbestattung. Die bildungsbürgerliche Ärzteschaft lobte sie ob ihrer hygienischen Vorzüge. Die entstehenden Arbeiterverbände, vertreten durch die aufstrebende Sozialdemokratie, sahen in erster Linie eine kostengünstige Bestattungsart. Areligiöse Verbände wie die Freidenker priesen die Einäscherung in bewusster Abgrenzung zur vorherrschenden christlichen Bestattungskultur.
1874 wurde der Wiener Zentralfriedhof eröffnet und seither schon siebenmal erweitert. Er beherbergt rund drei Millionen Verstorbene. Bei der Dimensionierung wurde davon ausgegangen, dass sich Wien bis Ende des 20. Jahrhunderts zu einer Metropole mit rund vier Millionen Einwohnern entwickeln würde. Auch hier irrten die Experten, wie so oft, wenn es um Demografie geht. Wien steht immer noch unter zwei Millionen.
Streit um Feuerbestattung
Vor etwa hundert Jahren gab es einen veritablen Glaubenskrieg um die Feuerbestattung. Die katholische Kirche lehnte diese strikt ab – aus Auferstehungsgründen. 1921 peitschte der säkulare Wiener Gemeinderat unter dem ersten sozialdemokratischen Bürgermeister Jakob Reumann die Errichtung eines Krematoriums durch. Wenig später erfolgte die feierliche Eröffnung der Feuerhalle, obwohl ein zuvor vom christlichsozialen Minister Richard Schmitz eingebrachter Antrag dies verhindern sollte. Es folgte eine Klage beim Verfassungsgerichtshof, der 1924 schließlich politisch, laizistisch und säkular zugunsten der freien Feuerbestattung entschied. Die erste Einäscherung in der von Clemens Holzmeister erbauten Halle fand am 17. Jänner 1923 statt.
Der Sanktus der Kirche
Mit der für den Vatikan üblichen Reaktionszeit von vier Jahrzehnten gab der Heilige Vater 1964 seinen Widerstand auf und seinen offiziellen Segen zur Feuerbestattung. 1966 wurde die Einsegnung mittels Feuer offiziell der Erdbestattung mit dem Sanktus der katholischen Kirche gleichgestellt. Die mutige Sozialdemokratie hatte sich gegen den „Gotteswillen“, gegen das oberste Gesetz der „göttlichen Ordnung“ durchgesetzt.
In der orthodoxen Kirche ist die Feuerbestattung noch immer verboten. In Griechenland wurde sie 2006 legalisiert. Im Judentum und im Islam ist die Verbrennung des toten Körpers grundsätzlich verboten. Die Feuerbestattung ist nicht „halal“, also „haram“.
Eine Feuerbestattung unter freiem Himmel, wie bei Hindus und Buddhisten beliebt, ist in Mitteleuropa nicht gestattet. Und die drei Pfeile der nach den Nationalratswahlen durchbohrten Sozialdemokratie stehen für antikapitalistisch, antifaschistisch und antiklerikal, also mutig kämpferisch gegen jede Religion – wenn man es so sehen will. Es lebe der Zentralfriedhof. Der wird auch noch weitere 100 Jahre leben. Bei der Feuerbestattung und der Sozialdemokratie bin ich mir nicht so sicher.
Karl Weidinger (* 1962) lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Wien und im Burgenland. Sein Anliegen ist die Gesellschaftskritik.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2017)