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Das nächste Mal mehr Chopin und Sibelius!

Leif Ove Andsnes
Leif Ove Andsnes(c) imago stock&people (imago stock&people)
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Kritik Leif Ove Andsnes tat sich bei seinem Klavierabend im Wiener Konzerthaus mit Schubert und Beethoven schwer.

Am Ende, bei Chopins g-Moll-Ballade und (als Zugabe) As-Dur-Ballade, zeigte der 47-jährige Pianist, dass er es selbst mit Chopin-Spezialisten aufnehmen kann: So locker, virtuos und kantabel hätte man sich auch das übrige Programm seines Recitals gewünscht. Begonnen hatte es ja vielversprechend, aber auch ungewöhnlich. Welcher Pianist wagt es schon, eine Sibelius-Auswahl an den Anfang zu setzen? Aber wer, wenn nicht der bedeutendste norwegische Pianist der Gegenwart, sollte sich solches trauen?

Zumal diese Stücke nicht leicht darzustellen sind. Man muss schon mit Sibelius' Stil und dem norwegischen Lebensgefühl besonders vertraut sein, um ihrem Idiom nahezukommen. Für Andsnes offenbar kein Problem. So selbstverständlich spürte er den Stimmungen seiner abwechslungsreichen Auswahl aus mehreren Zyklen nach, hob deren eigentümliche Lyrik hervor, präsentierte ihre virtuosen Ausbrüche brillant.

 

Ironische Zwischentöne

Auch Zeitgenössisches ist Andsnes ein Anliegen, das zeigte er mit „Idyll und Abgrund“ von Jörg Widmann: eine differenzierte, mit ironischen Zwischentönen gespickte Auseinandersetzung mit Schubert. Ideal für jemanden, der nicht nur Schuberts Klavierwerk kennt, sondern auch einen Teil seiner Lieder, vor allem aber ein Gespür hat für ein solches Vexierspiel voll unerwarteter Pointen.

Überraschend, dass sich Andsnes mit dem Original weit schwerer tat. Oder waren die drei späten Klavierstücke D 946 eine falsche Wahl? Mit der einen oder anderen Klaviersonate weiß Andsnes, wie man auch auf Platte hören kann, mehr anzufangen. Jedenfalls steckt in diesen drei Stücken ungleich mehr Dramatik, vor allem Tiefe, als er es mit seiner zuweilen sportiven, manchmal etwas eckigen Lesart vorzeigte; auch einiges von ihrem charakteristischen Melos blieb unterbelichtet.

Auch Beethovens „Sturm“-Sonate ließe sich überzeugender interpretieren. Im ersten Satz störten die überdehnten Tempi der Largo-Abschnitte, zumal es Andsnes nicht gelang, aus ihnen die raschen Passagen organisch zu entwickeln. Meisterhaft exakt, aber emotional ziemlich zurückhaltend spielte er das mittlere Adagio. Und im Finalsatz hätte er sich von dessen Perpetuum-mobile-Idee zu mehr natürlichem Fluss anregen lassen können, statt wiederholt nach neuen Akzenten Ausschau zu halten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2017)