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Die Sünde ist nicht ausgestorben Raimund wusste, was er schrieb

Neid und Hass sind Blutsbrüder, oder: Ein Millionär darf nicht aus der Feenwelt kommen.

Die Zahl Sieben ist immer schon eine besondere Zahl gewesen, sie wird gelegentlich auch je nach Zusammensetzung als heilig bezeichnet. Nicht immer ist sie es. Die sieben Raben, sieben Zwerge hinter den sieben Bergen, die sieben Geißlein, sieben Sachen, sieben Hügel – und noch vieles mehr. Nicht zu vergessen die jenseits des Heiligen gelegene Siebenzahl, die das Böse symbolisiert – und trotzdem längst nicht mehr aktuell erscheint.

Wer kennt sie noch, die Sünden, die früher Todsünden, dann Hauptsünden genannt wurden und heute, wie es mir scheint, völlig außer Acht gekommen sind, vergessen, verstaubt, nicht mehr aktuell. Im Religionsunterricht des Gymnasiums haben wir sie noch mit den originalen Bezeichnungen gelernt: Superbia, Avaritia, Luxuria, Ira, Gula, Invidia und Acedia. Wir hatten die deutschen Begriffe lieber zitiert: Stolz, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit.

Sie alle scheinen zu unbekannten Wesen geworden zu sein. Sie sind nicht mehr aktuell. Und doch ist die eine oder andere Hauptsünde noch immer zeitgemäß, manche mehr als andere. Sie sind alle miteinander schon zu jenem Zeitpunkt brennheiß gewesen, als Jesus der Steinigung einer Ehebrecherin Einhalt gebot, als er forderte: „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“

Ohne Sünde? Wirklich ohne Sünde? Wir wissen genau, dass es solches nicht gibt. Aber der Begriff „Sünde“ scheint genauso unaktuell geworden zu sein wie beispielsweise die Beichte. Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Demnach müssten wir alle unter einem Hagel von Steinen das Weite suchen.


Kein Mensch ist ohne Sünde. Aber auch die Sünden gehen mit der Zeit. Von den Hauptsünden ist es der Neid, der in der Lage ist, die Menschen, die von ihm befallen sind, am meisten zu plagen, sogar in den Schlaf zu verfolgen und in Unruhe zu versetzen. Er hat einen Giftbruder, den Hass. Und der wieder hat einen Vetter, die Missgunst. Allesamt treffen sich dann gelegentlich, wenn es den Geburtstag eines weiteren Anverwandten zu feiern gilt: die Eifersucht. Sie sind alle Sünden, aber der Neid und der Hass sind besonders schwere. Sie treten gleichsam Hand in Hand auf. Neid und Hass sind Blutsbrüder.

Ferdinand Raimund hat sie in einem seiner beliebtesten und meist gespielten Märchenstücke gemeinsam auftreten lassen: „Der Bauer als Millionär“. Eigentlich hieß das Spiel mit dem ersten Titel „Das Mädchen aus der Feenwelt“. Raimund war ein Wiener. Er wusste, dass er seinen Mitmenschen das, was er ihnen vorsetzen wollte, subtil präsentieren musste. Der sanfte Titel trat bald in den Hintergrund zugunsten des rüderen und doch wahrhaften, der anzeigte, worum es ging.

Neid und Hass sind aufdringlicher als ein Mädchen, das der Feenwelt entstammt. Es ist bis heute so geblieben, denn Raimund war eben ein Wiener. Deshalb verwechselt er den Neid nicht mit der verwandten Missgunst. Diese hält den, den sie plagt, für weniger privilegiert, und sei es nur, weil es sich um einen Mangel von Klugheit handelt. Der Hass wieder ist, wie es im Wikipedia heißt „ein menschlicher Zustand scharfer und anhaltender Antipathie“.

Man kann solches gerade beim Thema Stadtentwicklung feststellen. Wobei ein anderes nicht vergessen werden darf: die Bosheit, gepaart mit Dummheit. Da kann man noch so listig sein – es wird nichts nützen.

Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2017)