Die Puls-4-Sendung "Pro & Contra" vom Montag stellte eine sehr seltsame Runde für eine Diskussion über sexuelle Belästigung zusammen. Auf Männerseite jedenfalls.
Seit Tagen wird so intensiv wie selten über das Thema sexuelle Belästigung debattiert, in Österreich vor allem wegen der Vorwürfe gegen Peter Pilz. Am Montag zeigte Puls 4 deshalb eine Fernsehdiskussion, die spannend hätte sein können. Doch sie rief ein zumindest diffuses Unwohlsein hervor, bei manchen wohl mehr. Können Männer und Frauen über das Thema wirklich nicht sinnvoll diskutieren? Gibt es keinerlei Konsens, wie wir im Berufsleben miteinander umgehen sollen? Und vor allem auch: Sind Männer wirklich nicht fähig, zwischen Kompliment und sexuellen Übergriffen zu unterscheiden? Diese Fragen, die man seit langem geklärt geglaubt hätte (natürlich können und wissen das die meisten sehr wohl), nahmen einen breiten Raum auf Puls 4 ein. Schuld daran: die Wahl der Gäste.
Es waren die Aussagen dreier Diskutanten, die stark irritierten, der (verhaltens-)Auffälligste unter ihnen der Anwalt Werner Tomanek, der mit Sätzen wie „In-vitro-Fertilisation is a nu imma a Möglichkeit“ die Diskussion nicht nur einmal ins Lächerliche ziehen will. Eineinhalb Stunden über lümmelt er, mehr als einen Hemdknopf offen, im Sessel und lässt sich in breitem Dialekt über Frauen aus, die aus angeblich nichtigen Gründen gegen Männer vor Gericht ziehen: „Entweder glei sagen oda gar net“, so leicht wäre es.
Der zweite Mann im Studio war der Verleger Christian W. Mucha, bekannt aus den Seitenblicken. Er wollte vor allem ein Statement anbringen: Männer dürfen nicht der „Kollateralschaden“ der Emanzipation sein. Mucha verwirrte mit widersprüchlichen Aussagen und seltsamen Anekdoten aus seinem Leben als Chef. Er hält etwa bei Vorstellungsgesprächen den Kandidaten die Hand vor das Gesicht und fragt sie, bei welcher Distanz ihnen unwohl wird. Die aus seiner Sicht patscherten Geschlechtskollegen entschuldigt er damit: „Viele Männer sind ungeschickt und können mit Frauen nicht gut und richtig umgehen“. Er selbst scheint die Diskussion so lange nicht richtig ernst zu nehmen, bis es um ihn persönlich geht: Eine Frau erhob einst falsche Anschuldigungen gegen ihn, erzählt er, das wäre beinahe sein Ende gewesen.
Für die Rolle der Männerversteherin hatte sich die Schauspielerin Nina Proll schon in den vergangenen Tagen qualifiziert. In der Sendung verteidigt sie das Geschlecht auch generell: „Für einen Mann wäre es keine Belästigung, wenn ich ihn im Bademantel zu Oralsex zwinge. Deswegen ist es für einen Mann schwer nachvollziehbar, dass es eine Frau so empfindet.“ Ein Statement, das die beiden Männer in der Runde wohlwollend aufnehmen. Bei dieser Szene fragte man sich unwillkürlich, ob es tatsächlich keine vernünftigen Männer gibt.
Aber natürlich gibt es sie, scharenweise. Puls 4 hatte nur wenig Interesse daran, sie in einer Diskussion zu zeigen. Krasse Statements, mit denen man den Zuschauer vor den Fernseher locken will, sind gefragt – eine Entwicklung, die bei vielen Fernsehdiskussionen ins Auge sticht. Die Besetzung der Sendung überrascht trotzdem. Warum konnte Puls 4 nicht wenigstens einen vernünftigen Mann zur Diskussion laden? Der Sender muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die Diskussion damit nicht ernst genommen zu haben.
Gute Quote für den „Public Value“
Auf der „Frauenseite“ begrüßte Moderatorin Corinna Milborn übrigens die Grüne Sigi Maurer, die vor allem über den Fall Peter Pilz sachlich fundiert sprach, sowie Hanna Herbst, Feministin und stellvertretende Chefredakteurin des Magazins „Vice“. Ihr Entsetzen über das Niveau mancher Aussagen auf der „Männerseite“ (der inhaltlich auch Nina Proll zuzurechnen ist) war deutlich. Außerdem die ehemalige Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ), die sich lange bemühte, ernsthaft zu diskutieren, aber irgendwann „auf diese niveaulosen Äußerungen“ nicht mehr eingehen wollte.
Auch als Zuschauer konnte man die Stilisierung der Männer als Opfer irgendwann nicht mehr hören. Und hatte gleichzeitig Mitleid mit den Männern, weil sie sich von Tomanek, Mucha und Proll erklären lassen mussten, wie sie sind. Zwei Kandidaten, die ihr Geschlecht mehr in der Opfer- denn in der Täterrolle sehen, sind, für eine Sendung, die ihren „Public Value“ unterstreicht, eine schlechte Ausbeute. Für die Quoten war's allerdings gut: Der Sender freut sich über eine Durchschnittsreichweite von 155.000 Zusehern.
Die "Pro & Contra"-Diskussion unter dem Titel „#METOO oder NOTMEE. Sind wir eine sexistische Gesellschaft?“ wurde am Montag Abend auf Puls 4 gezeigt.