Leitartikel

Brüssel wartet, bis die Träumer in London endlich aufwachen

Die britischen EU-Austrittsbefürworter haben sich im Labyrinth ihrer Wunschvorstellungen verirrt und finden keinen Ausweg.

Niemand kann so gut fantastische Welten kreieren wie britische Erzähler. Von den Rittern der Tafelrunde über Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ bis hin zum „Herrn der Ringe“ und Harry Potter – wenn es darum ging, den Leser auf eine magische Reise mitzunehmen, waren die Autoren des Landes stets unübertroffen. Nun gibt es allerdings zum ersten Mal eine ernst zu nehmende Konkurrenz – nämlich den Brexit. Seit die Wähler für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union votiert haben, schreibt die neue politische Realität Geschichten, die es mit den Höhepunkten des literarischen Einfallsreichtums locker aufnehmen können.

Es folgt eine kleine Auswahl von Schmankerln aus den vergangenen Tagen: In der ostenglischen Fischereihochburg Grimsby, wo die Zustimmungsrate zum Brexit bei rekordverdächtigen 70 Prozent lag, fordern die Bewohner neuerdings die Umwandung ihrer Gemeinde zu einer Sonderwirtschaftszone – weil sie in der Zwischenzeit erkannt haben, dass sie nach dem Verlassen des EU-Binnenmarkts nicht mehr so einfach an frischen Fisch herankommen. Entwicklungshilfeministerin Priti Patel, eine glühende Befürworterin des Abschieds von Europa, hat offenbar ihren jüngsten Urlaub in Israel dazu genutzt, die Nahostpolitik des Vereinigten Königreichs in Eigenregie neu zu gestalten – inklusive Hilfsangeboten an die israelische Armee. Und in London wurde die Regierung von Abgeordneten des Unterhauses dazu gezwungen, die seit Monaten unter Verschluss gehaltenen Studien über die Auswirkungen des Brexit auf 58 Wirtschaftsbranchen publik zu machen – wobei derzeit niemand zu sagen vermag, ob die Studien deshalb geheim gehalten wurden, weil die darin enthaltenen Prognosen zu düster sind, oder weil sich in Wirklichkeit niemand die Mühe gemacht hat, die Konsequenzen des bevorstehenden Austritts ernsthaft zu studieren und nun alle Angst davor haben, aufzufliegen.

Was ist bloß mit den Briten los? Das fragen sich momentan selbst die wohlgesinntesten Beobachter. Das Königreich war immer für seinen Pragmatismus bekannt, für einen gesunden Abstand zu heilversprechenden Ideologien, für evidenzbasierte Politik und für das kluge Abwägen aller Vor- und Nachteile. Diese im besten Sinne des Wortes konservativen Charaktereigenschaften wurden nicht nur im Londoner Regierungsviertel, sondern auch von weiten Teilen der Wählerschaft über Bord geworfen. In Westminster regiert das Wunschdenken, verkörpert durch Außenminister Boris Johnson, der auf der Suche nach dem nächsten amüsanten Wortspiel durch die Weltpolitik stolpert, und Premierministerin Theresa May, die zuerst den Countdown zum Austritt gestartet hatte, dann ihre parlamentarische Mehrheit verspielte und sich daraufhin in der Downing Street 10 verbarrikadiert hat.


Das von der britischen Regierung veranstaltete Chaos zeigt, dass blühende Fantasie auch eine Schattenseite hat: Man kann ihr nämlich zum Opfer fallen. Während die britische Regierung in Tagträumen über die bevorstehende Wiederkehr des Empire schwelgt, wartet man in Brüssel immer noch darauf, dass die Träumer in London aufwachen und endlich sagen, ob sie die Austrittsbedingungen erfüllen, und welche Beziehung zu Europa sie künftig gerne hätten. Es klingt fast schon zu absurd, um wahr zu sein, doch diese Fragen bleiben auch 17 Monate nach dem Referendum unbeantwortet. Die britischen Europagegner haben sich im Labyrinth ihrer Wunschvorstellungen verirrt und finden keinen Ausweg. Nach dem Brexit soll alles anders und besser werden – nur die Vorteile der EU-Mitgliedschaft sollen, bitte schön, unangetastet bleiben. Warum? Darum.

Diesen Gefallen werden die EU-27 den Briten nicht tun. Dass die Geschichte vom Brexit keine glückliche Wendung nehmen wird, hätten die Austrittsbefürworter wissen können, wenn sie sich mit dem literarischen Kanon vertraut gemacht und „Alice im Wunderland“ gelesen hätten. Eine Hauptrolle spielt darin Humpty Dumpty – ein Ei, das vor lauter Hochmut von der Mauer stürzt und in tausend Scherben zerbricht. „Und auch der König mit seinem Heer rettete Humpty Dumpty nicht mehr.“

E-Mails an: michael.laczynski@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2017)

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