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Venedigs Scheinlösung für Kreuzfahrtschiffe

Kreuzfahrtschiffe belasten die Umwelt in der Lagunenstadt schwer, klagen Aktivisten in Venedig.
Kreuzfahrtschiffe belasten die Umwelt in der Lagunenstadt schwer, klagen Aktivisten in Venedig.(c) REUTERS (STEFANO RELLANDINI)
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Riesige Schiffe sollen künftig einen Umweg rund um das historische Zentrum nehmen, aber in die Lagune dürfen sie trotzdem einfahren. Umweltschützer zeigen sich empört, zumal der Ausweichhafen gar nicht fertig gebaut ist.

Venedig. Sie gehören sicherlich nicht zu den beliebten touristischen Erscheinungen in Venedig. Viele sagen, sie zerstören die einmalige Landschaft in der Lagunenstadt. Fest steht jedenfalls, dass sie den Lebensbedingungen in der ohnehin schwer mit Umwelteinflüssen kämpfenden Serenissima keinen guten Dienst erweisen. Venedig kämpft schon seit mehreren Jahren gegen die Kreuzfahrtschiffe, die groß wie Hochhäuser an historischen Plätzen wie dem Markusplatz vorbeifahren. Nun soll wirklich Schluss sein mit den Kolossen im Zentrum von Venedig.

Zumindest will die italienische Regierung Schiffe mit mehr als 55.000 Tonnen im Kanal von Giudecca und somit vor bekannten Sehenswürdigkeiten verbieten. Dafür sollen sie eine andere Route in der Lagune nehmen und an einem – freilich weniger glamourösen – Hafen in Marghera am Festland anlegen. Empört zeigen sich die Umweltschützer trotzdem: Denn der Plan sieht offenbar auch vor, dass Schiffe mit mehr als 96.000 Tonnen in die Lagune einfahren können – wenn auch nicht am Zentrum vorbei. Derzeit sind diese Mega-Schiffe in der gesamten Lagune verboten. „Sie haben das schlechteste Projekt von allen gewählt“, sagte Luciano Mazzolin vom Anti-Kreuzer-Komitee No Grandi Navi dem Sender Radio Capital. „Wir wollen, dass die Schiffe überhaupt nicht in die Lagune fahren.“ Denn das bringe große Umweltprobleme mit sich.

 

Erst in drei oder vier Jahren

Hinzu kommt: Das neue Terminal für die Kreuzfahrtschiffe in Marghera ist noch gar nicht fertig. Die Regierung spricht daher von einem Verbot der Kreuzer vor dem Markusplatz in drei oder vier Jahren. Bis dahin dürfen die Schiffe also noch vor der historischen Altstadt fahren.

Über Schäden, die die riesigen Schiffe anrichten, klagen Anrainer, Kultur- und Umweltschützer schon lange. Sie gefährden das ökologische Gleichgewicht in der Lagune, könnten historische Gebäude beschädigen und stoßen Schadstoffe aus. Außerdem bringen sie noch mehr Touristenmassen in die Stadt, die sowieso schon vom Ansturm überfordert ist. Auch der Unesco sind die Kreuzfahrtschiffe ein Dorn im Auge: Die UN-Kulturschutzorganisation drohte sogar damit, Venedig auf die Liste der gefährdeten Kulturgüter zu setzen, wenn keine Lösung gefunden werde.

Was den jüngsten Vorstoß betrifft, zeigen sich mehrere Politiker durchaus zufrieden. „Es reicht, dass der Unesco und der Welt klar wird, dass wir eine Lösung für die großen Schiffe in der Lagune haben“, sagte Bürgermeister Luigi Brugnaro mit Blick auf die Entscheidung, die die Regierung in Rom zusammen mit Vertretern der Region am Dienstagabend getroffen hatte. „Nach monatelangen Untersuchungen und ernsthafter Arbeit haben wir eine wirkliche Lösung gefunden“, sagte auch Verkehrsminister Graziano Delrio. „Es ist möglich, den Hafen zu entwickeln und die Kreuzfahrtschiffe ankommen zu lassen, ohne das Kulturerbe Venedigs aufs Spiel zu setzen.“

 

Kreuzfahrten um 436 Prozent gestiegen

Venedig lebt vom Tourismus – und auch vom Kreuzfahrttourismus, viele Arbeitsplätze hängen davon ab. Seit 1997 ist der Kreuzfahrttourismus nach Angaben des Passagierterminals um 436 Prozent gewachsen. Im vergangenen Jahr kamen nach Angaben der Hafenbehörde mehr als 1,6 Millionen Kreuzfahrttouristen. Für die ist eine Fahrt vorbei am Dogenpalast, am Markusplatz und den anderen Sehenswürdigkeiten Venedigs natürlich ein Highlight der Reise. Und bis auf weiteres wird ihnen dieses Spektakel auch nicht genommen. (APA/dpa)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2017)