Der Autoverkehr stockt, öffentliche Verkehrsmittel kommen verspätet, und Glatteis sorgt regelmäßig für Verletzungen. Was Wiener sonst noch wurmt.
Aus dem Schlaf aufgeschreckt vom metallischen Scharren einer Schneeschaufel auf dem Asphalt – bei manchem Wiener löst dieses Geräusch fast so etwas wie eine Urangst aus, könnte man meinen. Die Angst des Städters vor dem Schnee. Tatsächlich scheint man zunächst wenig erfreut nicht Schneemänner und Rodeln zu assoziieren, sondern eine jener beschwerlichen Konsequenzen, die das Stadtleben im Fall des Schneefalls ereilt.
Bewusst werden die Auswirkungen meist auf dem Weg in die Arbeit. „Viele Autofahrer haben Angst vor Schnee und Eis“, sagt Roland Frisch, Pkw-Chefinstruktor des ÖAMTC. Das Resultat sind nervöse Fahrer, die mit feuchten Händen am Steuer sitzen – und gelegentlich an ihre fahrerischen Grenzen stoßen. „Beginnt das Auto zu rutschen“, so Frisch, „verkrampft der Körper oft und tut gar nichts mehr“. Ein Verhalten, das sich mit Training vermeiden ließe.
Überraschung: Im Winter schneit's
So wie es auch sinnvoll wäre, sein Fahrverhalten an die rutschige Fahrbahn anzupassen. Denn nur weil im Ortsgebiet 50 km/h erlaubt sind, bedeute das nicht, dass man auf Schnee unbedingt diese Geschwindigkeit fahren muss (oder darf). Ein Problem ist auch die Ausrüstung: Vor allem der erste Schnee kommt immer „überraschend“ – und sorgt für lange Wartezeiten in den Autowerkstätten, wo plötzlich die gesamte Stadt auf Winterreifen wechselt. Immerhin, das sollte beim aktuellen Wintereinbruch kein Problem mehr sein, gab es den ersten Schnee doch schon im Oktober.
Doch auch wer öffentlich unterwegs ist, muss sich auf Frust einstellen. Verspätungen von bis zu 15 Minuten, wie sie die ÖBB gestern, Freitag, einräumen mussten, sind dabei noch die harmlose Variante. Regelrecht chaotische Zustände und lange Wartezeiten gab es etwa am 20. Dezember, als Kälte und Schneeverwehungen mehrere Weichenanlagen auf der Südbahn außer Gefecht setzten. Kaum hatte man den Schnee aus einer Weiche entfernt, wehte der Wind wieder neuen hinein. Selbst die mit einer Heizung versehenen Weichen konnten den Schnee nur antauen.
„Wenn viel zusammenkommt, kann man gegen manche Dinge nichts machen“, gesteht ÖBB-Infrastruktur-Sprecherin Bettina Gusenbauer ein. Doch Flugschnee – jenes Wetterphänomen, das damals den Bahnverkehr fast zum Erliegen brachte – kommt ohnehin nur äußerst selten vor. Bei der derzeitigen Witterungslage werden jedenfalls die Serviceteams doppelt besetzt. Und auch die Wiener Linien haben gestern damit begonnen, Schneearbeiter aufzunehmen, die Haltestellen, Gleise und Weichen vom Schnee befreien.
Dass Schnee gefährlich sein kann: Diese Angst bestätigt man bei der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (Auva). „Die schwersten Unfälle passieren vor allem beim Abkehren von Dächern“, sagt Auva-Experte Wilfried Friedl – erst vor wenigen Tagen starb ein Arbeiter in Wien an den Folgen eines Sturzes.
Zahlreiche Verletzungen
Viel häufiger kommt es aber zu leichteren Verletzungen. Allein in Wien gab es innerhalb von fünf Jahren mehr als 1700 Unfälle von Fußgängern auf Schnee oder Glatteis, so eine Statistik – und das sind nur Vorfälle auf beruflichen Wegen, Freizeitunfälle noch gar nicht eingerechnet.
Um genau das zu verhindern, wurden die Hausbesitzer eindringlich an ihre Pflicht erinnert, die Gehsteige zu räumen. Und auf den Straßen ist die Wiener MA 48 mit rund 1400 Mitarbeitern und 380Großfahrzeugen im Einsatz – sehr zum Unmut mancher Autofahrer übrigens, die über die Schneewächten klagen, die die Schneepflüge vor parkenden Autos auftürmen.
Apropos klagen: Fürchtet sich der Handel vor dem Schnee, der ja potenzielle Kunden vom Einkaufen abhalten könnte? Mitnichten: „Handel lebt von Abwechslung“, sagt Spartenobmann Fritz Aichinger. Vor allem im Bekleidungsbereich freut man sich sogar über den Wintereinbruch, kann man so schließlich noch Stiefel und Mäntel loswerden.
Dass bei Schnee und Kälte weniger Menschen auf den Einkaufsstraßen unterwegs sind, sieht er auch nicht als Problem. Im Gegenteil: „Es wird weniger geschaut, dafür zielstrebiger gekauft.“ Vielleicht ja auch eine Schneeschaufel – mit der kann man nämlich nicht nur Schnee räumen, sondern gleichzeitig auch den Nachbarn am Morgen ein bisschen aus dem Bett schrecken lassen.
Meteorologen prognostizierten große Neuschneemengen für den Osten und Südosten Österreichs – das befürchtete Chaos blieb am Freitag jedoch aus. In der Steiermark kam ein 46-jähriger PKW-Lenker bei einem Unfall ums Leben, im Burgenland wurden bei der Kollision zweier PKW sieben Menschen verletzt. Gegen Nachmittag ging der Schnee zum Teil schon in Regen über. Erst am Sonntag soll es kühler werden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2010)