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Iran

Rosenwasser und Unterdrückung

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Kultur ist das Zauberwort für Iran-Reisende. Die imposanten Kulturschätze und der Zauber des Orients faszinieren. Aber soll man in ein Land reisen, in dem eine Mullah-Diktatur das Volk unterdrückt?

Das Zwitschern ist allgegenwärtig, wenn man den Vakil-Basar durchstreift. Glockenhell singen die Vögel, die den Händlern am größten Basar der Stadt Shiraz Glück bringen sollen. In ihren kleinen Käfigen springen sie über den Teppichen, Stoffen und Gewürzen, während die Händler miteinander plaudern, die Rechnungen durchsehen oder ein Nickerchen halten. Aufdringliche Verkäufer findet man hier kaum, die Männer lassen ihre Waren für sich sprechen. Auch ein Feilschen um den Preis ist höchst unüblich. Wer bei einer Reise in den Iran an die arabische Welt denkt, wird in malerischen Städten wie Shiraz oder Isfahan schnell eines Besseren belehrt. Die Iraner sehen ihr Land geradezu als Gegensatz dazu, „arabisch“ impliziert für sie eine Kulturlosigkeit, der sie sich mit einer beeindruckenden Historie gegenüberstellen wollen. Das Ornament Arabeske würde man hier Iraneske nennen, erklärt ein Reiseführer. Ob das tatsächlich stimmt? Im Garten Bagh-e Narandschestan, wo Bitterorangen wachsen und das Plätschern des Wassers die Gedanken fortträgt, kommt man zu dem Schluss, dass das kaum wichtig sein kann.

18 Gärten und Parks gibt es in der Zwei-Millionen-Stadt Shiraz, und nicht jeder von ihnen ist zu jeder Jahreszeit schön. Die Oasen machen vergessen, wie trocken das Land der südlich gelegenen Provinz Fars, früher Pars, ist. Es ist das Gebiet, dem Persien seinen Namen verdankt. Verlässt man die Stadt, ist man schnell in der Wüste. Die Straßen sind von einigen wenigen Häusern gesäumt, die sich zwischen noch unfertig und schon verlassen bewegen. Es ist eine unwirtliche Strecke, die man landeinwärts durchfährt, sie führt an ärmlichen Baracken und Landarbeitern vorbei, die ihre Hacken in die karge Erde schlagen, hinter ihnen hohe Berge. Leben in den fensterlosen Lehmbunkern am Straßenrand Menschen? Die Führer sind sich nicht ganz sicher. Aber auch die eine oder andere Karawanserei ist zu sehen: Stolz präsentiert ein Bauer am Rande der Wüste bei Varzaneh seine Dromedare, die die Mühle betreiben – freilich nur noch zum Zweck der Show.

Nur eine Stunde entfernt von Shiraz befindet sich Persepolis, die einstige Königsstadt, die Alexander der Große niederbrennen ließ. Es ist die Wiege der persischen Kultur, und die Leistung, die dahintersteckt, ist nach dem Eintritt durch das gewaltige Tor aller Länder nur zu deutlich. Von den einzelnen Palästen ragen noch bis zu 20 Meter hohe Säulen in den Himmel, mehrere imposante Steinlöwen sind beinahe perfekt erhalten, sie waren lange verschüttet. Zwischen den Ruinen wandernd erfährt man, dass 20.000 Arbeiter der Palastanlage zu ihrer Pracht verholfen haben – Arbeiter, keine Sklaven. Unter König Darius I soll es beim Bau sogar eine Art Unfallschutz und Muttergeld gegeben haben. Die Reliefs lassen die Geschichte aufleben – und im Glanz der Historie wird umso deutlicher, wie gefangen das Land gegenwärtig ist. Der Nationalstolz der Iraner gründet in der Zeit vor der Ankunft des Islam – oder Islamisierung, wie manche von ihnen sagen. Immerhin war das Persische Reich das erste Großreich der Antike, die Vergangenheit ist glorreich, Gegenwart und Zukunft dagegen scheinen unsicher.

„Sind nicht besonders religiös“

Die Spannung zwischen dem verhassten Regime und den Menschen wird allerorts deutlich. Das Bild, das man im Westen von ihnen habe, sei völlig falsch: „Wir sind nicht radikal, wir sind nicht einmal besonders religiös“, hört man immer wieder von liberalen Iranern. Sie schätzen, dass lediglich 30 Prozent der Schiiten im Land ihre Religion streng nach Vorschrift praktizieren. Die Übrigen würden nur dann beim Freitagsgebet erscheinen, wenn die Obrigkeit darüber Listen führe. Das Fehlen des Namens auf einer solchen Liste könne manche, etwa Beamte, durchaus in Schwierigkeiten bringen.

Die Unterdrückung der Iraner ist auch für Touristen sofort ersichtlich, nicht nur durch das vielen Frauen verhasste Kopftuch und die Kleidungsvorschriften. Sondern auch durch das Straßenbild: Allgegenwärtig sind die Köpfe der beiden Ajatollahs Khomeini und Ali Khamenei. Seit beinahe drei Jahrzehnten ist Khomeini tot, aber der finstere Blick des Führers der Islamischen Revolution ist stets präsent. Überdimensioniert sind die Porträts in und an den Gebäuden angebracht, neben und über den Straßen, sie hängen vor den Parks und in den Basaren. Sie und die Bilder der Märtyrer aus dem Iran–Irak-Krieg prägen das Stadtbild.

Keine Bettler, keine Hunde

Viele der im Krieg Gefallenen waren jung, sie wollten und konnten ihr Land gegen Saddam Hussein verteidigen, wurden zu Helden. Auch 5000 Frauen sind unter den Märtyrern, auch sie kämpften, ihre Bilder fehlen aber. Immer wieder fällt auf, was nicht zu sehen ist: internationale Ketten wie Starbucks, Zara, Pizza Express. Nur ein winziges Lego-Geschäft macht sich in einem besseren Viertel in Shiraz bemerkbar. Es gibt so gut wie gar keine Bettler, keine Straßenmusikanten und keine Hunde, denn mit ihnen spazieren zu gehen ist verboten. Wein ist auch in einer Stadt wie Shiraz, die der Rebe ihren Namen gegeben hat, kaum zu bekommen. Aber, so hört man, natürlich gebe es noch Trauben, aus denen Essig erzeugt werde, und manchmal gehe bei der Produktion auch etwas schief, und es entstehe Wein. Der dann in geschützten Wohnzimmern bei privaten Partys ausgeschenkt wird. Die Sittenwächter lassen die Menschen feiern, wenn sie es versteckt tun, es hat sich eine Grauzone an verbotenen Dingen etabliert, gegen die im Normalfall (Sicherheit gibt es natürlich keine) nicht eingeschritten wird. Es darf aber keine öffentliche Missachtung der Regeln geben.

Hafis, der große Poet der Perser, wurde vor rund 700 Jahren geboren, sein Grab ist gut besucht. Studenten, Reisende, Liebende kommen hierher und lassen sich vor dem weißen, kühlen Stein seines Grabmals ablichten. „Wenn du zu meinem Grabe / deine Schritte lenkst / bring Wein und Laute mit, / damit ich zu der Spielmannsweise / tanzend mich erhebe“, schrieb Hafis einst. Und in einem Land, in dem Frauen im Fernsehen nicht mit einem Instrument gezeigt werden dürfen, in dem selbst der Tanz reglementiert ist, klingt dies fast wie eine Aufforderung zum Widerstand. Hafis' Gedichte sind keinesfalls das, was die aktuelle Führung des Landes gutheißt. Sie zu verbieten könnte aber breiten Widerstand erzeugen, vielleicht wäre es der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Urlaub in der Mullah-Diktatur?

Wer in den Iran reist, erkundet ein Land mit vielen Gesichtern. Klar ist auch: Man kann aus nächster Nähe ein autoritäres Regime, eine Mullah-Diktatur bei der Unterdrückung eines Volkes von 80 Millionen Menschen beobachten. Sollte man das Land deshalb meiden? Die Menschen auf der Straße wollen zeigen, dass sie nicht dem Bild entsprechen, das der Westen von ihnen hat, kleine Kinder rufen die paar englischen Worte, die sie gelernt haben, wenn sie Touristen sehen: „Hello! How are you?“ Die Menschen freuen sich ehrlich über ausländische Besucher, nicht wegen ihres Geldes, sondern wegen ihres Interesses an ihrem Land. Sie sind freundlich, herzlich, erzählen wunderbare Geschichten. Das Land zu meiden hieße, ihnen ihre Stimme zu nehmen.

REISETIPPS

Die beste Reisezeit für den Iran sind Frühling und Herbst, vermeiden sollte man den Ramadan. Bei Reisenden werden manche Regeln nicht so streng gesehen wie bei Iranern, aber die Arme und Beine sollten vollständig bedeckt sein, Frauen brauchen ein Kopftuch. Bei Einkäufen sollte man darauf achten, ob die offizielle Währung, Rial, oder der inoffizielle Toman verlangt wird; ein Toman sind zehn Rial.

Die Reise erfolgte auf Einladung der Reiseveranstalter Geo Reisen (www.georeisen.com) und Raiffeisen Reisen (www.raiffeisen-reisen.at). Sie bieten ganzjährig individuelle Reiseausarbeitungen (Private Tours) und acht- bis zwölftägige Gruppenreisen an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2017)