Schusswaffen: "Ich will nicht wehrlos sein"

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Knapp 300.000 Waffenscheine gibt es in Österreich. Wer sind die Menschen, die daheim im Schlafzimmer-Safe eine Schusswaffe haben? Und wovor haben sie Angst? Zu Besuch in einem Haushalt mit Colt.

Ute Veits ist zierlich, blond gelockt und spricht höflich mit zarter Stimme, kurz: Sie fällt unter das, was man als femininen Typ bezeichnet. Darüber hinaus besitzt Veits eines von 278.515 waffenrechtlichen Dokumenten in Österreich.

Die Zahl tauchte vergangene Woche auf, als ein Trafikant in Wien einen Räuber erschoss, sie addiert Waffenpässe und Waffenbesitzkarten (plus die veralteten „Waffenscheine“), die laut Innenministerium in Österreich existieren. Da Jäger nicht mitgezählt werden, handelt es sich dabei oft um Dokumente für Waffen, die dem eigenen Schutz dienen. Wer die Leute sind, die solchen Schutz brauchen, darüber jedoch hört und liest man wenig. Denn im Unterschied zu – um das plakativste Beispiel zu verwenden – den USA, wo der Fotograf Kyle Cassidy für seinen Bildband „Armed America“ quer durchs Land reiste, um stolze Waffenbesitzer samt Arsenal abzubilden, ist die Pistole im Schlafzimmersafe etwas, worüber man hierzulande nicht locker plaudert. Zumindest nicht, wenn die Öffentlichkeit über den Stammtisch hinausgeht.

Oder auch den Wohnzimmertisch, an dem Veits sitzt. Vor ihr liegt – schwarz, schwer „und natürlich ungeladen!“ – ihre erste Waffe, gekauft mit 25 Jahren: ein Colt Python Kaliber .357 Magnum. „Eigentlich keine Frauenwaffe“, sagt sie, „zu groß“. Veits ist mit Schusswaffen aufgewachsen: „Großvater Jäger, Vater Jäger, jetzt auch die Schwester und der Bruder.“ Zudem ist Veits mit Georg Zakrajsek verheiratet, Generalsekretär der Interessengemeinschaft Liberales Waffenrecht in Österreich (IWÖ) und ebenfalls passionierter Jäger. Der ausgestopfte Gepard in der Wohnzimmerecke ist Zeuge.

Veits selbst hat sich den Colt „rein zur Selbstverteidigung“ gekauft: „Ich will nicht völlig wehrlos sein“, sagt sie und versteht nicht, warum sie in der Minderheit ist (im IWÖ stellen Frauen zehn Prozent): „Vermutlich haben Frauen eine Hemmschwelle, eine Waffe anzugreifen, aber das ist eigentlich ein Blödsinn. Gerade wenn ich schwächer bin, ist eine Schusswaffe eine gute Möglichkeit sich zu wehren, weil die Kraft nicht den Ausschlag gibt.“ Dass man sich wehren muss, steht für Veits fest. Und auch, dass die Welt sicherer wäre, wären mehr Bürger legal bewaffnet: „Dann würden sich die Verbrecher nicht alles trauen. Wie komme ich dazu, dass ich einem Einbrecher alles willenlos gebe? Man sagt immer, die Sachen sind ein Leben nicht wert, andererseits: Wir sind kein Selbstbedienungsladen!“

Nicht normal. Freilich: Experten stützen die Gleichung – mehr bewaffnete Bürger ist gleich mehr Sicherheit – nicht. „Zwar wägen auch Einbrecher ihr Risiko ab, aber Kriminalität ist komplex. Es könnte sein, dass die Kriminellen dann einfach brutaler werden“, sagt Bernhard Klob vom Institut für Kriminologie der Uni Wien und selbst Sportschütze. Ein komplettes Waffenverbot für Privatpersonen sei aber auch keine gute Idee. Das zeige das Beispiel Großbritannien: „Dort ist ein regelrechter Schwarzmarkt entstanden.“

Unterm Strich hält Klob die heimische Gesetzeslage – sehe man vom uneinheitlichen Vollzug ab (ob eine Waffe bewilligt wird, liegt im Ermessen der Behörde und hängt damit vom Beamten ab) – für vernünftig. Unvernünftig sei aber die öffentliche Debatte über den Waffenbesitz: „Entweder ist man total dagegen und hat Panik, oder man ist extrem dafür. Es fehlt der normale Umgang.“

Extrem – das sind für Veits (natürlich) die anderen. Sie seien auch schuld, dass angeblich „sogar hochrangige Politiker fürchten, mit Waffe abgebildet zu werden“. Schuld seien jene, die „immer gleich Waffennarr schreien“, und wenn es politisch sein soll: „die Grünen“. An dieser Stelle muss man erwähnen, dass die Familie selbst bereits Gegenstand öffentlicher Debatte war. Als der damals 13-jährige Sohn in der Schule – unter anderem Fotos – von einer Jagd in Afrika zeigte, auf der er selbst geschossen hatte, gab es einen Eklat.

Wien rüstet. Zwar lassen sich Schusswaffenbesitzer politischen Parteien nicht zuordnen, aber, meint Klob, das selbstgewählte weltanschauliche Etikett „konservativ“ sei nicht falsch. Rainer Kastner, beim Kuratorium für Verkehrssicherheit für den waffenrechtlichen Psychotest zuständig, beschreibt seine Kandidaten als bunt gemischt: Alte, Junge, Arbeiter, Akademiker; Klob etwa kennt viele Zahnärzte. Was Kastner aber auffällt, ist, dass die Gruppe jener Menschen, die eine Waffe will, um sich zu schützen (und nicht als Sportgerät), anteilsmäßig zunimmt: „Vielleicht ist das auch nur ein ostösterreichisches Phänomen.“ Vielleicht, meint er, wegen der Einbrüche. Tatsächlich passt seine Beobachtung zu Zahlen, die die Wiener Polizei bekanntgab: Während von 1999 bis 2009 die Zahl der Waffenbesitzkarten und Waffenpässe österreichweit zurückging, wurden 2009 in Wien um 41 Prozent mehr Waffenbesitzkarten und um 17,7 Prozent mehr Waffenpässe ausgestellt.

Wien ist also heute, wortwörtlich, „kampfbereiter“. Theoretisch. Und praktisch? Würde man, wenn es so weit ist, schießen, töten gar? „Wahrscheinlich würde ich erst schreien“, sagt Veits, „aber man muss sich über diese Konsequenz im Vorhinein klar sein.“ Und fügt hinzu: „Im Notfall bin ich schneller.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2010)

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