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Kulturkampf in Berlin: "Schwaben, verpisst euch!"

(c) EPA (Silke Reents)

Im Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg tobt ein Kulturkampf zwischen Alteingesessenen und Neuzugezogenen aus Süd- und Westdeutschland. Das einstige Arbeiter- und Künstlerviertel ist heute teuer und schick.

Wir sind ein Volk“, steht in großen Lettern auf den Plakaten. Automatisch denkt man an die Zeit vor 20 Jahren, als dieser einigende Satz Wende und Mauerfall begleitete. Aber der Untertitel gibt dem Ganzen einen völlig anderen Dreh: „... und ihr seid ein anderes.“

Im Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg tobt ein Kulturkampf zwischen Alteingesessenen und Neuzugezogenen, unter dem Motto: „Schwaben, verpisst euch!“ Gesprayte Aufschriften wie diese werden zwar immer wieder schnell übermalt, die kämpferischen Plakate abgehängt, aber die Aggression brodelt unter der Oberfläche weiter.

Seit 1989 wurden mindestens 80Prozent der Bevölkerung „ausgetauscht“, die „Zuagrasten“ kommen vorwiegend aus dem Süden und Westen Deutschlands. So wohl sie sich hier auch fühlen mögen, die Eindringlinge sind in dem ehemaligen Arbeiter-, später Künstlerbezirk nicht unbedingt willkommen. Doch die Mehrheit gibt den Ton an, und so hat sich das Flair des Viertels in den letzten Jahren stark verändert. Heute prägen vor allem Eltern mit ihren Sprösslingen und Vertreter kreativer Berufe das Bild in dem elf Quadratkilometer großen Dreieck Prenzlauer Berg, einem Teil von Pankow im Nordosten der Hauptstadt.


Yuppisierung eines Bezirks. Man spricht von „Gentrifizierung“, auch „Yuppisierung“, sozialem Umbau, der „Aufwertung“ des Bezirks. Die einst grauen Fassaden erstrahlen in neuem Glanz, die Mieten sind stark gestiegen.

„Das ist wie Disney World, da macht sich die Latte-Macchiato-Generation breit, lauter Kreativ-Fuzzis“, stänkert der Taxifahrer, der die Fuhr nach Prenzlauer Berg nur ungern übernimmt, weil er den Bezirk „ganz besonders hasst“. Das sei nicht mehr das echte Berlin, bloß eine Kunstwelt. Anderen wiederum gilt gerade der sich ständig wandelnde Prenzlauer Berg als Seismograf deutscher Befindlichkeit.

Wenn es denn so ist, dann mutet diese höchst biedermeierlich an: In den proper renovierten Altbauten, wo man gemeinhin auf Vorhänge verzichtet, öffnet sich der Blick in die familiären Wohnzimmer, gutbürgerlich all das und grundsolide. Vor Mitternacht gehen die Lichter aus, das heiße Nachtleben hat sich nach Berlin-Mitte oder Friedrichshain verlagert.


Stetiger Stau von Kinderwagen. Auf den Gehsteigen (und in den Lokalen) stauen sich die Kinderwagen, vorwiegend der teuren Marke „bugaboo“, oft Zwillingsmodelle, winters die Schlitten. Gerundete Bäuche, wohin das Auge blickt, nicht umsonst heißt der Prenzlauer Berg im Volksmund auch „Pregnancy Hill“. Die viel zitierte Behauptung, dass die Geburtenrate hier europaweit am höchsten sein soll, entpuppt sich aber als Mythos: Mit 44 Geburten je 1000 Frauen liegt der Szene-Kiez laut dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung zwar leicht über dem Durchschnitt der Hauptstadt, allerdings gilt dieser Wert für den gesamten Bezirk Pankow, „so dass von einem Babyboom auf dem Prenzlauer Berg keine Rede sein kann“.

Die relativ hohe Geburtenrate erklärt sich vor allem dadurch, dass hier sehr viele junge Leute leben, angelockt durch die kinderfreundlichen Angebote. Schwangeren-Yoga, Bio-Läden, Kinder-Cafés. Diesen Sonntag steht im Rahmen eines Bodypainting-Aktionstages sogar Baby-Bauch-Bemalung auf dem Programm, verkündet ein Plakat.

„Hier ist es mit Kindern super“, sagt Denise Schüller, 37, die sich trotz Eiseskälte mit Karl (4), Kaspar (2) und Theodor (3 Monate) auf den Spielplatz gewagt hat. „Viele Leute sind hier genauso wie wir, man passt gut zusammen.“ Ihren westdeutschen Mann musste die Brandenburgerin überreden, von Schöneberg nach Ostberlin zu ziehen, aber jetzt ist auch er sehr zufrieden.

Zum Aufwärmen gehen wir ins „Kiezkind“ auf dem Helmholtzplatz, ein Eltern-Kinder-Café mitten im Park. Hier gibt es sogar eine Indoor-Sandkiste und einen „Baby-Latte“ um 50 Cent– geschäumte Milch im Plastikbecher.Auch für die Erwachsenen werden die raffinierten Kaffeespezialitäten auf dem Prenzlauer Berg natürlich „auf Wunsch auch entkoffeiniert, mit Soja- oder laktosefreier Milch“ serviert. Oder darf es vielleicht Kürbis-Honigmelonen-Suppe sein – bio natürlich?


Bio-Mamis und Öko-Faschismus! „Dort kannst du nicht reingehen“, erklärt später eine kinderlose Freundin, „all diese Vorzeigeväter in Elternzeit (Karenz, Anm.)!“ Auch den US-Musiker und DJ Pablo Roman-Alcalá (29) nerven die „Bio-Mamis“ und der „Öko-Faschismus“ auf dem Prenzlauer Berg. Knapp sechs Jahre hat er hier gelebt, in seiner jetzigen Wohngegend in Kreuzberg ist es aber „fast noch ärger“.

„Babytown, das macht mich wahnsinnig.“ Wenn man in solchen Vierteln auf der Straße gehe, bekomme man manchmal das Gefühl, „nicht dazuzugehören“. Zugleich schätzt Pablo den fruchtbaren Boden für die kreative Szene, die richtige „neighborhood“ im amerikanischen Sinne, wo jeder jeden kennt. Nur geht seiner Meinung nach die Entwicklung in ganz Berlin zu sehr in Richtung „Business und hoher Einkommen – das passt nicht in diese Stadt“.

Auch Andrea Dahmen (36) aus Köln, gemeinsam mit Christoph Munier (31) aus Bremen Inhaberin des „Kauf dich glücklich“, bedauert das: Als sie ihren Laden – eine Mischung aus Möbelgeschäft, Café und Waffelbude – vor acht Jahren aufbauten (zweimal am Prenzlauer Berg und vier weitere in anderen deutschen Städten), „konnte man hier noch mit wenig Geld was machen“. Heute ist das kaum noch möglich. „Es ist alles schicker und teurer. Viele Leute, die das hier aufgebaut haben, können die Mieten leider nicht mehr bezahlen.“

Die Struktur der Bewohner werde immer homogener, klagt Christoph, die kreative Zwischennutzung von unsanierten Gebäuden, „wo etwas entsteht“, sei jetzt nicht mehr praktikabel. „Aber Bedauern hilft nicht, die Politik kann durch verschiedene Interventionen ein bisschen eingreifen, die Entwicklung eines Bezirks ist immer ein Kompromiss.“ Und der Laden, der bewusst alle Altersgruppen und Schichten anspricht, läuft ohnehin rund.

„Kauf dich glücklich“ – der Name ist Programm. „Glücklich am Park“ heißt das zweite Lokal der beiden, ein paar Straßen weiter in der Kastanienallee, wegen der hier gern promenierenden Schauspieler auch „Castingallee“ genannt. Originelle Läden gibt es dicht an dicht, obwohl sich in den vergangenen Jahren auch immer mehr Ketten breitmachen. So mancher Anwohner beklagt bereits den drohenden Verlust der Individualität.

Wenn es mit dem Beziehungsglück (am Park) vorbei ist, kann man übrigens ins „Lass uns Freunde bleiben“ am nächsten Eck ausweichen. „Ruf mich nie wieder an ruf mich nie wieder an“, steht da in einer Endlosschleife an die Wand geschrieben. Oder gar zu „Suicide Sue“, wie sich ein anderes Café nennt? Das passt denn doch nicht zum vorherrschenden Lebensgefühl auf dem Prenzlauer Berg.


„Keine nostalgischen Anfälle“. Und wie sehen „Ureinwohner“ die Entwicklung des Bezirks? Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (66), der bei der Bundestagswahl im Herbst 2009 allerdings sein Direktmandat für diesen Bezirk verlor, will sich keinen „nostalgischen Anfällen“ hingeben, keiner „Sehnsucht nach den früheren Wohnverhältnissen, wo alles grau in grau war und man schon froh sein musste, ein Klo zu haben. Die erste Wohnung haben wir dadurch bekommen, dass wir die Hauswartsstelle übernommen haben, jahrelang mussten wir zweimal die Woche den Treppenaufgang putzen, so war das zu DDR-Zeiten“.

Seit 37 Jahren lebt Thierse auf dem Prenzlauer Berg und nennt sich selbst ironisch „Platzhirsch vom Kollwitzplatz“. Auch als Bundestagspräsident weigerte er sich, in die Amtsvilla zu ziehen, „denn das hier ist meine soziale Bodenhaftung, ich brauche nur aus dem Haus zu gehen und weiß gleich, was sich verändert“.

Für den SPD-Politiker hat der Bezirk in den vergangenen 20 Jahren „einen Wandel erlebt, der durchaus seine erfreulichen Seiten hat: Prenzlauer Berg sieht viel schöner aus als früher. Es ist lebendiger geworden, und dass hier viele junge Leute mit Kindern wohnen, das kann ich doch nicht kritisieren, ich bin doch nicht verblödet!“

Jede freundliche Vorderseite habe freilich auch eine Rückseite: „Der Anstieg der Mieten und der Kosten fürs Wohnungseigentum hat die Verdrängung von Menschen zur Folge. Natürlich sehe ich, dass der wohlhabende Anwalt aus Stuttgart, der Chefarzt aus München und der Bankmanager da für den missratenen Sohn ganz schnell mal 'ne Eigentumswohnung gekauft hat. Dass das die Preise verdirbt. Ich sage aber trotzdem: Es hilft nichts – sollen wir über den Prenzlauer Berg eine Käseglocke stülpen und daraus ein Museum der proletarischen realsozialistischen Armut und des Verfalls machen? Das wäre doch absurd!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2010)