Birgit Minichmayr und Philipp Hochmair haben gemeinsam bei Klaus Maria Brandauer gelernt. Im Interview spricht Hochmair über den „extrem unkonventionellen“ Unterricht, den ihm nahen Charakter des Nick in „Tiere“ und warum er die Anarchie in „Vorstadtweiber“ gut findet.
Bekommen Sie oft Filme angeboten? Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?
Philipp Hochmair: Mir wird nicht dauernd etwas angeboten. Ich ertrinke zwar in Arbeit. Aber es ist nicht so, dass ich 20 Drehbücher am Tisch liegen hätte.
Wie war es bei „Tiere“?
Der Film ist auf mich zugekommen. So wie „Kater“ und „Vorstadtweiber“. Das habe ich nicht ausgesucht, es ist einfach dagewesen. Es gibt kaum eine Rolle, die mir mehr entspricht als der Charakter des Nick in „Tiere“. Diese Nähe zum System, die da gezeigt wird, die hat mich eingeholt, mich gerufen.
Welche Nähe zum System meinen Sie?
Das Beziehungssystem. Wie der lebt. Was da passiert. Das kann ich gut nachvollziehen.
Als ich „Tiere“ gesehen habe, war ich nicht sicher, wer da die Visionen hat – Nick oder seine Frau Anna . . .
. . . oder wer hat Recht? Wer ist böse? Es ist komplex. Dieses Geheimnis einer Beziehung, darin leibhaftig zu bleiben, das ist nicht so einfach zu lösen. Die Verzweiflung, es nicht zu schaffen, das wird da beschrieben, auf eine für mich sehr nahe, aber vielleicht für die Zuschauer verstörende Weise.
Autor Jörg Kalt wollte das Buch selbst verfilmen, hat 2007 aber Suizid begangen.
Der Film beschreibt ja so eine Zwischenwelt, eine Situation zwischen Tod und Leben. Kalt war da kurz vor seinem Tod – und diese Energie fühlt man, finde ich. Das macht den Film außergewöhnlich.
Wie war die Arbeit mit Birgit Minichmayr?
Das war besonders gut, weil wir aus dem selben Stall kommen. Wir haben zusammen studiert, waren Schüler von Klaus Maria Brandauer. Wir haben schon eine intensive Geschichte, auch wenn wir real nicht so viele Berührungspunkte gehabt haben. Aber mit „Die Auslöschung“ wurden wir zum ersten Mal als die Schüler, die Kinder von Brandauer besetzt.
Wie war sein Unterricht?
Extrem fordernd. Extrem unkonventionell. Extrem hart. Aber maximal effektiv, weil Malen nach Zahlen, das war bei ihm nicht am Tagesprogramm. Er hat den Schulwart bestochen und dann Unterricht bis vier in der Früh gemacht. So wie die Maler in Gugging nicht aufhören, wo das Papier zu Ende ist, sondern den ganzen Tisch, das Haus, die Bäume anmalen – so war das auch: Das ist über die Grenze hinaus gegangen. Ich will so was. Ich war im Herzen schon so ein Typ.
Das traut man sich ja kaum auszuleben.
Es gibt gar keinen Ort, wo es so etwas gibt. Es waren auch ein paar Leute kaputt nach dem Unterricht, aber bei mir hat das ganz viel hervorgerufen. Für brave Kinder, die brave Regeln brauchen, ist das anstrengend. Aber wenn das schlimme Kind, das immer brav sein musste, plötzlich schlimm sein darf, dann ist das wie eine Explosion: Ich fand das eine extrem kreative, positive Begegnung. Und das bleibt einem sein Leben lang. Das ist das größte Geschenk.
2003 bis 2009 waren Sie am Burgtheater. Haben Sie es dort nicht ausgehalten?
Ich habe es dort super gut ausgehalten, aber ich wollte mich verändern. Ich wollte nicht in diese Routine kommen. Nach sieben Jahren mit großen Rollen und in der dortigen Ehrengalerie hängend – sollte ich noch sieben Jahre bleiben?
Kommt nach ihrem „Jedermann“-Monolog die Rolle bei den Festspielen?
Meinen „Jedermann“-Monolog mit Band auf dem Domplatz zu spielen, würde mich reizen. Die „Jedermann“-Aufführung an sich ist sicher eine Ehre – aber als theatralisches Erlebnis für mich nicht so spannend. Bei meinem „Jedermann“ kann man eine sehr persönliche Sicht auf das Thema bekommen, das ein essenzielles ist. Ich liebe dieses Stück! Das ist eine sprachlich und inhaltlich hervorragende Textvorlage. Die wollte ich eben befreien in ihrer Wildheit.
Am 8. Jänner geht „Vorstadtweiber“ weiter. Was mögen Sie an der Serie?
Die Anarchie. Ich finde, sie ist außerordentlich gut geschrieben. Sie ist lustig. Sie ist bösartig. Alles ist Lüge. In so einem Sumpf wie Österreich ist doch so was wie „Vorstadtweiber“ super. Das passt perfekt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2017)