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Constanze Dennig: "Wo sind all die Emanzen?"

Constanze Dennig
(c) Lunghammer
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Die Grazer Psychotherapeutin, Autorin und Theaterchefin Constanze Dennig über die Führerqualitäten von Faymann, Strache und Co., ein Kopftuchverbot, Salonkatholiken und das Böse in unseren Hirnen.

„Die Presse“: Wie lautet Ihr psychotherapeutischer Befund der aktuellen österreichischen Politik?

Constanze Dennig: Die Probleme der Basis werden von den Politikern überhaupt nicht mehr gehört. Man lebt in zwei Parallelwelten. Es ist eben ein Unterschied, ob ich das Migrantenproblem in einem Gemeindebau oder einer bürgerlichen Gegend erlebe. Die Menschen haben eine Innensicht und sehen vor allem ihre eigene Betroffenheit, wenn sie als Einzige in einem Gemeindebau übrig bleiben. Da können die Politiker hundertmal erklären, dass Multikulti eine Bereicherung ist. Das klingt viel zu abgehoben. Da geht es beispielsweise längst nicht um das Minarett, sondern um die Frage, was aus unserer Gesellschaft generell wird.


Dennoch: Sind Sie dafür, dass in Österreich Minarette gebaut werden?

Dennig: Ja, aber nur, wenn darin die Männer und Frauen im gleichen Raum beten dürfen. Das kann man im Hinblick auf Gleichberechtigung schon verlangen. Ein Minarett ist ja per se ein Symbol für die Geschlechtertrennung. Ich frage mich, wo die ganzen Emanzen bei uns sind, wenn es um die Stellung der Frauen im Islam geht. Faktum ist, dass bei islamischen Frauen häufiger Depressionen auftreten als bei österreichischen, dass sie öfter zuckerkrank sind, öfter Herz-Kreislauf-Probleme haben. Schaut da jeder weg?

 

Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek hat zuletzt mit ihren Überlegungen über ein Burkaverbot für Aufregung gesorgt. Auch über ein Kopftuchverbot wird immer wieder diskutiert. Wäre das eine Option für Sie?

Dennig: Ja, es wäre gut, wenn es ein Kopftuchverbot gäbe. Es ist für die Frauen nämlich ein Makel: Bei Bewerbungen bekommen sie bei gleicher Qualifikation den Job sicher nicht, und schon die Mädchen in der Schule werden von vornherein in eine Schublade gesteckt. Ich glaube nicht, dass sie das gern haben.


Soll umgekehrt ein Kreuz in den Klassen hängen?

Dennig: Das Kreuz ist ein Symbol für eine Gruppe beziehungsweise unsere Gesellschaft, die Orientierung braucht. Auch wenn es verlogen ist, weil ja die Salonkatholiken dominieren.


Aber es heißt doch, wir leben im Zeitalter des Individualismus, in dem das Zusammengehörigkeits- und Gruppengefühl auf der Strecke bleibt.

Dennig: Den Individualismus in unserer Gesellschaft gibt es ja nicht. Er ist nur eine Ausrede dafür, sich nicht um den anderen kümmern zu müssen. Das hat seine Wurzeln in der seit den 1970ern propagierten Ideologie der antiautoritären Erziehung. Davon ist die eigentliche Ideologie verloren gegangen und nur die Bequemlichkeit geblieben, sich als Eltern nicht kümmern zu müssen. Da haben wir Nachholbedarf, auch wenn es jetzt bereits wieder den Ruf gibt, auch Grenzen zu setzen.


Hat die Politik versagt?

Dennig: Sie hat sich freigekauft, indem sie Eltern mit Sozialleistungen angefüttert hat, statt klarzumachen, dass sie der Gesellschaft auch etwas zurückgeben müssen. Die Wirtschaftskrise wäre eine gute Chance gewesen, wieder mehr Eigenverantwortung zu wecken. Nur mit einer kollektiven Kraftanstrengung schaffen wir es wieder aus dem Sumpf. Stattdessen hat die Politik verkündet: Wir holen euch da raus! Es ist schrecklich, dass die Jugend da nicht protestiert.

 

Hat sie ja – an den Universitäten, auch wenn dieser Protest mittlerweile in Belanglosigkeit versandet zu sein scheint.

Dennig: Weil es die Jugend nicht gelernt hat, ihr Problem zu artikulieren. Da wird es dann schnell lächerlich, und sie wird nicht mehr ernst genommen.

 

Wohin führt diese Entwicklung?

Dennig: Es besteht die Gefahr einer Ein Drittel-Zweidrittel-Gesellschaft: Ein Drittel, das 60 Stunden pro Woche arbeitet wie wahnsinnig, gut verdient und auch genug Steuern zahlt, und zwei Drittel Pensionisten, Kinder und Arbeitslose. Wie das funktionieren soll, weiß ich nicht.

 

Schaffen es die Österreicher also nicht nur, ihre Vergangenheit erfolgreich zu verdrängen, sondern auch ihre Zukunft?

Dennig:Darin sind sie noch viel besser. Nicht nur die Politiker. Aber jedes Volk hat die Politiker, die zu ihm passen. Wir haben eben viele Schönredner. Da werden zwar keine differenzierten Bilder gebracht, aber einfache Antworten gegeben – und die sind das, was Leute gern hören. Und weil sich eben viele nach einem Führer sehnen.

 

Warum?

Dennig: Weil jede Gruppe einen Führer braucht. Das ist ja grundsätzlich auch etwas Wunderschönes: Jeder sucht jemanden, an den er sich anlehnen, bei dem er sich fallen lassen kann, der Verantwortung übernimmt. Das ist ein tiefes menschliches Bedürfnis. Für den Führer besteht aber die Gefahr, schnell fallen gelassen zu werden, wenn er dem Wunschbild nicht mehr entspricht.

 

Sind Figuren wie Heinz-Christian Strache, Werner Faymann oder Josef Pröll Führerpersönlichkeiten?

Dennig: Strache hat sich mittlerweile als Führer der „Inländer“, Benachteiligten und Verlierer positioniert. Bundeskanzler Werner Faymann fehlen diese Führerqualitäten. Von Josef Pröll war es als Schönredner ganz mutig, dass er beispielsweise die Transferleistungen thematisiert hat.

 

Sie führen eine eigene Ordination mit 15 Mitarbeitern: Wie sind Sie als Unternehmerin mit der aktuellen Politik zufrieden?

Dennig: Für die Kleinen gibt es viel zu viele Schikanen. Die Regeln werden ständig nur bei uns kontrolliert, Große wie Magna brauchen nicht einmal einen Betriebsrat. Bei mir in der Ordination hat es zum Beispiel Probleme gegeben, weil das Protokoll für die Einschulung der Putzfrau auf eine neue Leiter gefehlt hat.

 

Trotz dieser Unannehmlichkeiten führen Sie nebenbei auch ein Theater. Warum tun Sie sich das an?

Dennig: Es ist eine Leidenschaft.


Da steckt „leiden“ drinnen.

Dennig: Glücksgefühle müssen eben erkämpft werden. Das ist auch in der Kunst so. Und ich will dieses Glücksgefühl und die Emotionen auch in der Gesellschaft wecken, sie aus der Lethargie herausholen.

 

Erwin Ringel hat die Österreicher einmal als rachsüchtig, neidisch und hinterhältig bezeichnet.

Dennig: Weil er selber so ein Grantscherben war. Aber wir sind das alles nicht mehr als andere.

 

Also sind Fälle wie Fritzl oder Kampusch nicht österreichoriginär?

Dennig: Nein. Es sind Ausnahmen.

 

Wie kann man sie psychotherapeutisch erklären?

Dennig: Menschen wie Fritzl oder auch Jack Unterweger empfinden wie Massenmörder kein Schuldgefühl. Es gibt Untersuchungen, wonach bei ihnen gewisse Areale im Hirn anders funktionieren.

 

Kommt dann als übernächste Stufe nach dem Nacktscanner ein Hirnscreening, ob man die Veranlagung zu einem bösen Menschen hat?

Dennig: Langfristig wird es wohl derartige Untersuchungen geben.


Bisher erschienen: Eva Dichand (7.12.), Eser Akbaba (21.12.), Erich Leitenberger (24.12.), Brigitte Bierlein (28.12.), Wolf Prix (29.12.), Berthold Salomon (31.12.), Helmut Draxler (4.1.), Mirna Jukic (5.1.), Gerhard Heilingbrunner (8.1.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2010)

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