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Gutiérrez-Lobos: "Patienten sind keine Konsumenten"

Gutiérrez-Lobos:
(c) DiePresse (Clemens Fabry)
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Die Psychiaterin und Vizerektorin Karin Gutiérrez-Lobos im "Presse"-Interview über die Fehler der Ärzte, das Tabuthema Depression - und warum Gesundheit keine Ware ist.

„Die Presse“: Wie ist es um die psychische Verfassung des Landes bestellt?


Karin Gutiérrez-Lobos: Ich orte einen Solidaritätsmangel auf ganz vielen Ebenen, vor allem angesichts der Krise. Wir erleben eine Abnahme der Gesamtverantwortung.

Können Sie ein Beispiel nennen?


Gutiérrez-Lobos: In der Medizin etwa wird immer öfter die Frage aufgeworfen, wie viel Selbstverantwortung jemand für seine genetischen und sozialen Voraussetzungen hat. Das ist ein Thema, wenn es um die Finanzierung des Gesundheitssystems geht. Das darf man kontroversiell diskutieren, aber mir fehlt ein wenig die Gesamtverantwortung.

Ist diese Individualisierung nicht ein Zeichen der Zeit, das man einfach anerkennen sollte?


Gutiérrez-Lobos: Kann sein, dass das ein Zeichen der Zeit ist. Ich nehme es nicht hin. Diese Entwicklung hat nicht nur Vorteile, etwa, wenn es um private Gesundheitssysteme geht. Obama hat schon vor Jahren gesagt: Es muss uns interessieren, wenn ein armer alter Mann überlegen muss, ob er Miete zahlt oder sich Medikamente leisten will.

Sind wir im Gesundheitssystem auf dem Weg zu US-Verhältnissen?


Gutiérrez-Lobos: Wir müssen achtsam sein – wie wir mit Ausländern umgehen, mit Frauen, mit älteren Menschen. Wir müssen uns die Frage stellen, bis wann dem Einzelnen die Segnungen der Medizin zustehen. In Bezug auf die psychische Verfassung sehen wir, dass Angststörungen zunehmen. Das kann Ausdruck einer damit einhergehenden Verunsicherung sein.

Seit den 90er-Jahren hat sich die Zahl der Krankenstände aufgrund psychischer Erkrankungen verdoppelt. Werden heute nur mehr Störungen diagnostiziert, oder ist es tatsächlich so schlecht um uns bestellt?

Gutiérrez-Lobos: Das ist die Frage. Es ist schon möglich, dass sich durch die Vereinsamung, den Stress, die Belastungen und die Unsicherheiten diese Störungen verstärken.

Sind psychische Erkrankungen noch immer ein Tabuthema?


Gutiérrez-Lobos: Ja. Erste Anlaufstelle sind nicht Psychiater, sondern Allgemeinmediziner. Auch die sogenannten Burn-outs sind, glaube ich, oft eine Depression. Für viele ist es leichter zu sagen, sie hätten ein Burn-out, weil es nicht auf die Schiene der psychischen Störungen führt...

...die in einer Leistungsgesellschaft sozial unerwünscht sind.


Gutiérrez-Lobos: Genau. Wenn Sie sich vorstellen, dass ein Mensch mit Depressionen in der Früh aufsteht und „Ich kann nicht mehr, kann keine Entscheidungen treffen“ sagt, dann passt das nicht ins Bild.

Eine OECD-Studie stellt Österreichs Gesundheitssystem ein zwiespältiges Zeugnis aus. Es sei leistungsfähig, aber zu teuer. Warum ist das System dennoch so reformresistent?


Gutiérrez-Lobos: Weil das Gesundheitssystem so zersplittert ist, dass es schwierig ist, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Die Zahl der Spitalsbetten ist sicher zu hoch. Das Problem ist, dass der Status einer Gemeinde viel mit der Gesundheitsversorgung zu tun hat. Ein weiteres Problem ist die Dauer der stationären Aufenthalte. Die ist zu lang, weil Spitäler zu oft Pflegeaufgaben übernehmen.

Womit wir wieder bei der Solidarität wären.


Gutiérrez-Lobos: Und bei der Finanzierung. Das ist ein großes Thema der Zukunft. Wir müssen schauen, wie wir ältere Menschen, die einsam und krank sind, versorgen. Es geht nicht nur darum, dass wir jemanden im Bett pflegen, sondern, dass wir die Mobilität erhöhen.

Droht eine Zweiklassenmedizin?


Gutiérrez-Lobos: Ja. Vor allem, wenn es um Selbstbehalte geht. Patienten sind keine Konsumenten, und Gesundheit ist keine Ware. Dafür also Selbstbehalte zu verlangen ist falsch. Wenn Sie krank sind, können Sie nicht fünf Ärzte aufsuchen und das Angebot wie ein Auto ausprobieren und zurückgeben. Patienten können nicht steuern, welche Behandlungen sie wählen.

Warum fällt es Ärzten so schwer, Fehler einzugestehen?


Gutiérrez-Lobos: Ärzte übernehmen mit dem Vertrauen, das ihnen entgegengebracht wird, eine große Verpflichtung. Fehler einzugestehen fällt da schwer. Das ist ein psychologischer Mechanismus. Die Götter in Weiß, dieser Spruch kommt nicht von ungefähr. Viele haben Angst vor einer Entwicklung wie in den USA, wo Ärzte für alles haftbar gemacht werden.

Davon sind wir doch weit entfernt. Wer versucht, gegen ein Krankenhaus zu prozessieren, der verliert.


Gutiérrez-Lobos: Nicht immer. Aber ich gebe Ihnen recht. Da braucht es bei vielen Ärzten einen Prozess der Bewusstseinsbildung.

Die „Göttinnen“ in Weiß gibt es immer noch nicht. Warum?


Gutiérrez-Lobos: Es hat sich viel getan. Wir haben etwa seit drei Jahren eine Primaria für Frauenheilkunde. Wien hat auch eine Gesundheitsstadträtin. Wenig Frauen gibt es in operativen Fächer, in der Chirurgie und der Urologie. Das sind Fächer mit hoher Reputation, viel Technologie – und in denen am besten verdient wird. Das ist eine starke, geschlossene Männergesellschaft. Frauen, die versuchen, da hineinzukommen, geben oft auf. Benachteiligung in universitären Positionen ist ebenfalls Tatsache.

Die Unis scheinen ein strukturelles Problem zu haben. Bereits beim Eingangstest zum Medizinstudium schneiden Frauen schlechter ab. Ist der Test nicht geschlechtergerecht?


Gutiérrez-Lobos: Der Test wird evaluiert. Das schlechtere Abschneiden der Frauen scheint viel mit mangelndem Selbstvertrauen zu tun zu haben. Studien zeigen, dass sie in den Bereichen, in denen die Meinung vorherrscht, dass sie schlecht wären, wirklich schlechter abschneiden. Etwa in Naturwissenschaften, beim räumlichen Denken. Es gibt da tradierte Stereotype, ein gesellschaftlich konstituiertes mangelndes Selbstvertrauen. Dem müssten wir schon in der Schule gegensteuern. Während der Uni-Ausbildung zeigt sich übrigens, dass Frauen kontinuierlich besser werden.

Künftig gilt in allen Uni-Leitungsgremien eine 40-Prozent-Frauenquote. Ist das der richtige Weg?


Gutiérrez-Lobos: Ja. Ich sehe das unromantisch. Die Quote ist ein demokratisches Mittel, um Interessen durchzusetzen. Schauen Sie sich den Nationalrat an. Um in eine Spitzenposition zu kommen, müssen Frauen sowieso dreimal so produktiv wie Männer sein. Die angeblichen Quotenfrauen sind ohnehin die Allerbesten, die sie bekommen können.

Bisher erschienen: Eva Dichand (7.12.), Eser Akbaba (21.12.), Erich Leitenberger (24.12.), Brigitte Bierlein (28.12.), Wolf D. Prix (29.12.), Berthold Salomon (31.12.), Helmut Draxler (4.1.), Mirna Jukic (5.1.), Gerhard Heilingbrunner (8.1.), Constanze Dennig (11.1.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2010)

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