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Gibt es noch Qualitätsliteratur? Zeitungen gehören nicht dazu

Warum gibt es kaum mehr politisch unabhängige Journalisten - im ORF, aber auch bei den Printmedien?

Was versteht man unter Qualität? Ich wage zu behaupten: So viele Definitionen, wie es Menschen gibt, die lesen können. Es ist müßig, darauf hinzuweisen, dass sich der Qualitätsbegriff längst gespalten hat. Eine Zeit lang wurde er etwa für Lebensmittel angewandt, Stoffe, nach und nach auch für Wohnverhältnisse. Geistige Nahrung war vorerst ausgeklammert. Literatur zum Beispiel brauchte ihre Zeit, bis sie unterschiedlich bewertet wurde. Da stand dann Qualität dem Schmarrn gegenüber.

Die Flut von Schmarrnbüchern überschwemmt das, was man noch guten Gewissens als ernsthafte Lektüre bezeichnen kann, in vielfachem Maß. Die Buchhandlungen können ein Lied davon singen, wenn man überhaupt noch eine findet, die fast nur seriösen Lesestoff und weniger oder sogar kaum leichtes Gedrucktes anbietet. Typisch sind Online-Versandhändler, die Bücher genauso behandeln wie andere beliebige Artikel. Amazon etwa, der Online-Versandhandel, publiziert in seinen Ankündigungen eine Liste, die erkennen lässt, was da außer Büchern noch feilgeboten wird, unter mannigfachen Überschriften: „Auto und Motorrad, Elektronik und Foto, Küche und Haushalt, Spielzeug und Baby, Garten und Tier“, etc., etc.

Die Einzelbuchhandlungen haben es angesichts solcher Konkurrenz schwer. Es gibt, wie ich schon festgestellt habe, immer weniger von ihnen. Eine der letzten Sperren war Frick auf der Kärntner Straße. Man muss jetzt einen Umweg auf den Graben nehmen, um den zweiten innerstädtischen Frick-Buchladen heimzusuchen. Schade!


Wer nach ernst zu nehmender Literatur giert (wozu ich vor allem auch Sachbücher rechne), kann sich an jenen paar Fernsehsendungen befriedigen, die interessanterweise mehr als früher im Sendeschema Platz finden, etwa in ORF III, arte oder 3sat. Wie immer – und beileibe nicht nur bei Literatursendungen – sitzen dann Moderator oder Moderatorin vor einem wohlgefüllten Bücherschrank. Das war freilich immer schon so – genauso wie die Sprecher immer ein Schreibgerät zwischen den Fingern halten. Auch das ist schon lange Zeit so gewesen – warum, weiß ich nicht. Dass die Betreffenden des Schreibens kundig sind, steht außer Zweifel. Also bitte, bitte legen Sie den Kugelschreiber oder den Bleistift aus der Hand!

Aus der linken, in der das Schreibgerät vor der Kamera gehalten wird. Noch einmal: Warum, weiß ich nicht. Ich ahne es höchstens. Wird dadurch ein Hinweis auf den Seelenzustand des oder der Betreffenden gegeben? Das wäre ein Fingerzeig auf die politische Meinung des Menschen vor der Kamera. Warum eigentlich gibt es im ORF so viele Linke und so wenig Konservative?

Das wieder führt zu einer anderen wichtigen Frage: Warum sind die österreichischen Qualitätsblätter so spärlich gesät? Der „Standard“ war es einmal. Er nähert sich geistig immer mehr seiner Papierfarbe: rötlich. Seit dem Wahlsieg von Sebastian Kurz ist es nicht leicht, einen Kommentar zu finden, der nicht deutlich die Anti-ÖVP-Haltung der Zeitung erkennen lässt. Hans Rauscher ist ein schlagender Beweis. Er schlägt sich selbst. Warum gibt es kaum mehr politisch unabhängige Journalisten, im ORF, aber auch bei den Zeitungen? In Wien ist der mediale Qualitätssektor fast verwaist. Ich weiß, wovon ich rede.

Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2017)