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Ist Russland der Ursprung einer radioaktiven Wolke über Europa?

Im südlichen Ural betrug die Konzentration von Ruthenium-106 das 986-fache des erlaubten Werts.(c) REUTERS (Gleb Garanich)
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Im Oktober wurde eine erhöhte Konzentration von Ruthenium-106 in der Atmosphäre gemessen, auch in Österreich. Der russische Wetterdienst bestätigt die Messung - die Atombehörde Rosatom widerspricht.

Seit Wochen gibt eine radioaktive Wolke über Europa Experten Rätsel auf. Anfang Oktober hatten Wetterdienste in mehreren europäischen Ländern Spuren des radioaktiven Stoffes Ruthenium-106 in der Atmosphäre festgestellt. Schon damals vermuteten Forscher eine russische Quelle. Doch die russische Atombehörde Rosatom negierte solche Berichte beharrlich: Es habe keine Vorfälle oder Unfälle in nuklearen Einrichtungen in Russland gegeben, die zur Verbreitung von Ruthenium geführt haben könnten, ließ Rosatom am Dienstag in einer Stellungnahme wissen.

Damit widersprach die Agentur dem russischen Wetterdienst Rosgidromet. Dieser hatte am Montag bestätigt, dass Ende September in Teilen des Landes eine "äußerst hohe" Konzentration von Ruthenium-106 festgestellt worden sei. Später habe sich die radioaktive Wolke nach Tatarstan, dann in den Süden Russlands und ab Ende September nach Italien und in nördlichere europäische Länder ausgebreitet. Auch in Österreich wies die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) damals an mehreren Messstellen geringe – gesundheitlich unbedenkliche - Mengen des Stoffes nach.

In den vergangenen beiden Wochen sei in Österreich - wetterbedingt - neuerlich Ruthenium-106 festgestellt worden, allerdings in noch weit geringerer Konzentration und damit knapp an der Nachweisgrenze, sagte Magdalena Rauscher-Weber, Sprecherin des Umweltministeriums, am Dienstag der Austria Presse Agentur. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) sei um Aufklärung bemüht, mit der IAEA sei man laufend in Kontakt.

Die höchste Konzentration sei jedoch in der russischen Messstation Argajasch registriert worden, einem Dorf in der Region Tscheljabinsk im südlichen Ural an der Grenze zu Kasachstan. Die dort gemessene Konzentration habe vom 25. September bis 7. Oktober das 986-fache des erlaubten Werts betragen, berichtete der Wetterdienst. Argajasch liegt 30 Kilometer vom Atomkraftwerk Majak entfernt, wo sich 1957 einer der schlimmsten Atomunfälle der Geschichte ereignet hatte. Heute dient die Anlage der Wiederaufbereitung abgebrannter nuklearer Brennstoffe.

Greenpeace: "Verschleierung eines Atomunfalls"

Auch dieser Messung widersprach Rosatom. Die Ruthenium-Konzentration habe nie den erlaubten Höchstwert überschritten. Der Betreiber der Anlage legte wenig später nach, berichtet die russische Nachrichtenseite „Sputnik“. Die Verschmutzung der Atmosphäre durch den radioaktiven Stoff gehe nicht vom Kraftwerk Majak aus. Denn dort sei schon lange keine Spaltung von Ruthenium-106 von abgebrannten Brennstoffen durchgeführt worden.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace forderte Rosatom auf, eine gründliche Untersuchung vorzunehmen und die Ergebnisse über die Vorfälle in Majak zu veröffentlichen. Greenpeace werde von der Staatsanwaltschaft verlangen, "Ermittlungen über die mögliche Verschleierung eines Atomunfalls einzuleiten", erklärte die Organisation.

Schon Mitte Oktober hatte Rosatom versichert, in Russland seien keine Spuren von Ruthenium-106 festgestellt worden. Das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) führte die leicht erhöhten Messwerte hingegen „mit hoher Wahrscheinlichkeit" auf einen Ursprungsort im südlichen Ural zurück. Auch das französische Institut für Atomsicherheit (IRSN) erklärte, das radioaktive Material stamme wahrscheinlich aus einem Gebiet zwischen der Wolga und dem Ural. Einen Unfall in einem Atomkraftwerk schlossen die Experten damals jedoch aus. Sie vermuteten ein Problem bei einem Hersteller von radioaktiven Medikamenten, wie sie in der Strahlentherapie eingesetzt werden.

Es ist allerdings nicht der erste Vorfall dieser Art: Bereits im Februar sorgte eine radioaktive Wolke über Europa für Rätselraten. Allerdings wurde damals radioaktives Jod freigesetzt.

>>> Artikel auf "Sputnik".

(APA/AFP/red.)