Schnellauswahl

Nachruf Eric Rohmer: Philosophie der Liebe

(c) Reuters
  • Drucken

Die Idee des Profunden: Abschied von Eric Rohmer, einem führenden Filmemacher Frankreichs.

Die französischen Zeitungen drucken Sonderseiten zum Tod des großen Filmemachers Eric Rohmer, der am Montag mit 89Jahren verstarb; die Stellungnahme von Präsident Nicolas Sarkozy trifft zu: „Er hat den Rohmer-Stil geschaffen, der ihn überleben wird.“

Rohmer war fast eine Dekade älter als die Kollegen, die Ende der Fünfzigerjahre von Filmkritikern zu führenden Filmemachern der Nouvelle Vague wurden: Godard, Truffaut, Rivette und Chabrol, mit dem Rohmer 1957 das erste Buch über Hitchcock schrieb. Die Liebe zur Literatur prägte ihn schon da noch stärker als die Kollegen, bereits 1946 hatte er einen Roman verfasst. Das Pseudonym, unter dem er weltweit bekannt wurde, setzte der 1920 im zentralfranzösischen Bischofssitz Tulle geborene Maurice Schérer aus dem Vornamen seines Regieidols Erich von Stroheim und dem Nachnamen von „Fu Manchu“-Autor Sax Rohmer zusammen.

 

Beeindruckende Bildung

Rohmers Filme beharren auf intellektueller Tiefe und einer beeindruckenden Breite bürgerlicher Bildung: Literatur und Komposition (1995 schrieb er ein Buch über die „Idee des Profunden in der Musik“ von Beethoven zu Mozart), Malerei und Philosophie, vor allem cartesianische Denker wie Blaise Pascal. Im gefeierten Filmzyklus „Moralische Geschichten“ – etwa Meine Nacht bei Maud(1969) mit Trintignant, für dessen Drehbuch Rohmer für den Oscar nominiert wurde – haben die (Liebes-)Geschichten eben keine Moral: Vielmehr führen moralische Dilemmata zur subtilen, schillernden Debatte der resultierenden philosophischen, religiösen, romantischen und erotischen Fragen.

Und debattiert wird ganz buchstäblich: Rohmers Kino ist sprichwörtlich dialoglastig, wurde oft als Inbegriff geschwätzigen französischen Kunstkinos verkannt. In einer viel zitierten Pointe aus Arthur Penns US-Krimi Die heiße Spur (1975) lehnt Gene Hackmans Detektiv einen Kinobesuch ab: „Ich habe schon mal einen Rohmer-Film gesehen. Als würde man Farbe beim Trocknen zuschauen.“ Witzig, aber eben ein Missverständnis – die echte Pointe des Satzes ist nämlich, dass er die Entfremdung des Sprechers und seine Unfähigkeit, das Rätsel zu durchschauen, verrät. Was wiederum exakt Rohmers Tiefgründigkeit entspricht.

Bis in komplizierte Nebengedanken folgte er mit raffinierter Gründlichkeit der Dialektik von Sehnsucht und Rationalismus unter täuschend ruhigen, realistischen Oberflächen. Dabei belegt der innerste Kreis seines Werks, Historienfilme wie die radikal reduzierte Gralssage Parsifal (1978), dass Rohmer Naturalismus nur ein (virtuos beiläufig genutztes) Mittel zum Zweck war: Auch die Schönheit seiner Liebesfilme entspringt nicht der fotogenen Erscheinung von Bildern und Körpern, vielmehr der Anmut der Ideen, des Denkens an sich. Noch im Abschiedswerk Les amours de l'Astrée et de Céladon (2007) entdeckte Rohmer so in einer Schäfermär des fünften Jahrhundert eine visionär unschuldige Erotik (wieder). Indem er intensiver, sorgfältiger zurückblickte, war Rohmer bis zuletzt den anderen weit voraus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2010)