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„Beethoven hörte in Wahrheit noch weniger“

Fertig zum Abtransport? Ausstellungsansicht, Kapitel „Vermachen“.
Fertig zum Abtransport? Ausstellungsansicht, Kapitel „Vermachen“.(c) Beethoven-Museum/Klaus Pichler
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Wien hat sein erstes Beethoven-Museum: Dort sieht man etwa die Reste der abgekratzten Napoleon-Widmung und eine aus Wut zerschmetterte Büste, man hört mit den Ohren eines fast Tauben und findet den Schlüssel zu seinem Sarg.

Wer eine Klaviertaste gedrückt hält, hört die originale „Ode an die Freude“, wer die nächste drückt, bekommt eben diesen bekannten vierten Satz der Neunten Symphonie nun derart gefiltert vorgespielt, wie ihn der fast taube Ludwig van Beethoven möglicherweise wahrnahm. Daneben lässt das Halten einiger Tasten den stetigen Hörverlust des Komponisten anhand der „Pathétique“ nachvollziehen. Es ist dies nur eines von vielen Beispielen dafür, wie die Gestalter des neuen Museums den Besucher verstehen lassen möchten, wie Beethoven dachte, lebte, fühlte und arbeitete.

Die ehemalige Gedenkstätte in der Probusgasse 6, betrieben vom Wien-Museum, wurde nun zum ersten Beethoven-Museum Wiens umgebaut und erweitert. An diesem Wochenende öffnet es die Räume, in denen Beethoven lebte und arbeitete. 1770 in Bonn geboren, wohnte er von 1792 an permanent in Wien (und zog dort wohl 42-mal um), rund zehn Jahre später kam er erstmals nach Heiligenstadt (heute ein Teil des 19. Bezirkes, Döbling), um in der nahen Heißwasserquelle und bei Spaziergängen Erholung zu suchen.

Bisher konnte man hier auf 45 Quadratmetern kontemplieren – und dies, wie neue baugeschichtliche Forschungen erwiesen, gar nicht in der Wohnung, in der Beethoven wohl einst weilte, sondern nebenan. Nun wird das ganze Haus, also rund 250 Quadratmeter, bespielt: In sechs Kapiteln werden Leben und Wirken Beethovens präsentiert. Dabei können nicht nur Laien einiges lernen, sogar Beethoven-Experten werden hier Neues entdecken, wie der wissenschaftliche Kokurator William Kinderman, ein weltweit renommierter Beethoven-Forscher, im Gespräch mit der „Presse“ unterstreicht. Ein völlig unbekanntes Fragment eines Streichquartetts etwa, oder Faksimile von bisher unbekannten Skizzen zur „Sturm“-Sonate. „Diese stehen für eine ganze Reihe an musikalischen Gedanken, die uns sonst nicht zugänglich sind“, sagt Kinderman: „Die wenigsten wissen, dass er zur ,Sturm‘-Sonate mehrere Entwürfe gemacht hat.“

Wenn die Ausstellungsmacher neben diese Faksimile zerknüllte Notenpapiere legen, nebstbei eine leere Kaffeetasse und 60 Kaffeebohnen, zeigt das, dass sie einen niederschwelligen Zugang zu Beethoven bieten wollen. Für seine Reise von Bonn nach Wien steht etwa sein geistiges Gepäck: In einem damals üblichen Reisekoffer liegen Schriften von Kant, Schiller, Goethe und ein Foto des von ihm bewunderten Napoleon Bonaparte, daneben frühe Kompositionen. Eben Napoleon hat Beethoven ja seine „Eroica“ vorerst gewidmet, in einem anderen Raum sieht man ein Faksimile der Partiturtitelseite, von welcher er die Widmung wieder heruntergekratzt hatte – verstärkt wird die Wirkung noch, wenn die herabgefallenen Fetzen auf einem Vorsprung aufgefangen liegen.

 

In Heiligenstadt und Am Himmel

Diese effektvolle Gestaltung lag bei Peter Karlhuber, er und Kuratorin Lisa Noggler-Gürtler bringen naturgemäß Dokumente und Gemälde, die interessant und notwendig sind. Dazu kommt die originelle Vermittlung. Da muss man erst einen bestimmten Griff auf einer Tastatur drücken, um eine Klaviersonate zu hören. Dort stehen Mineralwasserflaschen für das Heilbad, das der Grund für Beethovens Aufenthalt in Heiligenstadt war. Wieder anderswo dreht man an einem Grammofon, hört Dietrich Fischer-Dieskau „Wenn ich ein Vöglein wär‘“ singen und liest, dass Beethoven die Idee dazu ebenfalls in Döbling kam, nämlich Am Himmel. Eine (nachgebaute) Büste des Förderers Lichnowsky, mit dem sich Beethoven zerstritt, liegt zerbrochen vor dem Besucher – denn auch der für seine furiosen Wutanfälle bekannte Komponist soll eine solche zerstört haben. Ein Teppich ist schräg im Zimmer platziert, um die Spannungen zwischen dem Komponisten und dem Adel zu vermitteln.

Besonders eindrucksvoll ist der mit schalldämmendem Schaumstoff ausgelegte Raum, der dem „Heiligenstädter Testament“ gewidmet ist. Dieser nie abgesandte Brief an seine Brüder dokumentiert den körperlichen Niedergang Beethovens, er klagte darin über seine fortschreitende Ertaubung, schrieb über seinen beständigen Widerstand gegen diese. Man kann ein Faksimile des „Testaments“ begutachten, den abgedruckten Text lesen, ihn anhören und durch die gedämpften Aufnahmen nachvollziehen, wie es Beethoven damals ging. Wobei – „eigentlich müssen wir diese Aufnahmen meiner Meinung nach noch mehr dämpfen“, sagt Kinderman, „er hörte in Wahrheit noch weniger“. Auch ein Konversationsheft, in das Beethoven seine Gesprächspartner hineinzuschreiben bat, wird ausgestellt, ebenso Hörrohre und ähnliche Hilfsmittel. Sogar im Garten wird auf Beethovens Leiden verwiesen, wenn aus der Installation einer monumentalen Hörschnecke das Septett Es-Dur erklingt.

 

Wie von tausend Musikern gespielt

Wo Beethoven zu wenig vernahm, hörten seine Zeitgenossen von seiner Musik oft sehr viel, wie die Ausstellung lehrt: Da Instrumente zu Beethovens Zeit einen anderen Klang hatten und es noch keine heute üblichen Konzertsäle gab, sondern in Palais und bürgerlichen Salons musiziert wurde, klangen Beethovens Kompositionen damals, als ob sie heute von tausend Musikern gespielt würden. So steht es zumindest neben dem Modell des Eroica-Saals des Palais Lobkowitz, das die damalige Aufführungspraxis repräsentiert.

Der Tod des Komponisten schließlich wird nicht nur mit einer Totenmaske und dem Schlüssel zu Beethovens Sarg dargestellt, sondern auch mit einer Actionfigur à la Ludwig van sowie einer monumentalen Skulptur, die offenbar gleich von Möbelpackern abgeholt werden wird. Man sieht: Hier findet man mannigfaltige Zugänge . . .

Öffnungszeiten ab 28. 11.: Di−So 10−13 und 14−18 Uhr; Open House: 25. und 26. 11., 10−18 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2017)