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Alles nur geklaut, aber mit ganz viel Liebe

Bei Maurizio Cattelans Original war es der Papst. Bei Ciprian Muresan muss ein rumänisch-orthodoxer Patriarch daran glauben.
Bei Maurizio Cattelans Original war es der Papst. Bei Ciprian Muresan muss ein rumänisch-orthodoxer Patriarch daran glauben.(c) Kunsthalle Krems/Jorit Aust
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Wie respektlos – oder doch eher liebevoll – gehen Künstler mit den Werken anderer Künstler um? Eine sehr unterhaltsame Ausstellung widmet sich ab diesem Wochenende dieser ganz speziellen Kunst der Aneignung.

Wow. Man blickt rundum in die Kunsthalle Krems (und das geht, weil einmal alle Wandeinbauten aus der schönen historischen Tabakfabrikhalle entfernt wurden): Alles kommt einem hier so schrecklich bekannt vor! Hier ein riesiges Schüttbild von Jackson Pollock. Dort ein glänzender Ballonhase von Jeff Koons. Ging man vorher nicht an einem wundervollen roten Rothko-Gemälde vorbei? Und dort in der Ecke – hängt da nicht Kasimir Malevichs „Schwarzes Quadrat“? Was ist nur hier los? Der Reichtum ausgebrochen unter dem neuen Direktor, Florian Steininger?

Nein. Das ist nur eine wahrhaft trickreiche Ausstellung. Denn am Ende sind alle Meisterwerke hier nur geklaut, entlehnt, remixed, „remastered“, wie die Ausstellung auch heißt. Kuratorin Verena Gamper, die das Haus in Richtung Wien verlässt, wo sie in Zukunft das Egon-Schiele-Dokumentationsarchiv im Leopold-Museum leiten wird, hat zu einem komplexen Thema, nämlich dem Genre „Kunst der Aneignung“, eine vielschichtige, auf verschiedenen Ebenen lustvoll erlebbare Schau gemacht, die vor allem auch eines schafft: Sie unterhält einen. Ziemlich gut sogar. Und das bei ziemlicher intellektueller Verschraubung. Eine seltene Kombination.

 

Pollock als Meditationsübung

Das große Pollock-Bild etwa, Inbegriff viriler, genialischer Pinselspritzerei, enttarnt sich eigentlich als eine Art Meditationsübung des österreichischen Zeichners Klaus Mosettig, der in neunmonatiger Arbeit das Pollock-Bild „Nummer 32“ von 1950 mit dem Bleistift abgezeichnet hat. Bleierne Spontanität sozusagen. Ganz anders betrachtet man jetzt diese Dripping-Technik, die man so gut zu kennen geglaubt hat.

Der neue Blick auf ikonische Werke der Kunstgeschichte ist es, der diese Ausstellung so erfrischend macht. Gamper hat sich nämlich auf Aneignungskunst beschränkt, die sich ausschließlich auf andere Kunst bezieht, also andere Werke nachstellt, reaktiviert bzw. sogar als Originale in ein neues Werk einbaut. Wie Martin Kippenberger es einst mit einem monochrom-grauen Gerhard-Richter-Bild gemacht hat, das er 1987 total respektlos als schnöde Platte in einen unscheinbaren, spießigen Beistelltisch eingebaut hat (das wohl teuerste Werk der Ausstellung).

Oder Arnulf Rainer, der sich 1960/61 von Kollegen wie Picasso oder Boeckl Zeichnungen schicken ließ, um sie schwarz zu übermalen. Konzeptuell und formal eine großartige Serie. Erstmals, so Gamper, wurde eine derartige Überarbeitung eines Originals von anderen Künstlern übrigens 1949 von der dänischen Cobra-Gruppe durchgeführt – damals musste ein Bild von Richard Mortensen daran glauben.

Durch diese Konzentration auf Aneignungskunst, die sich andere Kunst einverleibt, bleibt einem erspart, was man ob des Titels schon befürchtet hat: Das durchschnittliche, Ausstellung gewordene Kunstgeschichte-Seminar zur historischen „Appropriation Art“, wie die Aneignungskunst international belabelt wird. Schließlich wurde sie in den 1970er-Jahren auch in den USA erfunden; bis heute prägen sie Künstler wie Richard Prince, Cindy Sherman und Louise Lawler. Das sind Superstars auf dem internationalen Kunstmarkt, über deren Abwesenheit aus Kostengründen man sich in Krems auf verschmitzte Weise hinwegtröstet: Wurden doch gerade diese Stars der Aneignung oft selbst in einem zweiten Durchgang von anderen Kollegen erneut angeeignet.

Denn eines ist klar, das erklärt auch die relativ geringe Zahl der „angeeigneten“ Künstlerinnen – das Werk der Begierde, an dem man sich reibt, als Hommage, kritisch oder nur formal-verspielt, muss einen hohen Wiedererkennungswert haben, muss „berühmt“ sein. So wie die Installation von Maurizio Cattelan: Das Bild seiner Papstfigur, die von einem Meteoriten getroffen scheint, ging um die Welt. Der rumänische Künstler Ciprian Muresan nimmt das auf und ersetzt den Papst durch einen rumänisch-orthodoxen Patriarchen. Es ging ihm darum, die Verbindung zwischen Ceauşescu-Regime und rumänischer Kirche aufzuzeigen.

Als eines von wenigen weiblichen Werken funktioniert Ähnliches mit dem von Cindy Sherman. So stellte etwa Aneta Grzeszykowska Shermans 70 Fotos umfassendeSerie der „Untitled Film Stills“ 2006 noch einmal nach: All die stereotypen weiblichen Rollen, in denen sich Sherman in den 1970er-Jahren nach Vorlagen von Hollywood-Filmen inszeniert hat, finden jetzt in Farbe statt. Und in Warschau. Ein Remake des Remakes. Worauf sich übrigens ein eigenes Kapitel der Ausstellung in der Erdgeschoßhalle bezieht, das sich nur um Aneignung von Filmen dreht und für das Gamper die Gastkuratorin Naoko Kaltschmidt eingeladen hat, die im Mumok die Kinoschiene mitkonzipiert.

 

Von Marilyn Monroe bleibt die Hülle

Hier finden wir Marilyn Monroes hochfliegenden Rock ohne Marilyn, als leere, abstrakte Hülle: Nadim Vardag wirft sein Lichtbild auf die Betonwand, das dort erst wie ein Pilz oder ein Knochen aussieht, bevor man versteht, was sich hier entfaltet. Messerscharf entfaltet sich auch das Leporello von Anna Artaker und Lilla Khoor: Auf der einen Seite sieht man Standbilder von Sisis Krönung zur ungarischen Königin aus dem picksüßen Romy-Schneider-Film, der 1956 gedreht wurde. Nicht in Ungarn, wo gerade der Aufstand niedergeschlagen wurde. Fotos davon sieht man auf der anderen Seite des Leporellos.

„Remastered. Die Kunst der Aneignung“. Von 26.11. bis 18.2., Di–So: 10–17 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2017)