Katholische Aufklärung: Die betenden Rebellen

Das katholische Spanien war nicht nur finster, antiaufklärerisch: „Sitzung des Inquisitionsgerichtes“ (um 1812/19) von Francisco de Goya.
Das katholische Spanien war nicht nur finster, antiaufklärerisch: „Sitzung des Inquisitionsgerichtes“ (um 1812/19) von Francisco de Goya.(c) imago/United Archives International
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Sie forderten mehr Experimentalphysik und ein Ende der Sklaverei: Ein Buch erzählt die vergessene Geschichte der katholischen Aufklärung.

Er war so berühmt wie Cervantes – der Benediktinermönch Benito Feijoo, der 1726 in Spanien die „Verteidigung der Frauen“ schrieb. Dass Frauen keinen komplexen Gedankengängen folgen könnten, sei das Hirngespinst der schreibenden Männer, liest man darin. Man könne ja wohl nicht von ihnen erwarten, Gelehrte zu sein, wenn man sie nicht studieren lasse und ihnen nur Hausarbeit zutraue. Und würden die Frauen schreiben, würden wohl sie die Männer als das „schwache Geschlecht“ bezeichnen . . . Feijoo war ein Vorkämpfer der Frauenemanzipation, Jahrzehnte bevor die ersten Aufklärer wie Jeremy Bentham auf ähnliche Ideen kamen. Und das ausgerechnet in Spanien, jenem Land, das von allen europäischen vielleicht am meisten mit finsterem, antiaufklärerischem Katholizismus verbunden wird.

„Katholische Aufklärung“ nennt der an der Marquette-Universität in Wisconsin (USA) lehrende Kirchenhistoriker Ulrich L. Lehner solche Erscheinungsformen des Katholizismus, die aufklärerische Ideen auf- oder sogar vorwegnahmen. Sein Buch darüber ist nun auf Deutsch erschienen. Viele Kollegen hätten anfangs gemeint, er „jage einem Gespenst nach“, erzählt er. So muss es auch erscheinen, setzt man den Katholizismus des 18. Jahrhunderts mit dem Papsttum gleich – und Aufklärung mit Antireligiosität. Doch Kirche funktionierte damals dezentraler als heute. Und dass nur ein kleiner Teil der Aufklärer wirklich antireligiös war, ist unter Historikern heute allgemein anerkannt. Die meisten Aufklärer wollten Vernunft und Glaube versöhnen. Und selbst die größten Kritiker von Religion als institutionalisierter Machtausübung – wie Voltaire – waren keine Atheisten.

Apropos Voltaire: Gerade seine Paradeschrift säkularer Aufklärung, „Über die Toleranz“, griff auf, was Jansenisten seit Jahrzehnten gefordert hatten. Diese katholische Minderheit, zu der auch der Philosoph Blaise Pascal zählte, wurde innerhalb der Kirche unterdrückt und forderte Gewissensfreiheit. Die berühmteste Toleranzschrift eines Jansenisten, „Über kirchliche und zivile Toleranz“, erschien allerdings nach Voltaires Text. Pietro Tamburini forderte darin, die Kirche sollte Häretiker um des Friedens und der Einheit willen tolerieren, dogmatische Entscheidungen auf ein Minimum begrenzen und lernen, auf Gewalt und Zwang zu verzichten, die dem Geist Christi widersprächen.


Das Habsburger Toleranzlabor.Als Toskaner lebte Tamburini im Habsburgerreich, das Lehner ein „Laboratorium religiöser Toleranz“ nennt. Hier, wo die religiöse Vielfalt größer war als irgendwo sonst in Europa, gab es die markantesten Toleranzdiskussionen, und die Gesetze Josephs II. wurden zum Vorbild für andere europäische Staaten. Um diese Zeit schickte auch Leopold Hay, Bischof von Königgrätz in Böhmen, seinen Hirtenbrief aus, in dem er den Klerus dazu aufrief, andere Kirchen und Religionen nicht als „falsch“ zu bezeichnen. Er verbat jede Belästigung sterbender Protestanten und empfahl auch, das Kirchengesetz zu ignorieren, das Nicht-Katholiken ein Begräbnis auf katholischen Friedhöfen verbot.

Katholische Aufklärer wollten die Macht der Päpste, zum Teil auch der Bischöfe beschränken, lehnten fanatischen Religionseifer, Bigotterie und Aberglauben ab, versuchten die Erkenntnisse der Naturwissenschaften mit dem Glauben zu versöhnen. Lehner sieht ihren Geist am ehesten in einem italienischen Gelehrten verkörpert: Ludovico Muratori. Der Bibliothekar und Priester in Modena sah „das Monster des Aberglaubens“ als fast ebenso schädlich an wie Häresie. Unter den Universitäten versuchte besonders die Pariser Sorbonne bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts, Aufklärung und Katholizismus zu verschmelzen. Einer ihrer Professoren, der irische Priester Luke Joseph Hooke, erklärte rundheraus, er glaube nicht an die Wunder einiger französischer Nationalheiliger, und Katholiken brauchten an Wunder von Heiligen überhaupt nicht zu glauben.

Benediktiner für die Pneumatik. Die Universität Salzburg führte unter den Benediktinern 1740 als erste europäische Universität Experimentalphysik als Lehrfach ein, mit Vorlesungen und Experimenten über Hydrostatik, Elektrizität, Mechanik, Pneumatik und Optik. Ein Katholik war auch Richard Simon, der schon Ende des 17. Jahrhunderts die historisch-kritische Bibelexegese vorwegnahm. Der Prämonstratenser Johann Jahn lehrte an der Universität Wien, dass die Bücher Hiob, Jona und Tobit keine Tatsachenberichte und die biblischen Dämonenheilungen medizinisch erklärbar seien. Für wahr als Mythen, aber nicht als Historie, hielt der schottische Theologe Alexander Geddes auch die fünf Bücher Mose.

Als Beispiel für sein nicht wörtliches Bibelverständnis nannte Geddes die Sklaverei: Deren stillschweigende Duldung in der Bibel könne durch die primitive Kultur der Israeliten erklärt werden; heute sei klar, dass Sklaverei unverzeihlich sei. Einige katholische Aufklärer waren auch durch ihre Missionserfahrung besonders aufgeschlossen gegenüber anderen Kulturen, waren kompromisslose Kritiker der Sklaverei – anders als viele säkulare Aufklärer, die von der Überlegenheit der eigenen Kultur überzeugt waren. So wurde auch der Priester und spätere Bischof Henri Grégoire zu einem Gründervater des Antirassismus. Er bekämpfte mit christlichen Argumenten die Idee einer Rassenhierarchie, forderte das Ende der Sklaverei und (als Mitglied der Nationalversammlung nach der Französischen Revolution) die Gleichberechtigung von Schwarzen in den Kolonien.

Gerade in der Französischen Revolution allerdings sieht Lehner den Anfang vom Ende der katholischen Aufklärung, die vor 1789 fast schon auf dem Siegeszug schien. Doch die europaweite konservative Wende danach und die Kämpfe zwischen kirchlicher und staatlicher Gewalt schwächten, wenn nicht zerstörten jene Institutionen, die früher die katholische Aufklärung getragen hatten. Und stärkten ein antiaufklärerisches Papsttum – gegen das sich katholische Aufklärer oft mit der staatlichen Macht verbündet hatten. „Viele Vorschläge, die noch heute heiß diskutiert werden, lagen schon um 1780 auf dem Tisch“, schreibt Lehner: „Sei es eine neue Rolle für das Papstamt, verheiratete Priester, die Frage nach Scheidung und Wiederheirat, die Präferenz für die Armen.“ Es sollte bis zum Zweiten Vatikanum dauern, bis die Kirche an die Ideen der katholischen Aufklärer anschloss.

Ulrich L. Lehner: „Die katholische Aufklärung. Weltgeschichte einer Reformbewegung“. Ferdinand Schöningh Verlag, 271 S., 41,10 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2017)

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