Ovids „Liebeskunst“ gehört zu den berühmtesten Liebesratgebern der Weltliteratur. Eine fantastisch kommentierte Prachtausgabe lässt einen nun Sex und Liebe im Rom unter Augustus hautnah erleben: vom Flirt im Circus Maximus bis zum Synchron-Orgasmus.
Es gibt die Orte, wo man sich unauffällig neben Menschen setzen kann, die einen sexuell interessieren. Den Circus Maximus zum Beispiel. „Seite an Seite so nah rücke ihr, wie du nur kannst“, rät Ovid den Männern, die dort Frauen suchen. „Traust du dich nicht, du musst: Euch drängt die Leine zusammen.“ Dort bedecken sich die Kleider der Damen über und über mit Staub, auch praktisch – „schüttle besorgt ihn ab. Ist kein Staub vorhanden, so schüttle dennoch das Nichts ab.“ Im Rom der beginnenden Kaiserzeit hat der – damals noch – gefeierte Hauptstadt-Dichter Ovid den Liebeslehrer gespielt, Tipps für Flirt, Sex und Liebe gegeben.
Sein Werk über die Liebeskunst, die „Ars amatoria“, kam ihm, glaubt man ihm selbst, teuer zu stehen. Im Jahr 8 nach Christus wurde Ovid ans Schwarze Meer verbannt, wo er noch sein letztes Lebensjahrzehnt verbrachte und Trauriges wie die „Tristia“ schrieb. Darin versichert er, seine sexuell freizügige „Liebeskunst“ habe ihm den Zorn des Kaisers zugezogen. Ganz sicher ist bis heute nicht, warum er wirklich verbannt wurde. Auf jeden Fall war es ein schrecklicher Schicksalsschlag für den durch und durch urbanen Autor.
Offen, nicht obszön. Was man heute über die Besucher von Szene-Lokalen und Adabei-Partys sagen könnte, hat Ovid schon über die angesagten Veranstaltungsorte Roms geschrieben: „Die, die kommen, zu sehen, kommen, gesehen zu werden.“ Politik, Gesellschaft, Technik, Wirtschaft – all das hat sich seitdem ungeheuer verändert, auch die Geschlechterrollen, und dennoch: Die menschliche Psyche offenbar recht wenig. Und auch wenn Ovids zwei Jahrtausende alter Liebesratgeber vor allem (aber nicht nur!) für Männer gedacht und anders als in der Antike gewohnt auf die heterosexuelle Liebe konzentriert ist, erzählt er in alter Sprache und alten Bildern von Gefühlen und Verhaltensweisen, die noch heute jeder kennt. Obszön ist die „Liebeskunst“ nicht – da gab es, von pornografischen Texten bis zur Lyrik des Catull – ganz anderes zu Ovids Zeiten. Formvollendet ist es, verschmitzt, subtil. Und aus heutiger Sicht natürlich schreiend sexistisch – allerdings auch nicht viel mehr als heutige Liebestipps im Internet.
Die Flirt-Fixpunkte der Upperclass. Die in rotes Leinen gehüllte Prachtausgabe der „Liebeskunst“, die der Galiani Verlag nun herausgebracht hat, erinnert in E-Book-Zeiten daran, dass man nicht nur mit allen Sinnen lieben, sondern auch lesen kann. Und sie passt zur fröhlichen und dabei so formschönen Sinnlichkeit von Ovids Text – der hier allerdings nicht im lateinischen Original zu lesen ist, sondern in einer bearbeiteten Version der alten Übersetzung von Wilhelm Hertzberg. Sie verteilt sich in großen roten Lettern über den Seiten, umrahmt vom Kommentar – wie in Manuskripten der Renaissancezeit, in der Ovid für Europa wiederentdeckt wurde. Die Latinistin Melanie Möller, der Übersetzer Tobias Roth und der Lyriker Asmus Trautsch bieten ein Füllhorn faszinierender Details über Ovid und die Kultur der Upperclass in der beginnenden Kaiserzeit. Es ist diese Kombination, die das Rom des Flirtens und Sich Verliebens prickelnd lebendig macht.