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KAÖ-Präsidentin: "Die Kirche kreist zu sehr um sich selbst"

Luitgard Derschmidt:
(c) Katholische Aktion Österreich
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Luitgard Derschmidt, die Präsidentin der Katholischen Aktion, wundert sich nicht über enttäuschte Christen, ist entsetzt über die soziale Kälte und den Generalverdacht des Sozialschmarotzertums.

„Die Presse“: 2009 kehrten mehr als 50.000 Menschen der katholischen Kirche den Rücken. Warum?

Luitgard Derschmidt: Es liegt unter anderem daran, dass die Kirche die konkreten Lebenssituationen der Menschen zu wenig ernst nimmt. Die Kirche kreist zu sehr um sich selbst. Wir als Katholische Aktion bemühen uns sehr, die Kirchenbindung zur stärken. Doch unsere Bemühungen werden oft durch unverständliche Bischofsbestellungen konterkariert. Will die Kirche wieder an Leuchtkraft gewinnen, muss sie sich um jene kümmern, die ihr den Rücken kehren. Die enttäuschten Erwartungen sollten stärker gehört werden.


Was sagt die Diskussion über das Erstaufnahmezentrum Eberau über den Zustand der Gesellschaft aus?

Derschmidt: Das Schreckliche ist, dass schwer traumatisierte Menschen, die nichts getan haben, als kriminell hingestellt werden und niemand etwas dabei findet. Keine Partei oder kein Politiker wendet sich dagegen, wie hier mit Menschen in Not umgegangen wird. Ich kann nicht von allen verlangen, dass sie nach christlichen Grundprinzipien handeln. Aber die Menschenrechte sollten doch Konsens sein. Es ist ungeheuerlich, dass Menschen in Not in ein Anhaltelager gesperrt werden sollen.

 

Was halten Sie vom österreichischen Fremdenrecht und von den Diskussionen, die es darüber in den vergangenen Jahren gegeben hat?

Derschmidt: Unsere Fremden- und Asylgesetze sind menschenverachtend und haben mit christlichen Werten nichts zu tun. Es gibt den Generalverdacht, dass Zuwanderer schlimm und böse sind. Diese Einstellung wird immer ärger.

Wie kalt ist es im Sinne eines sozialen Klimas in Österreich?

Derschmidt: Grundsätzlich haben wir ein funktionierendes Sozialsystem. Es wird aber kälter. Die Finanzkrise führt zur Verstärkung von neuen Formen der Armut. Es ist beschämend, dass in einem Staat, der von sich sagt, er macht eine gute Familienpolitik, immer mehr Familien in die Armutsnähe rücken. Die Schere zwischen Arm und Reich tut sich weiter auf.

 

Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?

Derschmidt: Es ist ein großes Problem, dass Menschen, die Unterstützung benötigen, dafür von Tür zu Tür gehen müssen. Viele nehmen die ihnen zustehende Hilfe nicht an, weil sie es entwürdigend finden, darum betteln zu müssen. Jemand, der Unterstützung in Anspruch nimmt, steht in Österreich unter dem Generalverdacht, Sozialschmarotzer zu sein. Diese Haltung verschärft sich.

Wie strapazierfähig ist die Solidargemeinschaft noch, wenn nur noch 1,8 Millionen Menschen das System mit ihren Steuern finanzieren?

Derschmidt: Es ist ja nicht so, dass die anderen keine Steuern zahlen. Mehrwertsteuer zahlen alle. Wir müssen uns vielmehr überlegen, warum so viele Menschen unter die Steuergrenze fallen. Die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse nimmt zu, die Arbeitslosigkeit steigt. Man muss endlich darangehen, Arbeit neu zu definieren. Es gibt nicht nur die Erwerbsarbeit, es gibt auch Familien- und Freiwilligenarbeit. Eine Frau, die mehrere Kinder großzieht, leistet etwas für das Gemeinwohl. Die bedarfsorientierte Mindestsicherung wäre ein erster Schritt.


Von wem müsste denn dieser Impuls zur Neudefinition von Arbeit ausgehen?

Derschmidt: Leider scheint zurzeit nur noch die Zivilgesellschaft als verändernde Kraft übrig zu bleiben. Man darf die Politik aber nicht aus der Verantwortung entlassen. Sie ließ sich in der Vergangenheit die Dinge viel zu sehr von Großkonzernen aus der Hand nehmen. Jetzt tut man so, als wären die Banken- und Finanzprobleme vom Himmel gefallen. Die Ohnmachtsgefühle in der Bevölkerung steigen, weil niemand mehr Verantwortung übernimmt. Da ist es logisch, dass der Einzige, der starke Sprüche klopft, Zulauf hat.

Verstehen Politiker überhaupt, was sie zur Rettung des Finanzsystems tun?

Derschmidt: Ich weiß es nicht. Veränderungen sind nicht zu sehen. Es würde jedenfalls Zeit dafür und eine ernsthafte Auseinandersetzung brauchen. Die Politik ist ein Stück weit getrieben und schielt immer nur auf den nächsten Wahltermin. Dadurch verlieren sie aber alle, die ernsthafte Aussagen und Antworten wollen. Es steht niemand mehr für etwas ein.

Was kann man dagegen tun?

Derschmidt: Der Rückzug ins Private ist der falsche Weg. Die Kirche hätte, gerade weil sie nicht wiedergewählt werden muss, die Möglichkeit, laut aufzutreten und die Probleme offen anzusprechen. Aber auch hier neigt man zu vereinfachenden Mechanismen und baut sich wie im Familienbereich Idylle, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun haben. Wir Christen haben aber den Auftrag zur Weltgestaltung. Wenn ich mich in ein Idyll zurückziehe und glaube, Jesus richtet das für mich, werde ich dem Auftrag Gottes nicht gerecht.

 

Welche Rolle können Laien, kann die Katholische Aktion als größte Laienorganisation da spielen?

Derschmidt: Ich bin überzeugt, dass es notwendig wird, den Laien mehr Kompetenzen zu geben. Vieles in der österreichischen Kirche ginge schon lange nicht mehr ohne sie. Man muss sich die Frage stellen, was die Kernaufgaben des Priesters sind. Und welche Aufgaben können Laien übernehmen? Jeder, der getauft und gefirmt ist, hat eine Berufung. Arbeit gibt es in der Kirche genug. Niemandem ist es erlaubt, untätig zu sein. Ich habe den Eindruck, dass manchen kirchlichen Oberen – nach dem Bild der Bibel – die Fische, die heute im See schwimmen, nicht gut genug sind. Es ist aber nicht legitim, Fische auszuwählen. Man muss sie so akzeptieren, wie sie sind, weil Gott sie geschaffen hat.

 

In Österreich werden 60 Prozent der Ehen geschieden. Wie soll man künftig mit Sakramenten für diese Menschen umgehen?

Derschmidt: Die katholische Kirche hat die Frage der Ehe zu stark verrechtlicht, der spirituelle Aspekt der Beziehung kommt zu wenig zum Tragen. Es ist wichtig, dass die Ehe unauflöslich bleibt. Man könnte aber manches entkrampfen, wenn man die Hochleistungsansprüche an die Ehe auf ein normales Maß zurückschraubte. Liebe hat nichts mit Leistung zu tun. Die Vorstellung immerwährender Harmonie in einer Ehe ist falsch. Die Aufgabe der Kirche wäre es, Frauen und Männer zu unterstützen, dass sie eine würdevolle Beziehung leben können. Dann hätten Fragen der Empfängnisverhütung oder der Kommunion für Geschiedene nicht mehr diese Bedeutung.

 

Warum scheitern so viele Ehen?

Derschmidt: Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stehen dauerhaften, exklusiven Beziehungen entgegen. Es wird unheimlich viel Flexibilität verlangt. Das wirkt sich auch auf Beziehungen aus.

 

Bisher erschienen: Eva Dichand (7.12.), Eser Akbaba (21.12.), Erich Leitenberger (24.12.), Brigitte Bierlein (28.12.), Wolf D. Prix (29.12.), Berthold Salomon (31.12.), Helmut Draxler (4.1.), Mirna Jukic (5.1.), Gerhard Heilingbrunner (8.1.), Constanze Dennig (11.1.). Karin Gutiérrez-Lobos (12.1.), Niki Lauda (13.1.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14. Jänner 2010)

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