Ein Future könnte der Kryptowährung Bitcoin die Schleusen in den Massenmarkt öffnen, glauben Experten. Kritiker hingegen warnen vor dem Platzen einer Blase.
Die Internetwährung Bitcoin jagt von einem Rekord zum nächsten und es ist kein Ende in Sicht. Seit Anfang des Jahres hat sich der Kurs verzehnfacht, die 10.000-US-Dollar-Marke ist nur noch ein Katzensprung entfernt. Die Internet-Währung verteuerte sich am Montag um gut 18 Prozent und war mit 9720 Dollar so teuer wie noch nie. Ein Grund für die enorme Nachfrage ist Experten zufolge der von der US-Börse CME geplante Bitcoin-Future, mit dem Anleger auf fallende oder weiter steigende Kurse wetten können.
Sie gehen davon aus, dass sich so für die Kryptowährung die Schleusen in den Massenmarkt öffnen, weitere handelbare Produkte dürften bald folgen. Bitcoin-Kritiker warnen dagegen vor dem Platzen einer Blase und raten vor Investitionen in das unregulierte und stark schwankende Computer-Geld ab.
"Viele private Anleger nutzten nun eine der letzten Gelegenheiten um sich rechtzeitig mit digitalen Talern einzudecken, bevor die CME Group möglicherweise die Zulassung für einen Bitcoin-Future erhält", sagt Analyst Timo Emden vom Brokerhaus IG. Ein Terminkontrakt der Chicago Mercantile Exchange (CME) würde die 2008 ins Leben gerufene Digitalwährung adeln, denn die CME ist die weltweit größte Future-Börse und in der Branche bestens bekannt. "Wenn es eine akzeptierte Plattform gibt, auf der Bitcoin gehandelt werden können, ist die Argumentation für eine neue Vermögenskategorie vorhanden", betont Devisenanalyst Michael Andersch von der Bayern LB.
Die CME-Manager sind nicht die einzigen, die Bitcoin vor dem Durchbruch sehen: So hat auch die US-amerikanische CME-Rivalin CBOE bei der US-Finanzaufsicht einen Bitcoin-Terminkontrakt beantragt. Die Schweizer Bank Vontobel legte zwei Futures auf, mit denen Anleger auf fallende Bitcoin-Kurse wetten können. In Frankreich brachte der Vermögensverwalter Tobam einen Fonds an den Markt, über den institutionelle Anleger in die virtuelle Währung investieren können. Der weltgrößte börsennotierte Hedgefonds Man Group kündigte an, interessierten Kunden Bitcoin-Futures anzubieten. Auch die Bosse der US-Banken Goldman Sachs und Morgan Stanley zeigten sich offen dafür.
Laut CME ist der Start des Terminkontrakts noch für dieses Jahr geplant. Schon seit einiger Zeit berechnet sie mit der britischen Derivatebörse Crypto Facilities einen dafür notwendigen Bitcoin-Referenzkurs. Der Future soll funktionieren wie andere Terminkontrakte auch: Der Käufer würde sich verpflichten, zu einem künftigen Zeitpunkt eine bestimmte Menge Bitcoin zu einem festgelegten Preis zu liefern oder zu kaufen.
Der Markt für Kryptowährungen wie Bitcoin und Co. ist 2017 explodiert. Die hunderten Alternativen kommen inzwischen auf über 100 Milliarden US-Dollar an Börsewert. Und - trotz aller Warnungen vor einer Blase - gibt es nur wenig Anzeichen, dass sich daran so bald etwas ändert wird. Denn auch wenn sich die digitalen Währungen nicht als Geldersatz durchsetzen, ideale Spekulationsobjekte sind sie allemal. Dumm nur, dass ein Bitcoin heute schon mehere tausend Euro kostet. Aber keine Sorge, Kryptowährungen gibt es es auch billiger. Ein Überblick über die mehr oder weniger ernsthaften Konkurrenten von König Bitcoin. Von Matthias Auer REUTERS
Am Anfang der Geschichte stehen die Bitcoins. Da per Design maximal 21 Millionen dieser virtuellen Münzen erzeugt werden können, sind viele Anleger überzeugt, dass Bitcoins langfristig stark an Wert zulegen werden. 2017 stieg der Wert eines Bitcoin zwischenzeitlich von 1000 auf knapp 5000 US-Dollar. Der aktuelle Börsewert liegt bei 72 Mrd. Dollar) Als Zahlungsmittel taugen Bitcoins kaum noch, da Transaktionen mittlerweile zu lange dauern. Um dieses Problem zu lösen, startete Anfang August "Bitcoin Cash". APA/dpa-Zentralbild/Jens Kalaene
Der stärkste Herausforderer ist Ethereum. Größter Vorteil gegenüber Bitcoin: Das Projekt von Vitalik Buterin (hier zum Interview) verspricht der Welt, viel mehr als nur eine neue Währung. Es verspricht eine Neuordnung des gesamten Wirtschaftssystems. Ethereum soll "smarte Verträge" möglich machen, was weite Teile der Wirtschaft komplett automatisieren könnte. Das Konzept überzeugt vor allem große Konzerne, die stark auf die Technologie von Ethereum setzen. Die Währung Ether bringt es mittlerweile auf einen Marktwert von 28 Mrd. Dollar. Die Presse/Fabry
Die Nummer drei am Markt, Ripple, will kein Konkurrent sondern eine Ergänzung zu den großen Digitalwährungen sein. Hinter dem Projekt stehen mehrere Großbanken. Auch der frühere deutsche Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist seit 2014 als Berater an Bord. Marktwert Anfang Oktober: 7,9 Milliarden US-Dollar. REUTERS
Schon länger am Markt ist Litecoin. Der 2011 gegründete Bitcoin-Konkurrent hat vor allem ein Ziel: eine besonders "leichte", sprich rasch handelbare Währung zu bleiben (Marktwert: 2,8 Mrd. Dollar). Der dahinterliegende Code soll so simpel wie möglich sein, damit auch Normalnutzer die virtuelle Währung wirklich für Transaktionen nutzen können. Wertsteigerung steht hier - zumindest offiziell - nicht im Vordergrund. imago/Anka Agency International
Die Währung Dash (kurz für Digital Cash) hat eine etwas düstere Vergangenheit hinter sich. Die längste Zeit war Dash als "Darkcoin" bekannt und wurde vor allem dazu verwendet, größere Summmen im Darknet, der digitalen Spielwiese Krimineller aller Art, zu transferieren. Höchstes Credo ist hier - wenig überraschend - die absolute Anonymität der Nutzer. Aktuell kommt Dash auf einen Börsewert von 2,3 Mrd. Dollar. imago/photothek
PotCoin (Marktwerkt: 15 Millionen Dollar) wurde erschaffen, um der boomenden Marihuana-Industrie in den USA eine eigene Währung zu bieten mit der sie einschlägige Produkte handeln kann. Kunden und Produzenten sollten so "über das Netz zusammenwachsen", so die Vision der Betreiber. dpa-Zentralbild/Patrick Pleul
Einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgt SexCoin, die nach Eigenbeschreibung erste Kryptowährung, die speziell für Kunden der Pornoindustrie erfunden wurde. An der Börse sind die Porno-Münzen immerhin 1,2 Mio Dollar wert. APA/AFP/MARK RALSTON
Für die Macher von PutinCoin gab es laut Firmenwebsite einen einzigen Grund, die virtuelle Währung zu erfinden: Mit PutinCoin soll dem russischen Volk im Allgemeinen und seinem Präsidenten Wladimir Putin im Besonderen Tribut gezollt werden. Teuer ist das Must-Have für echte Russen-Freunde nicht. Eine Münze kostet derzeit rund 0,16 Cent. Aktueller Börsewert der Währung: 3,3 Mio Dollar. EPA
Wer sich keinem Regime auf der Erde so nahe steht, kann zu UFO Coin greifen - und wird enttäuscht werden. Der relativ junge Anbieter plant weder Kontakt zu Außerirdischen aufzunehmen noch Elon Musks Rennen zum Mars zu beschleunigen. Der neue Herausforderer (Börsewert knapp 300.000 Dollar) setzt schlichtweg auf eine bessere Verschlüsselungstechnologie - und auf einen Namen, der sich verkauft. AP
Warum sollen nur Erwachsene ihr Geld für Kryptowährungen ausgeben, wo doch so viele Kinder regelmäßig Taschengeld bekommen? Diese Frage stellte sich auch das Team rund um Piggycoin und schlüpfte rasch in die Marktnische. Piggycoin richtet sich an Kinder, Eltern und Lehrer und will eine Art digitales Sparschwein sein. An der Börse ist die "erste Kryptowährung für Kinder" inzwischen 270.000 Dollar wert. dpa/Peter Kneffel
Wer mittlerweile seinen Glauben an den Krypto-Boom verloren hat, ist vielleicht bei "Useless Ethereum Token" gut aufgehoben. Die Anbieter bewerben ihre Währung (Marktwert 42.000 Dollar) auf der Website nicht gerade offensiv: "Du wirst Unbekannten im Internet Geld geben und die werden sich damit irgendein Zeug kaufen. Vermutlich einen großen Flat-TV. Ehrlich, kauf das nicht!", schreiben sie. Die Anleger griffen trotzdem zu. Kurz nach dem Launch war "Useless Ethereum Token" bis zu 40 Dollar wert. Heute liegt der Preis bei 1,6 Cent. APA/EPA/MAURIZIO GAMBARINI
Die verrückteste Blase aller Zeiten
US-Finanzaufsicht am Zug
Vor allem institutionelle Investoren, denen der Handel mit Bitcoin oft wegen Vorschriften der Aufsichtsbehörden untersagt ist, würden damit einen einfacheren Zugang zum Markt erhalten. Andere Finanzprodukte wie Indexfonds (ETFs) könnten bald folgen, sind sich Marktbeobachter einig. "Ein Future würde Bitcoin viel Unterstützung geben und dabei helfen, die Kursschwankungen zu mindern", ist sich John O'Rourke, Präsident des Finanzinvestors Riot, sicher. Die US-Firma hat sich auf Beteiligungen von Unternehmen spezialisiert, die auf die Blockchain-Technologie setzen, auf der auch Bitcoin basiert.
Die US-Finanzaufsicht muss dem Future aber noch zustimmen. Im Frühjahr waren ihr die Kursausschläge der Kryptowährung Grund genug, die Pläne für einen Bitcoin-Indexfonds (ETF) abzuschmettern. Auch die zahlreichen Kritiker der Cyberdevise heben die hohe Volatilität immer wieder hervor. Zehn Prozent Plus oder Minus am Tag sind keine Seltenheit. "Ich würde Bitcoin dem normalen Anleger schlichtweg nicht empfehlen. Es ist eine unglaublich spekulative Anlage", warnt etwa Ulrich Stephan, Chefanlage-Stratege bei der Deutschen Bank. Der Chef der US-Bank JP Morgan Chase bezeichnete Bitcoin sogar als "Betrug". Für das digitale Geld steht keine Zentralbank oder Regierung ein. Computer weltweit berechnen hochkomplexe Algorithmen und erschaffen damit die Kryptowährung. Bitcoin können anonym und schnell transferiert werden und werden daher oft mit kriminellen Machenschaften in Verbindung gebracht.
Der Chef des US-Derivatehändlers Interactive Brokers, Thomas Peterffy, warnte die heimische Aufsichtsbehörde in einem offenen Brief vor einem Bitcoin-Future: Kryptowährungen seien jung und völlig unreguliert. Sollten durch hohe Schwankungen bei den Terminkontrakten für das virtuelle Geld Derivate-Häuser ins Straucheln geraten, könnte das sogar die ganze Realwirtschaft destabilisieren.
Falls die Aufsichtsbehörde den Future-Plänen einen Strich durch die Rechnung macht, könnte es mit dem Bitcoin-Kurs erst einmal rasant bergab gehen, da sind sich Marktbeobachter einig. Bei einem "Ja" dürfte sich der Höhenflug aber fortsetzen, ist sich etwa Analyst Milan Cutkovic vom Brokerhaus AxiTrader sicher. "Der Preis kann auch noch bis auf 50.000 Dollar steigen, bevor es zu einer ernsthaften Korrektur kommt."