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General schluckt Gift vor UN-Gericht

Slobodan Praljak nahm während der Urteilsverkündung im Gerichtssaal Gift.
Slobodan Praljak nahm während der Urteilsverkündung im Gerichtssaal Gift.APA/AFP
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Der einstige bosnisch-kroatische Kommandant Slobodan Praljak beging während der Urteilsverkündung in Den Haag Suizid. Zagreb zeigt sich schockiert.

Belgrad/Den Haag. Der 72-jährige Ex-Kommandant der bosnisch-kroatischen Armee HVO legte lautstark Protest ein: „General Slobodan Praljak ist kein Kriegsverbrecher. Ich weise das Urteil zurück!“, sagte er empört, nachdem die Berufungskammer des UN-Kriegsverbrechertribunals für Ex-Jugoslawien in Den Haag am Mittwoch seine 20-jährige Haftstrafe aus erster Instanz bestätigt hatte. Mit zitternder Hand flößte er sich danach aus einem bräunlichen Fläschlein eine Flüssigkeit ein. Er habe gerade „Gift“ geschluckt, ließ Praljak seine entgeisterten Richter wissen.

Hektisch ordnete der Vorsitzende Richter Carmel Argius die Schließung der Jalousien zur Besuchertribüne an. Notärzte eilten herbei, über dem Gerichtsgebäude in Den Haag kreiste ein Hubschrauber. Später waren die Sirenen eines von der Polizei eskortierten Rettungswagens zu hören.

 

Urteil über Rolle Kroatiens

Doch alle Rettungsmaßnahmen waren vergebens. Kurz nach der Einlieferung Praljaks in die Bronovo-Klinik in Den Haag wurde der Tod des verurteilten bosnisch-kroatischen Generals bekannt gegeben. Die niederländischen Justizbehörden leiteten am Mittwoch Ermittlungen zum Suizid Praljaks ein. Die Fragen, welche Substanz der Angeklagte schluckte und vor allem wie er an das Gift gelangen konnte, drängten den Inhalt des Urteils des UN-Tribunals am Mittwoch zeitweise völlig in den Hintergrund.

Zur letzten Urteilsverkündigung des zu Jahresende auslaufenden Mandats des Gerichts hatten sich vor allem bosnische und kroatische Berichterstatter auf der Pressetribüne hinter den Panzerglasscheiben des Sitzungssaals 1 eingefunden.

Die Entscheidung des Tribunals sorgte schon im Vorfeld für großes Interesse. Denn im Berufungsverfahren gegen die politische und militärische Führung des einstigen Parastaates Herceg-Bosna hatte das Gericht in Den Haag auch über die Rolle Kroatiens im Bosnienkrieg (1992-95) zu befinden: Das Urteil in erster Instanz, dass Kroatiens Staatsgründer Franjo Tudjman Teil einer kriminellen Vereinigung zur ethnischen Säuberung und Annektierung der Herzegowina gewesen sei, wurde von der Berufungskammer zum Entsetzen Zagrebs am Mittwoch weitgehend bestätigt.

 

Verbrechen an Muslimen

Nicht nur die in erster Instanz verhängten Haftstrafen gegen die sogenannten „kroatischen Sechs“ von insgesamt 111 Jahren wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstößen gegen die Genfer Kriegsrechtskonvention wurden von dem Gericht allesamt bestätigt. Die Berufungskammer folgte auch der Argumentation der Anklage, dass der Parastaat Herceg-Bosna und die HVO-Truppen bei den zwischen 1993 und 1994 begangenen Kriegsverbrechen und den Vertreibungen der muslimischen Zivilbevölkerung unter direkter Kontrolle der damaligen kroatischen Führung in Zagreb standen.

Kroatiens Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarović, die sich im Vorfeld mit den nun als Kriegsverbrecher rechtskräftig verurteilten Angeklagten ausdrücklich solidarisiert hatte, brach am Mittwoch ihren Staatsbesuch in Island ab. Als „pervers und absurd“ bezeichnete Božo Ljubić, Parlamentsabgeordneter der regierenden kroatischen HDZ, das von ihm als „völlig unbegründet“ bezeichnete Urteil.

 

„Praljak hat sich geopfert“

Während Vertreter von Bosniens muslimische Opferverbänden das Urteil begrüßten, fielen die Reaktionen von Vertretern der bosnischen Kroaten verbittert aus.

Dragan Čović, der kroatische Vertreter im dreiköpfigen Staatspräsidium von Bosnien und Herzegowina, bezeichnete den Richterspruch in Den Haag als „Verbrechen an allen Vertretern der HVO“. Den Angeklagten sei in dem Urteil „mit keinem Wort“ eine persönliche Schuld nachgewiesen worden, behauptete Čović: „General Slobodan Praljak hat sich geopfert, um zu zeigen, dass er unschuldig ist.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2017)