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Chaostage in der CSU

Joachim Herrmann
Joachim HerrmannREUTERS
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In der Nachfolgefrage für Horst Seehofer überholen sich Parteichef und Fraktion gegenseitig mit unfreundlichen Manövern. Einer bleibt verdächtig ruhig: Söder.

München. „600.000 Tonnen Streusalz werden reichen.“ Joachim Herrmann ist sich da sicher. Als bayerischer Verkehrsminister steht er seelenruhig an einer fränkischen Autobahn und rühmt die Vorsorge für den Winter. Damit ja keiner in den Graben rutscht. Wo er selbst enden könnte oder seine heftig schlingernde CSU, darüber spricht Herrmann lieber nicht.

Dabei ist Herrmann nur Stunden zuvor mitten hineingeraten ins Chaos um die Nachfolge von Horst Seehofer als Ministerpräsident und als Parteichef. Seehofer, so melden Münchner Zeitungen, habe ein Geheimtreffen in der Staatskanzlei arrangiert, und dieser Kreis der Getreuen habe Herrmann weichgeklopft, bei den Landtagswahlen im Herbst genauso als Spitzenkandidat anzutreten wie schon bei der Bundestagswahl. Alles, um einen anderen zu verhindern: Seehofers Erzrivalen Markus Söder. Noch in der Nacht dementierte Herrmann gegenüber einigen Abgeordneten.

Andere haben Seehofer das Heft aus der Hand genommen. Die Landtagsfraktion war wütend, weil der Chef sie vor einer Woche regelrecht verschaukelt hatte. „Klarheit, auch zu meiner Person“, hatte er für die Sondersitzung versprochen – und dann einen Personalvorschlag vertagt. Plötzlich zog er einen Ältestenrat aus dem Hut: Landtagspräsidentin Barbara Stamm sowie die Ex-CSU-Chefs Theo Waigel und Edmund Stoiber sollten bis 4. Dezember eine „Zukunftslösung“ erarbeiten.

 

Steigt Herrmann in den Ring?

Der Vorstand applaudierte. Die Fraktion indes sann auf Rache – und beschloss, den Dreierrat mit einem eigenen Personalvorschlag zu überholen. Noch vor dem Parteivorstand, kommenden Montag in aller Herrgottsfrühe, will man geheim darüber abstimmen. Dass Markus Söder, der in der Fraktion seine stärkste Hausmacht hat, an dieser Verfahrensidee nicht ganz unbeteiligt war, gilt als sicher.

Kaum allerdings war der rebellische Beschluss der Fraktion in den Schlagzeilen, ließ irgendjemand Seehofers Geheimkränzchen in der Staatskanzlei bekannt werden – damit auch die (angebliche?) Kandidatur Herrmanns. Das wiederum stellt die Fraktion vor die Zerreißprobe. Wenn Herrmann nämlich kandidiert, tut er das in offenem Kampf gegen Markus Söder. Die Anhängerschaften dürften gleich groß sein; Herrmann war vor zehn Jahren selbst Fraktionschef, und jetzt ist er als „Mister Sicherheit“ bei den Abgeordneten – und in der Rest-CSU – genauso beliebt wie damals.

Warum „jemand“ dieses Geheimtreffen öffentlich machte (es war nicht das erste, und auch nicht das erste hochrangige in der Staatskanzlei), ist also klar. Pikant ist aber auch, dass Seehofer sich damit selbst überholt hat – und seinen Dreierrat außerdem. Dieser nämlich war ein Rohrkrepierer. Die sonst „dem Horst“ so freundlich gesinnte Barbara Stamm maulte im Münchner Merkur: „Ich brauche kein Gremium, ich bin die stellvertretende Parteivorsitzende.“ Es habe kein Treffen der Runde gegeben, und es werde keines geben.

Einer war in all diesen Chaostagen verdächtig ruhig: Söder. Er glaube, dass alles von selbst auf ihn zulaufe, sagt man in München. Wenn er sich da nicht täuscht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2017)