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Hispaniolas ungleiches Geschwisterpaar

A woman carries a bundle on her head near Chauffard, Haiti, Tuesday, Oct. 27, 2009. (AP Photo/Ramon E
(c) AP (Ramon Espinosa)
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Eine Insel, zwei Schicksale. Warum Haiti verarmt ist und die Dominikanische Republik Touristen anzieht.

Wo Haiti aufhört und die Dominikanische Republik beginnt, ist unverkennbar. Schon aus der Vogelperspektive im Flugzeug. Die Grenze teilt die Insel Hispaniola in zwei Hälften – auf der Westhälfte verwaschene, braune Flächen, im Osten – der heutigen Dominikanischen Republik – eine Landschaft in Dunkelgrün von dichten, satten Wäldern.

Wieso haben sich die beiden Staaten so unterschiedlich entwickelt? Der US-Biologe Jared Diamond hat dieser Frage ein ganzes Kapitel in seinem Buch „Kollaps – Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ (2005) gewidmet. Dass die Dominikanische Republik heute viel stärker bewaldet ist als Haiti, ist freilich das Ergebnis menschlicher Wirtschaft und Politik. Doch auch, wenn man nur die natürlichen Voraussetzungen ansieht, hatte Haiti schlechtere Startbedingungen: Im Osten regnet es mehr; es gibt mehr Flachland, das sich für Landwirtschaft eignet; der Boden ist fruchtbarer.

 

Erbe der Kolonialherrschaft

Der Rest ist Geschichte, und das heißt zunächst: Kolonialgeschichte. 1492 entdeckte Kolumbus die Insel. Die Ureinwohner – eine halbe Million Menschen – wurden von den Spaniern versklavt, in Goldminen gezwungen, ermordet, mit europäischen Krankheiten wie den Pocken angesteckt. 28 Jahre später waren es nur mehr 3000. Der Osten blieb spanisch, im Westen der Insel siedelten sich französische Kaufleute und Abenteurer an.

Frankreich, damals wirtschaftlich stärker, investierte in den Aufbau von Plantagen und importierte Sklaven aus Westafrika, die Bevölkerung wuchs stark. Doch just der damalige Reichtum – der hauptsächlich dem Mutterland und der kleinen Oberschicht zugutekam – legte die Basis für spätere Nachteile Haitis.

Nach der Unabhängigkeit von Frankreich 1804 blieb Haiti isoliert. „Dass Schwarze Weiße vertrieben, war ein Präzedenzfall, der nicht Schule machen durfte“, beschreibt Bert Hoffmann vom Hamburger Giga-Institut die Stimmung in der damaligen Internationalen Gemeinschaft. Haiti wurde die Anerkennung versagt, Frankreich verlangte hohe Reparationszahlungen.

1820 besetzte Haiti den Ostteil der Insel, 1844 erklärte sich die Dominikanische Republik für unabhängig. Die Europäer sahen in der Dominikanischen Republik „eine Spanisch sprechende, teilweise europäische Gesellschaft, die den Einwanderern und dem Handel aus der Alten Welt offen gegenüberstand“, so Diamond. Haiti galt als „Kreolisch sprechende afrikanische Gesellschaft aus ehemaligen Sklaven, die Ausländern gegenüber feindlich eingestellt waren“. So wurde in die Dominikanische Republik investiert; Exportgüter waren Kakao, Kaffee, Tabak und vor allem Zucker; Haiti dagegen betrieb kaum Überseehandel, seine Oberschicht begnügte sich damit, die Bauern, die vor allem Subsistenzwirtschaft betrieben, auszupressen.

Im 20. Jahrhundert erlebten beide Staaten Diktaturen: Im Gegensatz zu François Duvalier in Haiti förderte Rafael Trujillo jedoch die Industrialisierung, verordnete Umweltschutz, gründete Nationalparks und verbot die Brandrodung. Die Sicherheitslage in der Dominikanischen Republik hat sich heute stabilisiert – „Grundvoraussetzung für den Tourismus, einer bemerkenswerten Erfolgsgeschichte“ (Hoffmann). Anders im Nachbarland: Dort brach aufgrund der chaotischen Verhältnisse der Fremdenverkehr zusammen. Der Markt wurde mit Billigimporten überschwemmt, das Land erzeugt kaum eigene Güter. Die reichere Inselhälfte profitiert heutzutage vom armen Westen: Viele Haitianer verdingen sich in der Dominikanischen Republik als ungeliebte Gelegenheitsarbeiter. Nach dem Erdbeben aber hilft nun der Osten – nur dort gibt es lokale Hilfsgüter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2010)