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Dennis Russell Davies: „Verlust an kultiviertem Umgang“

ARCHIVBILD - DENNIS RUSSEL-DAVIES
(c) APA (Rubra)
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Dennis Russell Davies, Chefdirigent des Bruckner Orchesters, über seine Anzeige gegen die FPÖ-Jugend, den Ton in der Koalition und die Umbenennung von Linz.

„Die Presse“: Sie haben im vergangenen März Anzeige gegen den Ring Freiheitlicher Jugend (RFJ) erstattet. Es ging dabei um einen Aufkleber mit einem abgewandelten Warnhinweis, den man von Zigarettenschachteln kennt. Der RFJ plakatierte „Zuwanderung kann tödlich sein“. Was wurde aus der Anzeige?

Dennis Russell Davies: Das wüsste ich auch gern. Es ist leider nicht ganz klar, ob das Antidiskriminierungsgesetz auf diesen Fall angewendet werden kann. Ich bleibe dran, aber eine befriedigende Antwort habe ich noch nicht bekommen.

Haben Sie mit einer schnelleren, verbindlichen Antwort gerechnet?

Davies: Ich hätte mir erwartet, dass die Ernsthaftigkeit dieser Sache verstanden wird. Ich wollte mich eigentlich vor meine Mitarbeiter und meine Familie stellen. Ich bin selbst ja Österreicher, aber Österreicher geworden, wie so viele Menschen in unserer Gesellschaft.

Gibt es, glauben Sie, eine grundsätzliche Verantwortung für Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, öfter auch in gesellschaftspolitischen Fragen Stellung zu beziehen?

Davies: Ich glaube nicht, dass man es an die große Glocke hängen muss, aber man sollte schon sagen, wofür man steht. Es ist einfach wichtig, dass unsere Mitbürger verstehen, dass die Welt sich seit dem Zweiten Weltkrieg radikal verändert hat: ökonomisch und politisch. Man muss nur die Klimasituation ansehen: Wir sind alle in einem Boot. In keinem Land der Welt lebt man auf einer Insel. Weder unsere Wirtschaft, noch unsere Fußballmannschaften oder unsere Sinfonieorchester könnten ohne internationale Verbindungen bestehen. Österreich braucht diesen Austausch.

Tut die Politik zu wenig, um das zu verdeutlichen?

Davies: Die Politik tut sehr viel. Es gibt natürlich Probleme, wie zum Beispiel auch internationale Kriminalität. Aber die Menschen, die hierher kommen, um ein besseres Leben zu führen, sind nicht das Problem.

Was ist das Problem?

Davies: Was mich vor allem stört, ist, dass viele junge Menschen die Wahrheit nicht hören. Sie wissen nicht, worum es geht. Da hat die Politik und da haben auch die Familien eine große Verantwortung.

Gibt es einen Rechtsruck?

Davies: Ich glaube nicht. Sobald man in die Verantwortung kommt, sieht alles wieder ganz anders aus. Man sieht das jetzt auch gut am Beispiel BZÖ in Kärnten. Diese Seifenblase ist mit erheblichen Konsequenzen geplatzt. Problematisch ist eher, dass in alle Richtungen, ob links oder rechts, derzeit alles erlaubt zu sein scheint. Ohne Rücksicht darauf, was gesellschaftlich angebracht wäre. In der Politik, aber auch in den Medien werden Dinge gesagt und geschrieben, die vor einigen Jahren noch tabu waren.

Zum Beispiel?

Davies: Ich meine unter anderem die Art, wie über rassistische Bemerkungen berichtet wird. Aber auch den Verlust an kultiviertem Umgang miteinander. Es gab einmal die Zeitungen und öffentliche Medien, und jetzt ist fast jeder ein Medium für sich und kann sich fast alles erlauben.

Nach der Anzeige gegen den Ring Freiheitlicher Jugend haben Sie das ja am eigenen Leib erfahren: Auf einer rechtsextremen Internetseite wurden Sie unter anderem als „Chefdenunziant“ bezeichnet. Wie gehen Sie damit um?

Davies: Einfach ignorieren. Auch aus diesem Grund habe ich keine Verbindung zum Internet.

In Zukunft werden Sie auch beim Sinfonieorchester Basel engagiert sein. Welche Konsequenzen, glauben Sie, hat das Ja der Schweizer zum Minarettverbot?

Davies: Das hat mich nachdenklich gemacht. Es hat mich überrascht, aber es hat auch die politischen Parteien dort überrascht. Eine Volksabstimmung zu diesem Thema ist jedenfalls nicht gesund: Das ist gesellschaftlicher Zündstoff. Wie bei allen diesen Fragen gibt es aber mehrere Ebenen, es gibt auch architektonische und Fragen des Ortsbildes, die bei der Abstimmung eine Rolle gespielt haben dürften. Man muss herausfinden, was dahintersteckt.

Hat sich Ihre Einstellung zu Barack Obama seit Beginn seiner Amtszeit geändert?

Davies: Eigentlich nicht. Ich hoffe nur, dass er genug Ausdauer hat. Er wird die vollen acht Jahre brauchen, um seine Ziele umzusetzen. Ich hoffe wirklich, dass er genug Ausdauer hat.

Und die zu Werner Faymann?

Davies: Auch nicht. Ich finde, es ist ziemlich gut gelaufen. Es sind schwierige Zeiten, und ich bin ziemlich beeindruckt, dass die beiden großen Parteien ordentlich miteinander umgehen. Zumindest der Ton ist viel besser.

Reicht das denn?

Davies: Diese Koalition ist sehr schwierig, die Probleme sind sehr kompliziert. Ich finde es daher gut, was derzeit in Wien passiert – nämlich, dass das Trennende zwischen den Parteien nicht so überbetont wird.

Sie sind ein international gefeierter Dirigent. In Linz, scheint es, liebt Sie das Publikum geradezu. Lieben Sie Linz zurück?

Davies: Ja. Ich fühle mich sehr daheim. Und ich bin sehr stolz auf unsere Arbeit hier. In den USA haben wir damit schwer Eindruck gemacht – auch wenn es für viele Amerikaner ein großes Rätsel ist, wo Linz ist.

Hat Linz09 etwas gebracht?

Davies: In meinem Bereich war die Kulturhauptstadt eher ein Anstoß für einige programmatische Ideen, vielleicht ein bisschen konzentrierter. Ich glaube, Linz hat insgesamt, auch was Infrastruktur betrifft, profitiert, und eines haben wir gesehen: dass es hier ein großes Publikum gibt.

Würden Sie Ihr Publikum jemals gegen das Wahlvolk eintauschen wollen? Könnten Sie sich für ein politisches Amt begeistern?

Davies: Nein. Aber ich verstehe meinen Job zum Teil politisch. Ich setze mich für die Kultur ein und stehe vor einem sehr großen internationalen Orchester, das wirklich ein Aushängeschild für die Region ist.

Vor einigen Jahren wurde bei Ihnen Krebs festgestellt. Heute gelten Sie als geheilt – haben Sie nach der Diagnose irgendetwas in Ihrem Leben geändert?

Davies: Ich habe mein Glück mehr geschätzt, meine Möglichkeiten besser verstanden, und ich frage mich öfter, wozu, für wen und warum ich tue, was ich tue. Ich habe auch gelernt, mit dem Älterwerden gut umzugehen. Ich bin 65, nicht mehr 55, das hat Konsequenzen, die man nicht ignorieren sollte.

Wenn Sie in diesem Land etwas verändern könnten, was würde das sein?

Davies: Ich hoffe, dass es in Österreich verstanden wird, dass die Aushängeschilder für dieses Land zwei Dinge sind: Bildung und Kultur – und da vor allem Musik, bildende Kunst und Literatur. Die Gesellschaft muss in ihrem eigenen Interesse dazu bereit sein, diese Bereiche großzügig zu fördern. Das wäre meine Hoffnung.

 

Bisher erschienen: Eva Dichand (7.12.), Eser Akbaba (21.12.), Erich Leitenberger (24.12.), Brigitte Bierlein (28.12.), Wolf D. Prix (29.12.), Berthold Salomon (31.12.), Helmut Draxler (4.1.), Mirna Jukic (5.1.), Gerhard Heilingbrunner (8.1.), Constanze Dennig (11.1.). Karin Gutiérrez-Lobos (12.1.), Niki Lauda (13.1.), Luitgard Derschmidt (14.1.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2010)

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