Fiat will ein unrentables Werk in Sizilien schließen. Die Gewerkschaft ist wütend.
ROM. Die Tore des südlichsten Fiat-Werks im sizilianischen Termini Imerese blieben Mitte dieser Woche geschlossen, die Bänder standen still. Die Beschäftigten protestierten damit gegen die geplante Schließung und fuhren ins 40 Kilometer entfernte Palermo, um dort vor dem Sitz des Regionalparlaments ihrem Unmut Luft zu machen. Dieser richtet sich vor allem gegen einen: Fiat-Chef Sergio Marchionne. Ein Manager, der bisher in Gewerkschaftskreisen großen Respekt genossen hat.
Doch damit ist es vorbei, seit er kurz vor Weihnachten auf seine unmissverständliche Art angekündigt hat, dass vom Jahr 2012 an keine Autos mehr auf Sizilien produziert würden, weil die Fabrik hochgradig unrentabel sei. Für jeden dort hergestellten Lancia Ypsilon würden Mehrkosten von 1000 Euro anfallen, die nicht einfach von anderen Teilen des Konzerns aufgefangen würden, sagte Marchionne. Und legte gleich noch eins drauf: „Es hat nie zu den Aufgaben Fiats gehört, sich um die sozialen Probleme in Termini Imerese zu kümmern.“ Die Fabrik sei ohnehin nur aus politischen Gründen gebaut worden. Das saß und sorgte für böses Blut.
Kaum legale Jobs in Sizilien
Denn Marchionne sprach damit gleich mehrere Reizthemen an. Im strukturschwachen Süden werden von der Politik seit Jahrzehnten Projekte gefördert und umgesetzt, die zwar jeder wirtschaftlichen Vernunft widersprechen, aber den betroffenen Regionen ein paar Arbeitsplätze im legalen Sektor bringen. Das Fiat-Werk ist einer der größten Arbeitgeber in Sizilien überhaupt. Wird es geschlossen, verlieren 1400 Menschen in der Fabrik und etwa 600 weitere in Zulieferbetrieben ihre Arbeit und haben kaum eine Aussicht, eine neue Beschäftigung zu finden. Entsprechend groß ist die Verzweiflung bei den Angestellten und ihren Familien.
Sie wissen zwar die Gewerkschaften und auch die konservative Regierung in Rom auf ihrer Seite. Doch alle bisherigen Gesprächsrunden mit dem Fiat-Management verliefen ohne Ergebnisse, und auch ein neuer Investor hat sich bisher nicht gefunden.
„Die Gewerkschaften müssen der Realität ins Auge sehen“, sagte Marchionne vielmehr bei der zurzeit stattfindenden Automesse im fernen Detroit und trug damit nicht gerade zu einer Besänftigung der Gemüter bei. „Wir werden weiterkämpfen“, erwiderte Guglielmo Epifani, Chef von Italiens größtem Gewerkschaftsverband. Lokale Funktionäre werfen dem Fiat-Chef vor, nicht die Wahrheit über die Zukunft des Werks gesagt zu haben.
Marchionne dagegen begründet seinen harten Kurs mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten und verweist auf die Krise der US-Autoindustrie. „Europa hat sich noch gar nicht mit dem Problem der Überkapazitäten in der Autoindustrie beschäftigt“, ist er überzeugt. „Wir haben in Italien sechs Werke und produzieren zusammen das, was in einer einzigen Fabrik in Brasilien hergestellt wird.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2010)