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Angst, Furcht und Hoffnung Erinnerungen an böse Zeiten

Als das Erleben nicht zuletzt aus Überleben bestand: Versuch der Diagnose eines Seelenbefunds

Man spricht immer mehr davon und ich weiß eigentlich nicht warum: von der Angst. Sie lauert, ist in allen Ecken und Enden versteckt und lässt sich nicht besänftigen und schon gar nicht beseitigen: die Angst.

Sie ist von der Furcht zu unterscheiden. Angst ist ein Seelenzustand, Furcht ist ein länger andauernder, aber irgendwie doch mehr oder weniger blitzartig wieder aufhörender Seelenkrampf. Angst ist heute mehr verbreitet als früher. Gefürchtet hat man sich oft, aber das war eine kurze Seelenaufwallung. Wir haben Angst, aber wir fürchten uns nicht lange.

Noch einmal: Angst haben ist etwas anderes, als sich zu fürchten. Der Unterschied ist einer, den ich selbst geschaffen habe, weitab von den mehr als früher gebräuchlichen Differenzierungen. Angst ist laut Wikipedia „ein Grundgefühl, das sich in als bedrohlich empfundenen Situationen aus Besorgnis und unlustbetonter Erregung äußert“.

Furcht hinwieder ist laut Wikipedia das Gefühl einer Bedrohung. Es ist nicht so lang anhaltend wie die Angst. Furcht ist gleichsam ein Gewitterblitz. Nachher hellt sich der Himmel wieder auf. Bei der Angst bleibt er finster. Man spricht heute mehr von der Angst als früher. Die weltpolitische Lage ist nicht dazu angetan, befreiend zu wirken. Der Angst gehört die Welt.


Noch einmal: Furcht ist etwas ganz anderes. Wir leben weiter so wie bisher, aber wir fürchten uns nicht. Wir bleiben, wenn es darauf ankommt, ängstlich. Die deutsche Sprache hat mehr Eigenarten als andere, wie mir scheint. Ängstlich sein ist ein Seelenbefund. Aber wie nennt man einen Zustand, der mit Furcht einhergeht? „Fürchterlich“ ist ganz etwas anderes als „ängstlich“. Ängstlich beschreibt, wie gesagt, einen Dauerzustand. Fürchterlich ist ein Moment, ein Augenblick, ein Ereignis. Es mag kurz oder lang sein, aber wenn es aufhört, ist die Welt wieder in Ordnung. Anders bei der Ängstlichkeit. Es beginnt mit der Wortbildung: „Ängstlich“ ist etwas ganz anderes als „fürchterlich“. Das eine hat die Angst als Wortstamm, das andere die Furcht. Aber „ängstlich“ hat mit „fürchterlich“ nichts zu tun. Noch einmal: Die deutsche Sprache hat eben ihre ganz besonderen Eigenheiten.

In meiner Erinnerung bleibt eine Epoche, die das, was ich sagen will, deutlich macht. Es war im Krieg, zur Zeit der ärgsten Bombenangriffe im Winter 1944/45. Die amerikanischen Fliegerverbände, die von Italien kamen, legten halb Wien in Trümmer. Zum Glück hatte unser Wohnhaus einen tiefen Keller, und als es in Wien noch sogenannte Restschulen gab, von denen die in der Stadt verbliebenen Schüler und Schülerinnen aufgenommen wurden, war das für mich zuständige Gymnasium in der Hagenmüllergasse im dritten Bezirk. Wenn es Alarm gab, wurden die Insassen ins Freie geschafft, und ich rannte über den Ring in die Postgasse, wo mein Vater in einem Haus aus dem späten Mittelalter arbeitete.

Ich kann mich noch genau an den 12. März 1945 erinnern, als die US-Bomben die Wiener Ringstraße in Schutt und Asche legten. Und siehe: Es war, auch wie bei den vorhergehenden Angriffen, bei mir keine Spur von Angst. Für den Zwölfjährigen war es nur Erleben. Und Gott sei Dank auch Überleben. Ich werde nicht vergessen, dass es für mich damals weder Angst war noch Furcht. Nur Hoffnung.

Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2017)