Ans fremde Ufer retten

Ilse Helbichs frischer Bericht über einen Neuanfang mit 60.

Zuhause sein. Endlich zuhause sein. In sich zuhause sein. „Das Haus“ ist die, nur auf den ersten Blick einfach klingende, Geschichte der Suche nach einem solchen Ort, dem Erwerb eines alten Hauses, dessen Renovierung und langsame Inbesitznahme. Früher hatte sie, wie Ilse Helbich schreibt, eine Bleibe, aber zuhause war sie nirgends. „Jemand, der die nackte Haut an ein fremdes Ufer gerettet hat.“ Das Haus wird zur Metapher: „Ein Spiegel ihrer selbst. So kann sie dieses Haus, dieser Garten jeden Tag daran erinnern, was sie in ihrem verborgensten Sein ist, eben darum kann es sie oft aufrichten und manchmal trösten.“

Ein Besuch bei Ilse Helbich bestätigt: Es ist, als hätten Haus und Besitzerin nur darauf gewartet, einander zu finden, so harmonisch passen sie zueinander. Es war eine lange Suche, mit Enttäuschungen, Unsicherheiten, Ängsten. Immerhin ist die Protagonistin in diesem autobiografisch gefärbten Buch schon über 60, als sie sich entscheidet, ein altes Haus auf dem Land zu kaufen. Die Vernunft rät ab („Du bist allein, du bist alt, bist kränklich, was willst du mit einem so großen Haus und wie willst du allein die Lasten des Umbaus tragen?“). Doch der Zufall, das Wunder, der „vom Himmel fallende Wahrspruch“ heißen den „Narrenwunsch“ für gut.


Ein Haus mit Eigenleben

Wenige Minuten, ehe sie dem Makler zu- oder absagen muss, sieht sie die steinerne Kanonenkugel aus dem Dreißigjährigen Krieg, die in einer der alten Mauern sitzt. Und sie kauft das Haus. Schält seinen Kern und seine Substanz, mit Hilfe von Architekten und vieler Professionisten, wieder heraus. Bis es zu dem wird, was sich die Bauherrin erträumt. Und mehr noch – bis es wieder beginnt, ein Eigenleben zu führen. Denn, so stellt die Autorin die rhetorische Frage: „Ist ein Haus, eine Wohnung, in der ein Lebendiger wohnt, jemals fertig? Ist es nicht immer im leisen Wandel? Wie auch der Mensch, der hier behaust ist, und mit diesem zugleich.“

Mit ihrer dichten, knappen und dabei überaus poetischen Sprache schafft Ilse Helbich eindrucksvolle Bilder. Wie in ihren bisherigen Texten sind auch hier das Autobiografische und die vordergründige Geschichte nur die eine Ebene. Auf der anderen geht es um Allgemeingültiges, um eine höchst philosophische Auseinandersetzung mit dem Leben an sich. Um das Altwerden. Altsein. In sich Ruhen.

Ilse Helbich, Jahrgang 1923, ist eine außergewöhnliche Schriftstellerin. Als ihr erstes Buch erscheint, ist sie 80 Jahre alt. Sie ist mehr als 30 Jahre lang verheiratet und hat fünf Kinder großgezogen, als sie – scheinbar über Nacht – ihr Leben von Grund auf ändert, ihren Mann verlässt, das Schreiben zum Mittelpunkt macht, das Haus kauft und sich emanzipiert von bisherigen Fesseln. Heute ist sie 86. Und von einer geistigen Frische, die höchste Bewunderung verdient.

In einer Schlüsselszene in „Das Haus“ schildert die Protagonistin, die niemals in der Ich-Form schreibt, die Begegnung mit einer alten Nachbarin, die in einem Racheakt auf die neuen Pflänzchen einschlägt, die die Neue nebenan gesetzt hat: „Sie dachte, wie schwer es sein müsse, wenn daneben etwas Neues begann, während man selber sich in seinem Alten und in seinem Alter auf immer gefangen wusste.“ Das ist die andere Seite des Altwerdens. ■