„Fikkefuchs“: Die Misere des modernen Machos

Müde Männer: Franz Rogowski und Jan Henrik Stahlberg – hier mit Koproduzentin Saralisa Volm.
Müde Männer: Franz Rogowski und Jan Henrik Stahlberg – hier mit Koproduzentin Saralisa Volm.(c)

KritikEin bissiger Abgesang auf die Weinsteins dieser Welt: Jan Henrik Stahlbergs „Fikkefuchs“. Ab Donnerstag im Kino.

Weniger in „Bye Bye Berlusconi“, aber auf alle Fälle in „Muxmäuschenstill“ und „Short Cut to Hollywood“ ist es Jan Henrik Stahlberg gelungen, eine ganz eigene Form von Komödie zu entwickeln. Seine Satiren über fehlgeleitete Idealisten, die sich dazu berufen fühlten, die Gesellschaft vor ihrem moralischen Untergang zu bewahren oder als Möchtegern-Superstars mit ihr unterzugehen, waren kleiner und dreckiger produziert als die harmlosen Hochglanz-Rohrkrepierer, die in Deutschland sonst entstehen. Hässlicher deswegen auch in ihrem Aussehen, das der unappetitlichen Ästhetik voyeuristischer Reality-TV-Shows nachempfunden war. Schön anzuschauen waren diese Außenseiter-Psychogramme wahrlich nicht. Das machte sie aber umso authentischer. Immer wie ohne Genehmigung spontan drauflos gefilmt und großteils mit Laien besetzt, entfachten sie zudem eine unvergleichliche Situationskomik.

All das gilt auch für „Fikkefuchs“. Um sich unabhängig von politisch korrekten Fördergremien zu wähnen, hat Stahlberg das Projekt vollständig über Crowdfunding gestemmt. Wieder ist die Optik roh und das Szenenbild abgetakelt. Mit Smartphone- und Laptop-Kameras gefertigte Videos, die den narzisstischen Charakteren zur Social-Media-tauglichen Selbstbespiegelung dienen, verunstalten den Look zusätzlich. Auch der Humor ist wieder wunderbar daneben, geschmacklos und böse. Und doch schlägt die zynische Weltanschauung, auf der er basiert, abermals nicht in Arroganz um. Dafür hat Stahlberg zu viel Selbstironie – und die Fähigkeit, seine Witzfiguren irgendwie menschlich erscheinen zu lassen, obwohl er sie andauernd vorführt. Lächerlich und gefährlich wirken sie nämlich nicht wegen ihrer Einsamkeit oder Unzufriedenheit, sondern weil diese Befindlichkeiten bei ihnen offenbar zu soziopathischen Verhaltensmustern ausgeartet sind.

Mit seinem komplett aus der männlichen Perspektive erzählten Beitrag zum gespannten Verhältnis zwischen den Geschlechtern platzt Stahlberg nun auch ungewollt in die Debatte um die jüngeren #MeToo-Enthüllungen hinein, die das Ausmaß von systematischem Sexismus gegen Frauen offengelegt haben.

Neben ihrer Veranlagung zur Melancholie sind die beiden Hauptfiguren nämlich auch noch notgeile Machos und obendrein Vater und Sohn. Richard (Stahlberg mit beginnender Glatze) muss mit zunehmender Frustration feststellen, dass seine Tage als Frauenheld vorbei sind. Sein Zwangszölibat hinnehmen will der bildungsbürgerliche Ex-Casanova allerdings nicht. Auch wenn seine Versuche, bei blutjungen Damen zu landen, nur mehr demütigende Zurückweisungen zur Folge haben. Dann steht plötzlich Thorben (gewohnt proletenhaft: Franz Rogowski) vor seiner Tür: offenbar der Sohn aus einer früheren Daueraffäre. Der ist soeben aus einer geschlossenen Psychiatrie geflohen, in die er wegen versuchter Vergewaltigung eingewiesen wurde und will nun vom „größten Stecher von Wuppertal“, wie sein Vater einst genannt wurde, wissen, wie er sich erfolgreich um die Gunst von Frauen bewirbt, ohne sich eine Watschen oder eine erneute Anzeige von ihnen abzuholen.

 

Lehrausflug in die Disco

Das ist der Auftakt für einen höchst bizarren Vater-Sohn-Bonding-Plot, bei dem man mit jeder Stufe noch tiefer im Boden versinken möchte vor lauter Fremdschämen – von Szenen, in denen sich Richard seinem pornosüchtigen Sohn gegenüber als distinguierter Frauenversteher inszeniert, der in den idiotischsten Gemeinplätzen über die Misere des modernen Mannes (und die böse Emanzipation) schwadroniert, über einen erfolglosen Learning-by-Doing-Besuch in der Disco, der durch kompensatorischen Alkoholkonsum in einer Kotz- und Fäkalorgie endet, bis hin zum businessmäßigen Pick-up-Artist-Seminar, das den unbefriedigten Erotomanen ihr Selbstvertrauen zurückgeben soll . . .

Trotz seiner Tendenz zum Tabubruch ist „Fikkefuchs“ aber keineswegs die misogyne Aufreißerklamotte, für die man ihn zunächst halten könnte. Dafür zeichnet Stahlberg seine chauvinistischen Antihelden viel zu unnachgiebig als jämmerliche Auslaufmodelle. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Kontroverse erweist sich die Macho-Posse so als ein bissiger und hochaktueller Abgesang auf die Weinsteins dieser Welt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2017)