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Wirtschaftswachstum

Griechenland lässt nur langsam die Krise hinter sich

(c) REUTERS (© Yorgos Karahalis / Reuters)
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Das krisengeschüttelte EU-Land ist drei Quartale hintereinander gewachsen. Das schaffte es seit 2006 nicht mehr. Dennoch ist der Weg aus der Krise mühsam. Viele Investoren scheuen das Land noch immer.

Athen. Auf den ersten Blick würde man meinen, dass das griechische Wirtschaftswachstum mit 0,3 Prozent im zweiten und dritten Quartal 2017 eher schwach ist, wenn der europäische Durchschnitt bei 0,6 Prozent liegt. Nicht so die griechische Regierung: Regierungssprecher Dimitris Tzannakopoulos wies darauf hin, dass das Land „endgültig“ die Rezession überwunden habe – drei Quartale hintereinander sei die Wirtschaft seit 2006 bisher nicht gewachsen.

Von einem Wirtschaftswachstum 2017 von an die zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie von Finanzminister Euklid Tsakalotos prognostiziert, ist man aber weit entfernt. Nach neun Monaten liegt man bei einem Prozent. Sehr gut lief der Tourismus, nicht schlecht liefen die Exporte, enttäuschend war jedoch das Interesse von Investoren – vor allem im Inland –, und nachgelassen hat im Vergleich zum ersten Halbjahr die Inlandsnachfrage. Das hat wohl mit den nach wie vor vorhandenen Unsicherheitsfaktoren, Stichwort Kapitalkontrollen, und dem unausgewogenen Spar- und Reformprogramm zu tun: Viel zu hohe direkte und indirekte Steuern sowie Sozialabgaben helfen zwar bei der Erwirtschaftung von Überschüssen, die die internationalen Gläubiger zufriedenstellen, vergraulen aber Investoren.

 

Tourismus boomt weiterhin

Der Tourismus steuert wieder auf ein Rekordjahr zu, nicht nur was die Zahl der Touristen betrifft, die Steigerungen liegen bei acht Prozent, sondern im Gegensatz zum Vorjahr auch bei den Einnahmen: Die Zuwächse liegen bis August bei neun Prozent. Fast alle großen Destinationen haben zugelegt, Athen mit circa fünf Prozent relativ wenig, Thessaloniki mit an die 15 Prozent erstaunlich stark. Das sogenannte Tor zum Balkan ist besonders bei türkischen Touristen beliebt, die u. a. das Geburtshaus von Staatsgründer Kemal Atatürk besuchen; sehr erfolgreich war heuer auch das Marketing in Israel. Das frühere „Jerusalem am Balkan“ mit seiner ehemals großen sephardischen Gemeinde ist zum Hit für melancholische Besucher auf der Suche nach der Vergangenheit der Stadt geworden.

Zufriedenstellend waren auch die Warenexporte, wenn auch zwei der Hauptsäulen der griechischen Exportwirtschaft, Erdöl und Aluminium, stark von den Weltmarktpreisen abhängen. So ist das Exportwachstum von 13,5 Prozent zum guten Teil auf die steigenden Einnahmen der Erdölexporte zu verdanken; das Öl wird roh in Griechenland importiert, raffiniert und exportiert – das „neue, exportorientierte Wachstumsmodell“ sieht anders aus.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Die technische Übereinkunft für die dritte Überprüfung des laufenden Rettungsprogramms für Griechenland wurde in Redkordzeit von den Gläubigern abgesegnet. Griechenland ist auf Kurs: Im Jänner 2018, nach Umsetzung der vereinbarten Maßnahmen, wird die nächste Geldspritze für Griechenland freigegeben werden, insgesamt stehen bis zum Auslaufen des Programms im August 2018 noch etwa 18 Milliarden Euro zur Verfügung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2017)