Thomas Vanek: "Wir Spieler haben nichts zu sagen"

Vanek
Vanek(c) AP (Don Heupel)
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Als 14-Jähriger bestieg Thomas Vanek ein Flugzeug nach Amerika, um Eishockeyprofi zu werden. Neun Jahre später ist er Österreichs einziger NHL-Star, verdient Millionen, hat aber als Spieler kaum Mitspracherecht.

Die meisten Menschen schreiben ihre Biografie am Ende ihres Lebens. Sie haben eine mit 25 geschrieben. Ist das nicht ein komisches Gefühl?

Thomas Vanek: Ich weiß, dass das bei mir alles sehr schnell gegangen ist. Ich kann das manchmal selbst gar nicht glauben, was sich in meinem Leben schon alles abgespielt hat.

In dem Buch „Das Spiel meines Lebens“ wirkt der Ich-Erzähler Thomas Vanek auch ziemlich besserwisserisch und viel zu abgeklärt. Als wäre er ein alter NHL-Haudegen, der auf die 40 zugeht. Haben Sie nicht Angst, ein bisschen als Klugscheißer dazustehen?

Nein, habe ich nicht. Schließlich habe ich als 14-Jähriger bereits Dinge gemacht, die sich wohl die meisten 40-Jährigen in Österreich nicht zutrauen würden. Für die klinge ich womöglich etwas besserwisserisch.

Sie haben sich mit 14 in ein Flugzeug nach Amerika gesetzt, um dort Profi-Eishockeyspieler zu werden...

Ich hatte ein Ziel. Und meine Eltern haben mich verstanden und unterstützt. Natürlich war es damals nicht leicht, als ich mich dann von ihnen auf dem Flughafen in Graz verabschiedet habe.

Gleich beim Umsteigen auf dem Flughafen Heathrow haben Sie den Anschlussflug nicht bekommen...

Da war ich erstmals schon auf mich allein gestellt...

...und Sie haben sich durchgesetzt, wie später auch bei den College-Teams und in der NHL. Aber zwischendurch ist Ihnen doch hin und wieder auch das Lachen vergangen, oder?

Gleich nach wenigen Tagen in Kanada habe ich gedacht: Ich schmeiß alles hin, pack mich zusammen und fahr wieder zurück nach Graz. Ich hab die Leute nicht verstanden, habe mich zurückgezogen...

Und haben sich durchgebissen, weil Sie so ein harter Hund sind?

Nein, weil ich auch sehr großes Glück hatte. Weil ich bei einer tollen Gastfamilie untergekommen bin. Das war purer Zufall. Mit der Zeit wurde mein Englisch immer besser. Und ich hatte schließlich immer etwas, das mich von all meinen Sorgen und Ängsten ablenkte: Eishockey.

Viele Österreicher werden wohl gar nicht verstehen, wie Eltern einen 14-jährigen Teenager allein in die weite Welt schicken können.

Meine Geschichte ist sehr eng mit der Geschichte meiner Eltern verbunden. Sie haben 1982 alles riskiert, um aus der damaligen Tschechoslowakei zu fliehen. Sie haben an eine bessere Zukunft geglaubt und alles dafür getan. Bevor ich nach Kanada geflogen bin, haben sie zu mir gesagt: „Geh hin, versuch dein Bestes. Und wenn es nicht reicht, kannst du jederzeit wieder nach Hause kommen.“ Zum Unterschied zu meinen Eltern hatte ich die Gewissheit, dass es ein Zurück gibt.

Ihre Biografie ist in ein Spiel Buffalos gegen San José eingebettet. Stunden zuvor war ein Flugzeug in der Nähe Ihrer Villa abgestürzt. Ein Klubkollege wählte 911, über 50 Menschen verloren ihr Leben.

Dieses Spiel bleibt immer eine große Erinnerung für mich.

Sie spielten gar nicht mit. Saßen vielmehr wortlos auf der Tribüne.

Ich hatte mir Tage zuvor beim Spiel gegen die Ottawa Senators einen Kieferbruch zugezogen. Ich konnte zwei Wochen lang nicht reden.

Und deshalb haben Sie sich gedacht, jetzt fange ich an zu schreiben?

Nein. Aber eines muss ich schon sagen: Ich möchte mir zwar in meinem Leben nie mehr das Kiefer brechen, aber in den zwei Wochen habe ich gelernt, besser hinzuschauen und besser zuzuhören.

Man hat Ihnen zwecks schnellerer Heilung den Mund zugenäht. Allein der Gedanke daran tut schon weh.

Trotzdem bin ich fünf Tage nach der Operation wieder auf dem Eis gestanden, habe wieder trainiert.

Aber als NHL-Profi ist das Mitspracherecht ohnehin überschaubar. Sie haben zwar einen 50-Millionen-Dollar-Vertrag, aber viel mitzureden über seine sportliche Zukunft hat ein US-Profisportler nicht...

So ist das eben in diesem Job. Ich kann in fünf Minuten einen Anruf erhalten und bei einem anderen Klub sein. Wir Spieler haben da nichts zu sagen. Aber das weiß man, wenn man hier mitspielt.

Da werden jedes Jahr halbe Teams verschachert, Spieler getauscht. Kann da überhaupt so etwas wie Teamgeist entstehen, oder sind da lauter Vollprofis am Werk, die letztendlich doch nur an sich selbst denken?

Viele meiner Kollegen bei den Buffalo Sabres sind auch meine Freunde geworden. Und natürlich passiert es, dass plötzlich einer in ein anderes Team wechselt. Aber die Freundschaften bleiben bestehen. Das ist das Tolle hier am Eishockey.

In Europa würden derartige Verträge mit Sicherheit gegen EU-Recht verstoßen. In den USA und in Kanada hat keiner ein Problem damit?

Sie können mir glauben, dass mich niemand dazu zwingen musste, einen Profivertrag in der NHL zu unterschreiben. Das ständige Kommen und Gehen gehört zum Profialltag.

Zurück zu Ihrem Buch: Da ist ja alles eitel Sonnenschein, nur ein Mal werden Sie ein bisschen ärgerlich. Wenn Sie auf das österreichische Eishockeyteam zu sprechen kommen. Sie meinen, es spielen wie einst im österreichischen Fußballteam nicht die Besten, sondern die Richtigen.

Ich spiele gern für unser Land, obwohl wir niemals Weltmeister oder Olympiasieger werden können. Aber es hat mich in der Vergangenheit geärgert, wenn ich ins Team gekommen bin und erfahren habe, dass jener nicht kommen wollte oder ein anderer nicht nominiert wurde. Das ist unprofessionell.

An welchen Personen liegt's?

Ich will jetzt keine Namen nennen. Ich will nur, dass immer die Besten auf dem Eis stehen.

Dann machen Sie zumindest einen Vorschlag, wie man die Besten aufs Eis holen könnte...

Man könnte etwa vor wichtigen Turnieren die besten 50 in ein Trainingslager zusammenfangen. Und daraus formt man dann ein 25-köpfiges Team.

Könnte mit dem neuen Teamchef Bill Gilligan ein Neustart gelingen?

Ich hoffe. Und ich hoffe, er bekommt auch Zeit, um etwas aufzubauen.

In weniger als einem Monat beginnen in Vancouver die Olympischen Winterspiele. Ist das ein Thema für Eishockeyprofis, oder denken die nur an den Stanley Cup?

Die Spiele sind bei uns ein großes Thema. Ich merke das bei meinen Kollegen, die in den diversen Nationalmannschaften spielen.

Wer wird Olympiasieger?

Kanada und Russland sind meine Favoriten.

Und für wen drücken Sie die Daumen?

Für jene Teams, in denen auch Spieler der Sabres dabei sind.

Also helfen Sie auch zu Deutschland, immerhin spielt dort Ihr Teamkollege Jochen Hecht?

(c) Die Presse / GK

Also zu Deutschland helf ich sicher net. So weit geh ich wieder nicht.

Thomas Vanek, "Das Spiel meines Lebens" ist im Ecowin-Verlag erschienen. 240Seiten 21,90 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2010)

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