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Das Phänomen „Star Wars“

Star Wars: The Last Jedi
Star Wars: The Last Jedi

„Star Wars“ begeistert quer durch die Generationen. Am 14. Dezember startet Episode VIII, „Die letzten Jedi“. Ein Abflauen der Euphorie ist nicht in Sicht. Das liegt an der großen Anschlussfähigkeit des Stoffs – aber nicht nur.

Offene Münder, glänzende Augen. Stürme der ekstatischen Begeisterung, wie beim Popkonzert oder im Fußballstadion, tobten im Oktober in unzähligen Wohnzimmern rund um die Welt, als der erste vollwertige Trailer zum jüngsten Star-Wars-Film „Die letzten Jedi“ auf die breite Öffentlichkeit losgelassen wurde. Dass man die kollektive Euphorie auch als Unbeteiligter verfolgen konnte, liegt am Mitteilungsbedürfnis vieler Fans, die ihren Überschwang dokumentierten und in Form von „Reaction Videos“ auf YouTube stellten.

Zugegeben: Solche Clips schießen dort zu jedem nur erdenklichen Anlass wie Pilze aus dem Boden. Und viele von ihnen leben von bewusster Überhöhung. Doch im Fall von „Star Wars“ sprengt ihre Quantität und Intensität jedes Maß. Der Kult um die Weltraumsaga sucht nach wie vor seinesgleichen.


Schöpfergenie George Lucas. Eine allumfassende Erklärung für das Pop-Phänomen „Star Wars“ und seinen durchschlagenden, anhaltenden und stetig wachsenden Erfolg gibt es nicht. Wie so oft bei Massenphänomenen spielt eine Reihe von Faktoren zusammen. Viel wurde geschrieben über das Schöpfergenie von George Lucas, der sich 1977 für seinen „Krieg der Sterne“ beim Bild- und Ideenreservoir von Sagenwelten, Fantasy-Romanen, Genrefilmen und Abenteuer-Serien bediente – und so eine Mythen-Melange kredenzte, die für jeden anschlussfähig war. Über die archetypischen Figuren der Filme, die Projektionsflächen für alle Gemüter bieten. Und über das vorbildliche „World-Building“ des „Star Wars“-Universums, das die Vorstellungskraft über Andeutungen beflügelt.

All das stimmt. Doch ebenso wesentlich für den bombastischen Einschlag des Sci-Fi-Spektakels war das Klima seiner Zeit. Die Siebziger waren, vor allem in den USA, von Ängsten und Unsicherheiten geprägt: Ölkrise, Börsencrash, Vietnam, Watergate, Kalter Krieg. Paranoia und Misstrauen hielten das politische Bewusstsein besetzt. Menschen sehnten sich nach Eskapismus, nach einem fantastischen Befreiungsschlag, nach fremden und zugleich vertrauten Welten. Genau das lieferte ihnen der erste „Star Wars“-Teil mit seiner Geschichte vom siegreichen Kampf des absolut Guten gegen das absolut Böse, „vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis“.


Positives Kindheitstrauma. Sein nachträglich angefügter Untertitel – „Eine neue Hoffnung“ – bringt es auf den Punkt. Als einer der ersten richtigen Blockbuster erreichte er ein ungeahntes, altersmäßig breit gestreutes Publikum. Die Familientauglichkeit des Sternenmärchens war von enormer Bedeutung für sein Vermächtnis. Zahllose Kinder und Jugendliche machten an der Seite der Weltraumhelden Han, Luke und Leia prägende Kinoerfahrungen. In einer Studie des Sozialwissenschaftlers Matthias Völcker über die Identität von „Star Wars“-Fans kristallisiert sich der Erstkontakt mit den Filmen als Urszene, als einschneidender Punkt im Leben heraus. Für die meisten fällt er zwischen das fünfte und sechzehnte Lebensjahr. Einer der Interviewten spricht von einem „positiven Kindheitstrauma“.

Fans der ersten Stunde trugen dieses „Trauma“ fleißig weiter. Dabei half in den Achtzigern die Durchsetzung von VHS-Kassetten als Heimkino-Medium. Immer wieder konnte man sich zuhause an Lichtschwertduellen und Weltraumschlachten, am bübischen Charme von Han Solo oder der forschen Art von Prinzessin Leia ergötzen. „Star Wars“ geriet zur Sozialisations-Instanz und zum Gemeinschaftskitt.

Und irgendwann sahen dann auch die eigenen Kinder zu. Womit jene Wurzel des Kults markiert wäre, die ihn unsterblich gemacht hat: periodische Aktualisierung. Denn „Star Wars“ kam wieder. Und wieder. Und wieder. In regelmäßigen Abständen wurden neue Generationen in den Mythos eingeweiht. Erst gab es zwei Fortsetzungen zum Ursprungsfilm. Dann, 1997, die Wiederaufführung der Trilogie in einer retuschierten „Special Edition“. Ab 1999 starteten die sogenannten „Prequels“ – Episode I, II und III. Und seit 2015 rollt die jüngste Weltraumopern-Welle, erstmals unabhängig von ihrem Urheber Lucas, durch die Multiplexe.

Hinzu kamen Spielsachen, Lego-Modelle, Computerspiele, Comics, Romane und TV-Serien – allen voran „Clone Wars“ und „Rebels“. Viele der jüngsten Fans haben die Original-Trilogie gar nicht gesehen. Online toben Konflikte zwischen Prequel-Verächtern und –Verteidigern. Wer auch immer recht behält: „Star Wars“ ist längst in der globalen Popkultur-DNA einzementiert, und viele Enthusiasten von damals sitzen heute an den Schalthebeln der Kulturindustrie. Das zeigt sich an der Selbstverständlichkeit, mit der Sitcoms wie „Family Guy“ oder „Robot Chicken“ ganze Episoden liebevollen Parodien der Filmreihe widmen. An der Häufigkeit, mit der „Star Wars“-Insignien in Retro-Serien wie „Stranger Things“ auftauchen. An den zahllosen Verwurstungen und Aneignungen des Internets, die von singenden Yodas über essayistische Tiefenanalysen bis hin zu aufwendigen Fanfilmen reichen. Einer davon entstand auch in Österreich: Ironischerweise heißt er „Regrets of the Past“.


Moderne Pop-Religion. Die ikonische Kraft von „Star Wars“ macht auch vor der Politik nicht halt. Der ehemalige US-Vizepräsident Dick Cheney wurde von seinen Kritikern mit Darth Vader verglichen – und fühlte sich „geehrt“. 2015 ersetzte ein Künstler im Zuge der „Dekommunisierung“ der Ukraine ein Lenin-Denkmal in Odessa durch ein Vader-Monument. Als Ideologie kann man „Star Wars“ nicht bezeichnen. Aber als moderne Pop-Religion. Neben Action und Abenteuer geht es immer um Glaube, Liebe und Hoffnung.

Wie jede Religion gehört sie nicht nur den Gläubigen. Der Disney-Konzern hat sämtliche Rechte inne und spielt gekonnt auf der Nostalgie-Klaviatur seiner Kunden. Die neuen Filme starten auch deshalb zur Weihnachtszeit, weil sie für viele eine Rückkehr in den wärmenden Schoß der Jugend bedeuten. Fankultur wird von Marketing-Kampagnen umschlossen wie Han Solo von Karbonit. Doch wir alle wissen: Die Befreiung folgt in Episode VI.

Der neue Film

„Star Wars: Die letzten Jedi“. Episode VIII der Filmreihe – Mittelstück der Sequel-Trilogie – kommt am 14. Dezember in die Kinos. Regie führte diesmal Rian Johnson, der auch das Drehbuch schrieb.

Darsteller. Es spielen u. a. Daisy Ridley, John Boyega, Oscar Isaac, Adam Driver, Mark Hamill, Andy Serkis. Die im Vorjahr verstorbene Carrie Fisher ist in ihrer letzten Filmrolle zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2017)