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Der Mediator

Wahrheit könnte eine Tochter der Zeit sein

Beraterin Kellyanne Conway bei einer Ehrung im Weißen Haus in Washington.
Beraterin Kellyanne Conway bei einer Ehrung im Weißen Haus in Washington.(c) Reuters/Joshua Roberts
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„Alternative Fakten“ wurde zum Unwort des Jahres 2017 in Österreich gekürt. Diese Phrase, an die sich das Team von US-Präsident Donald Trump konsequent hält, ist aber nicht prinzipiell böse. Subjektivismus führt auch zur schönsten Romantik.

Wer kann sich noch an Mrs. Kellyanne Conway und Sean Spicer erinnern? Ja, das sind zwei jener rasch rotierenden Medienprofis, die sich nach dem Amtsantritt des republikanischen US-Präsidenten Donald Trump darum bemühen mussten, seine zum Teil bizarren Versionen von Wahrheit, häufig über den psychosozialen Dienst Twitter verbreitet, so zurechtzubiegen, dass zumindest der Anschein erweckt werden konnte, den Neuen im Weißen Haus menschlich und sogar ein bisschen rational erscheinen zu lassen.

Spicer war für ein halbes Jahr der Pressesprecher Trumps. Er trat sein Amt im Jänner 2017 mit einer Verdrehung der Wahrheit an: Nein, er werde sie nicht belügen, versprach er den versammelten Medien – und strafte sich selbst sogleich Lügen, indem er behauptete, die Inauguration seines Dienstherrn hätten deutlich mehr Menschen besucht als die des Vorgängers Barack Obama. Es sei das größte Publikum gewesen, das jemals bei einer Vereidigung dabei gewesen sei. Punktum. Diese an sich lächerliche Sache konnte rasch durch Fotos oder Daten der U-Bahn entkräftet werden. Doch Fehler zuzugeben fällt dem Team Trump bis heute besonders schwer. Also sprang Kampagnenmanagerin Kellyanne Conway dem verhöhnten Kollegen Spicer bei. In der Talksendung „Meet the Press“ beklagte sie die einseitige Berichterstattung und behauptete, Spicer habe nicht die Unwahrheit gesagt, sondern „alternative facts“ dargestellt. Was für ein Satz!

Conways kreative, philosophisch durchaus ernst zu nehmende Phrase wurde soeben von der Forschungsstelle Österreichisches Deutsch in der schönsten Kategorie auf Platz eins gewählt: „Alternative Fakten“ ist hierzulande das Unwort des Jahres 2017 – zu Recht, denn diese Alternative zur Verdeckung des verpönten Wortes Unwahrheit oder gar der mutwilligen Lüge hat im House of Trump Methode. Sie ist der Ausdruck des äußersten Subjektivismus. Tatsächlich hat Spicer in der Causa noch nachgelegt: Ja, es gebe Fakten, aber diese könne man unterschiedlich interpretieren. Aus der Perspektive von Trump, der auf dem Hügel am Capitol vereidigt wurde, ist ihm also ganz Amerika zur Seite gestanden.

An die Manipulation durch alternative Fakten und Fake News hat man sich inzwischen gewöhnt. Die Kunst der Übertreibung, die Trump übrigens auch als smarter Geschäftsmann erfolgreich pflegt, hat vor allem einen Zweck: Sie ist ein Ablenkungsmanöver. Alle Welt redet über eine Nichtigkeit wie die Besucherfrequenz bei Inaugurationen, während die Administration längst mit viel ernsteren Dingen beschäftigt ist: mit Kriegsvorbereitungen, dem Abbau des Sozialstaates, dem Vertuschen von Russland-Affären, die zur Amtsenthebung führen könnten.


Mehr Poesie! Alternative Fakten müssen aber nicht prinzipiell böse sein. In der Romantik etwa hat der Subjektivismus schönste Formen gefunden. Die Vernunft sei nicht alles, behauptete Friedrich Schlegel. Man brauche auch Poesie, um die Welt im Ganzen zu erfassen. Auf die Spitze getrieben könnte Trump, wenn er denn tatsächlich zum Transzendentalen neigte, behaupten: „Die Welt ist meine Vorstellung.“ Wer so philosophiert, für den ist zum Beispiel Jerusalem je nach Laune immer schon die Hauptstadt Kanaans oder Israels, eine Festung von Kreuzrittern oder die Startrampe für andere wüste Krieger auf ihrem Weg zum Heil gewesen. Alles eine Frage der Perspektive.

Die alternativen Fakten bestätigen also unseren Verdacht, dass die Wahrheit eine Tochter der Zeit sei. Das Zitat stammt nicht von Sean Spicer, sondern von Aulus Gellius. Er wurde im wilden zweiten Jahrhundert in Rom geboren. Oder in der Provinz Africa. So sicher ist das nicht. Man weiß nicht einmal mehr genau, von wem er die Behauptung „Veritas temporis filia“ übernommen und gegen wen er sie gebraucht hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2017)