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"Bar Mitzwa": Gegen den Wind leben

Bar Mitzwa ORF2 - DI - 19-01-2010 - 22-30 UHR
(c) ORF (Franz Riess)
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Helene Maimanns neuer Film "Bar Mitzwa", der dritte Teil einer jüdischen Trilogie, im ORF.

Das ist zufällig eine Trilogie geworden – das habe ich erst bemerkt, als ich diesen Film fertig hatte.“ In „Gefillte Fisch – Eine jüdische Kochshow“ ging's ums Essen, in „Himmlische Lust & koscherer Sex“ eben darum und um die Liebe. Helene Maimanns neuester Film – „Bar Mitzwa heißt erwachsen werden“ – handelt vom Lernen und dem Ritual, mit dem jüdische Burschen in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen werden. „Mir ist es wichtig zu entmystifizieren. Wenn jemand fromme Juden sieht, fragt er sich, was die für ein Kastel am Kopf tragen. Und warum sie sich Bänder um den Arm schnüren. Das befremdet.“ Tefillin heißen die Lederkästchen, die an Stirn und Arm gebunden werden und Auszüge aus der Thora enthalten.

Der 13-jährige Simon weiß das jetzt. Wie alle Burschen seines Alters, die Bar-Mizwa feiern wollen, hat er ein Jahr lang dafür gelernt. Maimann hat ihn bis zur Feier begleitet. Und natürlich konnte und wollte sie ihr Interesse für Zeitgeschichte nicht hintanstellen: Theologe Peter Landesmann erzählt von seiner Feier, 1942 in Budapest, nur eineinhalb Jahre vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht, deren Herrschaft er „wie durch ein Wunder“ überlebt hat. Aber auch der Antisemitismus hat überlebt: Simons Vater feierte in den Siebzigerjahren. In der Schule seien seine Bücher gestohlen und mit „Saujud“- und Hakenkreuzbeschmierungen wieder aufgetaucht, erzählt er. Er habe Simon beigebracht, auf derlei Angriffe entweder eine gute Antwort parat zu haben oder sie an sich abprallen zu lassen.

„Ich bin ja selbst so eine“, sagt Maimann und meint: eine Jüdin. „Ich habe zum Thema publiziert, aber man deklariert sich nicht gern. Wir haben von den Eltern gelernt, dass man das niemandem unbedingt auf die Nase bindet.“ Heute gebe es mehr Selbstbewusstsein unter den Juden: „Das ist seit Waldheim so, das war eine paradoxe Entwicklung. Man wusste dann, wer sich anständig verhält und wer nicht.“ Gleichzeitig ortet Maimann heute mehr Judenfeindlichkeit als vor zehn Jahren: „Das zeigt die Debatte über Asylanten. Was da an Lurch in den Postings oder Leserbriefen auftaucht... Das ist dieselbe Sprache. Aber wir haben gelernt, gegen den Wind zu leben.“ Das Ritual verleihe auch Stärke. „Es gibt praktisch keine Buben, die keine Bar-Mizwa haben.“ Und mittlerweile auch kaum Mädchen. Auch davon erzählt Maimann in ihrem Film.

Kreuz & Quer: „Bar Mitzwa heißt erwachsen werden“ von Helene Maimann (19.1., 22.30, ORF2); danach: Teil 1 der preisgekrönten Dokumentation „Die Juden – Geschichte eines Volkes“ von Nina Koshofer und Sabine Klauser (23.05); beide: ORF2.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2010)