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Tegetthoff: "Glauben die, das Stimmvolk ist deppert?"

(c) Michaela Bruckberger
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Folke Tegetthoff im Gespräch mit der "Presse" über Erlöser, Erzähler und die Schwammerlsuppe SPÖVP: "Nur nirgends anstreifen, überall irgendwie durchlavieren, es ja allen recht machen."

„Die Presse“: Ist das, was sich derzeit rund um BZÖ und FPÖ abspielt, aus der Sicht eines Märchenerzählers ein guter Plott?

Folke Tegetthoff: Man könnte meinen, es stammt aus einem richtig gut inszenierten Märchenbuch. Es ist aber die Frage, ob es nicht eher eine Horror-Fantasy-Story ist. Was rätselhaft bleibt: Die Protagonisten sind ja allesamt keine sehr dummen Leute. Glauben die allen Ernstes, das Stimmvolk ist total deppert? Was sich generell in der Politik abspielt, ist ein grausames Spiel. Die Politiker sollten sich fragen, was es bedeuten würde, wenn sie so mit ihren eigenen Kindern umgehen.

 

Sind Politiker schlechte Menschen?

Tegetthoff: Bei Betrachtungen von Politikern ist es schwer, menschliche Beurteilungen zu finden. Es ist toll, dass sie etwas bewegen wollen. Oft werden die menschlichen Umgangsformen aber über den Haufen geworfen, durch Machtstreben und den Hunger nach Anerkennung. Die Ebene unter den Politikern, die Büroleiter und Sekretäre, halte ich aber für die viel gefährlichere Gattung. Da wird eine Abschottungspolitik betrieben, durch die vieles gar nicht bis zu den Politikern vordringt, und oft werden fragwürdige Entscheidungen getroffen, von Menschen, die dafür weder befähigt noch beauftragt sind. Ich wähle ja den Politiker und nicht einen Sektionschef.

 

Ein österreichisches Spezifikum?

Tegetthoff: Es ist zumindest besonders ausgeprägt, weil es aus einem monarchistischen System herausgewachsen ist. Es wurde ein Machtapparat installiert, der insofern den Bezug zur Realität verloren hat, weil er sich im Zentrum der Macht sieht. Teilweise ja zu Recht, weil Politiker kommen und gehen. So entsteht ein Bewusstsein „Ich regiere und lenke“ – unabhängig von dem, der vorn den Kasperl spielt.

 

Sind die Politiker beziehungsweise Parteien zu schwach?

Tegetthoff: Die Schwammigkeit ist das Problem: FPÖ und KPÖ, die stehen konkret für etwas. Die haben klare, dezidierte Standpunkte. SPÖ und ÖVP dagegen sind eine Schwammerlsuppe, so nach dem Motto: Nur nirgends anstreifen, überall irgendwie durchlavieren, es ja allen recht machen. Freilich ist es für die, die an der Macht sind, immer schwierig. Aber gerade für die Großparteien wäre es wichtig, klare Standpunkte zu vertreten. Stattdessen dominiert die Angst, nur ja nicht abgewählt zu werden.

 

In Ihrer Analyse fehlen die Grünen – ein Zufall, oder ist gerade das das Problem der Grünen: dass sie keine Positionierung schaffen?

Tegetthoff: Bei den Grünen fühle ich mich immer zurückversetzt in meine Jugend. Da wurde drauflos protestiert, ohne die Basis hinter dem Protest zu erfahren. Die Grünen sind in sich uneinig und unentschlossen. Es ist heute zu wenig, auf Umweltpolitik zu setzen. Viele Aussagen zu anderen Themen wie Bildung sind aber zu schwammig und haben zu wenig Kontur. Jene, die die Vorgänge kritischer hinterfragen, finden auch dort keine Heimat.

 

Was können Politiker von Geschichtenerzählern lernen?

Tegetthoff: Ein Politiker muss alle Attribute eines guten Erzählers haben. Es gibt für seine Reden ja nur einen einzigen Grund und ein einziges Ziel: Dass er jemanden findet, der zuhört. Dafür muss man Emotionalität in seine Rede legen.

 

Wer kann das?

Tegetthoff: Barack Obama kommt glaubwürdig herüber, weil er den Eindruck erweckt, etwas zu erzählen, nicht nur zu reden. Er ist eine Lichtgestalt. Da verspüren die Menschen eine Offenheit, auch wenn sie nur sehr gut gespielt ist. Er ist ein großartiger Erzähler, ein Erlösertyp.

 

Hat er etwas Jesushaftes?

Tegetthoff: Die politische Figur Jesus war glaube ich ganz ähnlich. Man soll Obama aber nicht in eine bestimmte Ecke stellen. Man kann jemandem auch folgen, ohne ihn anbeten zu müssen.

 

Wer war der letzte österreichische Obama?

Tegetthoff: Bruno Kreisky. Freilich hat auch er viel verbockt, aber man hat immer den Eindruck gehabt, dass da einer nicht mit Engelszungen spricht, sondern es gleich wie zu Hause sagt.

Und das aktuelle Personal?

Tegetthoff: HC Strache und Jörg Haider können beziehungsweise konnten das gut: eine Geschichte erzählen. Wenn ich auch bei Haider bei jedem Wort immer eine unsichtbare Krampusmaske gesehen habe. Josef Pröll tut sich mit seiner jovialen Art auch eher leichter. Werner Faymann dagegen wirkt immer knöchern. Er kommt nie echt drüber, er kann keine Geschichten erzählen. Man hat immer den Eindruck, in Rufweite steht ein Berater, der sagt: Tu das nicht! Er scheint in eine Rolle hineingedrängt, die er selbst nicht wollte. Da wirkte Gusenbauer auf seine Art und Historie bezogen ehrlicher.

 

Und Heinz Fischer?

Tegetthoff: Er macht seine Sache hervorragend. Erwin Pröll, den ich sehr schätze, ohne ÖVP-lastig zu sein, wäre dafür nicht geeignet gewesen, weil er zu viel eigenes Profil hat. Fischer dagegen geht in dem Amt auf. Er eckt nicht an, wirkt brav und lieb, wie der Heinzi, der in der Schule immer das Liebkind seiner Lehrer war. Aber das liegt auch am Amt. Er hat ja keine Macht. Derzeit kräht kein Hahn danach, wenn er etwas sagt. Er ist ein Operettenpräsident.

 

Man könnte das Amt ja abschaffen.

Tegetthoff: Wenn ich etwas zu sagen hätte, wäre ich jedenfalls dafür. Die Repräsentationsaufgaben kann auch der Bundeskanzler machen. Da brauche ich niemanden, der extra Geld kostet.

 

Aber hat diese Inszenierung nicht etwas Märchenhaftes?

Tegetthoff: Ja klar. Es ist so, wie sich das Volk das große Leben vorstellt. Es will bestimmte Figuren. Wir wollen ja alle ein Märchen erleben. Es ist seit Jahrtausenden ein Spiegelbild der Gesellschaft.

 

Wird Österreich seinem Ruf als Kulturnation noch gerecht?

Tegetthoff: Man muss nur analysieren, wie viele Besucher in der Albertina eigentlich Österreicher sind und sich dann fragen, ob wir uns das leisten, weil wir eine Kulturnation oder eine Tourismusdestination sind. Indem der Staat die Festspiele oder die Staatsoper finanziert und Museen baut, vergisst er sehr leicht auf die Basis.

 

Was fehlt?

Tegetthoff: Auf die Frage, wozu eine Gesellschaft Kunst überhaupt braucht, werden heute keine Antworten gegeben. Österreich tut zwar viel für ein paar Skisportler, aber nichts, um der breiten Basis ein Kunst- und Kulturverständnis beizubringen. Es wird den Kindern abtrainiert. Jeder der sich frei entfalten und kreativ sein will, wird „niedergeprügelt“. So gibt es kaum musisch-künstlerischen Unterricht mehr. Viele, vor allem sozial Schwache – wozu auch sehr viele Migrantenkinder zählen – fallen durch den Rost. Da geht viel Potenzial verloren. Parallel muss man sich fragen, warum wir uns zwar keine 20Millionen Euro für eine Bildungsoffensive leisten können, aber 480Millionen für die Hypo schon? Das ist so eine Verarschung.

 

Bisher erschienen: Eva Dichand (7.12.), Eser Akbaba (21.12.), Erich Leitenberger (24.12.), Brigitte Bierlein (28.12.), Wolf D. Prix (29.12.), Berthold Salomon (31.12.), Helmut Draxler (4.1.), Mirna Juki? (5.1.), Gerhard Heilingbrunner (8.1.), Constanze Dennig (11.1.). Karin Gutiérrez-Lobos (12.1.), Niki Lauda (13.1.), Luitgard Derschmidt (14.1.), Dennis Russell Davies (16.1.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2010)

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