In modernen Gesellschaften hat sich „Kommentieren“ statt „Demolieren“ im Umgang mit unliebsamen Denkmälern durchgesetzt.
Niemals, niemals darf das goldene Gesicht des Diktators im Schatten liegen, Zentimeter für Zentimeter wuchtet sich die zwölf Meter hohe Statue um ihre eigene Achse, folgt der Sonne im Tagesverlauf. Die mächtige Konstruktion dazu verbirgt sich in einem raketenartigen, rund 60Meter hohen Turm. Von dort oben scheint „Turkmenbashi“, der „Vater aller Turkmenen“, auch aus dem Jenseits sein Volk zu überwachen. Nicht mehr lange aber – jetzt hat Turkmenistans neuer Präsident angekündigt, das Denkmal des 2006 verstorbenen Diktators aus dem Zentrum der Hauptstadt Aschchabad entfernen zu lassen.
Der goldene Koloss war eine von vielen Statuen, mit denen der in einem Waisenhaus aufgewachsene, seit Anfang der 1990er-Jahre als Alleinherrscher auf Lebzeiten regierende Saparmurad Nijasow seinem Volk allgegenwärtig erscheinen wollte – es muss ihm recht eindrücklich gelungen sein, ließ er doch u.a. den Monat Jänner, einen Mondkrater, eine Bergspitze und eine Melonensorte nach sich umbenennen. Turkmenbashi war überall. Jetzt wird er in seiner zentralen Repräsentation, als Sonnengott, endgültig gestürzt. Was auf eine weitere Öffnung der zentralasiatischen Erdöldiktatur hoffen lässt.
Denn Denkmalstürze waren immer eindeutige erste Zeichen eines politischen Umbruchs. Nach dem Verrauchen der ersten Emotionen wurden sie jedoch bald als historische Fakten und touristische Attraktionen schätzen gelernt. Man denke nur an den 1993 eröffneten Memento-Park am Rand von Budapest, in dem monumentale, aus der Stadt entfernte Denkmäler wie in einem kommunistischen Erlebnispark abgeschritten werden können. Der „Sowjetsoldat“ mit Hammer-und-Sichel-Flagge in der Hand und einer Maschinenpistole um den Hals ist die Hauptattraktion der rund 40 zwischen 1945 und 1989 entstandenen Lenins, Marx' und Engels – er stand früher unübersehbar auf der Spitze des Gellértbergs mitten in Budapest.
Robert Musils Annahme „Nichts ist so unsichtbar wie Denkmäler“ stimmt seit den 1980er-Jahren jedenfalls so nicht mehr: Auf der einen Seite der „Mauer“ wurden die Symbole der kommunistischen Diktatur gestürzt, auf der anderen Seite welche im Gedenken an die Verbrechen der nationalsozialistischen errichtet. Längst hat sich in modernen Gesellschaften aber „Kommentieren“ statt „Demolieren“ im Umgang mit unliebsamen historischen Denkmälern durchgesetzt. Ein nächster Schritt ist die künstlerische Neuinterpretation.
Der Schatten einer Abrissbirne, den ein Arbeitskreis der Wiener Universität für angewandte Kunst auf einem Plakat auf das Denkmal des antisemitischen Bürgermeisters Karl Lueger am Stubentor fallen lässt, ist jedenfalls nur symbolisch zu verstehen: Man hat einen internationalen Wettbewerb zur „Umgestaltung“ des Monuments in ein „Mahnmal gegen Antisemitismus und Rassismus“ ausgeschrieben. Einsendeschluss ist der 1.März.
Ein Projekt, dem Wiens heutiger Bürgermeister Häupl allerdings schon eine Absage erteilt hat: Er könne sich nur eine erklärende Tafel an der Statue vorstellen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2010)