Das Belvedere zeigt im Atelier Augarten mit "Tanzimat" zeitgenössische Kunst, die locker-assoziativ rund um die türkische Reformgeschichte kreist.
Zugegeben, das „Türkenkopfstechen“ ist ein gefundenes Fressen für historisch forschende Künstler: Nach der Türkenbedrohung delektierte sich der Adel hierzulande am festlichen Abschlagen einschlägiger Papiermascheeköpfe. Übrigens keine speziell österreichische Makaberie. Die Abbildung, die der türkischen Künstlerin Esra Ersen in die Hände fiel, zeigt allerdings das „Karussell“ benannte Spektakel in der Wiener Winterreitschule 1814. Weshalb jetzt auch dezentes Ringelspielgedudel ihr wissenschaftlich-kühles Metallregal beschallt, in dem sich männliche, bärtige Tonköpfe mit großen Ohren drehen.
So lösten (großteils türkische) Schüler in Köln die Aufgabe der Künstlerin, „türkische Köpfe“ zu modellieren. Was dieses Aufzeigen von (wahren?) Stereotypen und der Hinweis auf die Schauder physiognomischer Erhebungen mit „Tanzimat“ zu tun haben, bleibt dagegen offen.
Aber was heißt überhaupt „Tanzimat“ – nicht nur thematische Vorgabe, sondern auch Titel der neuen Ausstellung im Atelier Augarten, der notorisch besucherresistenten Gegenwartskunst-Dependance des Belvedere am fernen Tabor? Als „Tanzimat“ wird die Reformzeit im Osmanischen Reich von 1839 bis 1876 benannt. Wesentliche Grundrechte wurden damals verankert – das für uns heute Spannendste war, dass Nichtmuslime auf dieselbe Stufe mit Muslimen gestellt wurden, jedenfalls auf dem Papier, also Gleichbehandlung unabhängig von der Religion. Was einen sofort ins Heute zieht, denkt man an das Wiener Urteil, das einem muslimischen Mann eher das Unrecht zugesteht, seine Frau halb tot zu stechen als, etwa, einem katholischen.
Vier San-Marco-Pferde auf Tournee
Die Arbeiten der elf österreichischen, türkischen, rumänischen und deutschen Künstler machen es einem aber nicht so leicht, sollen sie auch nicht: Eine gute Gruppenausstellung darf schließlich keine Kuratorentheorie illustrieren, sondern sollte sie kritisch umkreisen. Einige der durchwegs komplexen Arbeiten entstanden extra für den Anlass: Carola Dertnig etwa erforschte die Geschichte der Wiener Zacherlfabrik, eine in der Tanzimat-Zeit im orientalischen Stil erbaute Mottenmittelfabrik. Kamen Stoyanov filmte die bulgarische Kirche in Istanbul, ebenfalls in dieser Phase der Offenheit ganz aus Eisen gegossen vom österreichischen Stahlunternehmen Waagner Biro.
Am eindrucksvollsten aber sind die vier Pferde, die Hüseyin Bahri Alptekin seit 2005 wieder um die Welt schickt: Es sind die Abgussmodelle des berühmten Vierergespanns von der Fassade des Markusdoms in Venedig. In ihrer 2000-jährigen Geschichte, seit sie auf Neros Triumphbogen prangten, waren sie Kriegstrophäe, wurden von Konstantin nach Konstantinopel oder von Napoleon nach Paris gekarrt. Jetzt stehen sie im Augarten, in sicherer Entfernung vom Sommerschloss des Prinzen Eugen, wo demnächst in dieser Institution die humanistischeren Heldentaten des „Türkenbezwingers“ gefeiert werden.
Bis 16.Mai. Spezielle Vermittlungsprogramme für Schulen werden angeboten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2010)