Nachbeben auf Haiti: "Wann hört das endlich alles auf?"

Nachbeben auf Haiti:
(c) Reuters

Am Mittwochmorgen versetzte ein Nachbeben der Stärke 6,1 die Haitianer in Panik. Seit US-Soldaten in den Straßen von Port-au-Prince patrouillieren, hat sich die Sicherheitslage verbessert.

Völlig verzweifelt steht Abdias Musac vor seinem kleinen Haus. Seine Hände zittern. Er trägt schwarze Unterwäsche, sonst nichts. „Wann hört das endlich auf?“, fragt der 32-jährige Haitianer. Ein Nachbeben der Stärke 6,1 hat die haitianische Hauptstadt Port-au-Prince am Mittwoch kurz nach sechs Uhr morgens erschüttert. Voll Panik ist Musac auf die Straße gerannt. In sein Haus traut er sich noch nicht zurück.

Mehr als eine Woche nach der Katastrophe kommt in Haiti die Erde nicht zur Ruhe. So wie Abdias Musac wurden Mittwoch früh hunderttausende Menschen aus dem Schlaf gerissen, als die Erde erneut zu beben begann. Sie liefen auf die Straßen, weg von den Gebäuden. Die Angst ist groß. Denn viele Häuser, die durch das Hauptbeben nicht in sich zusammengebrochen sind, sind schwer beschädigt. Mit jedem Nachbeben steigt die Gefahr, dass sie einstürzen.


„Ich habe keine Ahnung, wann ich wieder drinnen übernachten werde“, sagt Musac. Seit mehr als einer Woche schläft der Taxifahrer auf einem blauen Leintuch in seinem kleinen Vorgarten. Die Katastrophe haben er und seine Familie unbeschadet überstanden. Sein Haus ist beschädigt. Die Wände im Schlafzimmer sind von Rissen durchzogen. Schon das nächste kleine Nachbeben könnte die einstöckige Bleibe zum Einstürzen bringen.

Etwa zehn Sekunden hat das bisher schwerste Nachbeben gedauert, dessen Epizentrum rund 60Kilometer westlich von Port-au-Prince wiederum nur zehn Kilometer unter der Erdoberfläche lag. Überall gingen Sirenen los. Gebäude schwankten. Vom ersten Beben beschädigte Häuser stürzten ganz ein. Für die internationalen Hilfskräfte wird es immer schwieriger, noch Überlebende aus dem Trümmern zu retten.

Bisher wurden mindestens 75.000Tote geborgen. Ein Teil der mühsam wieder aufgebauten Infrastruktur wurde zerstört. Weder Telefone noch Internet funktionierten. Die Koordination der Hilfseinsätze erhielt dadurch einen kurzfristigen Rückschlag.

Ärzte kauften Sägen am Markt

Die Sicherheitslage in der Hauptstadt hat sich mittlerweile stabilisiert. Immerhin sind schon 12.000 US-Soldaten im Einsatz, die nicht nur Hilfseinsätze koordinieren sowie Lebensmittel und Wasser verteilen: Seit Mittwoch patrouillieren sie auch in den Straßen der Stadt, in denen bisher Gangs regierten und plünderten.

Am Mittwoch meldete sich auch Präsident René Préval zu Wort. Dass die Bevölkerung bisher vergeblich auf seinen Zuspruch gewartet hatte, begründete er damit, dass es für ihn wichtiger gewesen sei, internationale Hilfe ins Land zu holen. Außerdem habe die Regierung bisher versucht, sich einen Überblick über die Situation im Land zu verschaffen. Nun werde man mit der Errichtung von Notunterkünften beginnen, so Präsident Préval.

Frustriert zeigte sich am Mittwoch die Organisation Ärzte ohne Grenzen. Man brauche dringend Medikamente und andere medizinische Ausrüstung, weil man mittlerweile die Patienten nicht mehr versorgen könne. Einige Flugzeuge mit Hilfsgütern bekamen keine Landeerlaubnis für Port-au-Prince und mussten zurück in die Dominikanische Republik fliegen, berichtet Stephan Goetghebeur der „Presse“, der den Einsatz von Brüssel aus koordiniert. Chirurgen des Choscal-Krankenhauses im Viertel Cité Soleil mussten sich auf einem Markt Sägen besorgen, um Amputationen durchführen zu können.

Traum von der Normalisierung

Abdias Musac ist aber davon überzeugt, dass sich „das Ganze irgendwann wieder normalisieren wird“. Ob er dann in sein Haus zurückkehren wird, weiß er noch nicht. „Vielleicht verkaufe ich es“, sagt der in Port-au-Prince Geborene. „Dann schnappe ich mir mein Auto, packe ein paar Sachen und ziehe aufs Land.“ Fernab der zerstörten Großstadt, hofft Musac, werde er „das furchtbare Drama“ besser verarbeiten können.