Schwere Unfälle, Entgleisungen, zu lasche Umrüstung alter Garnituren – die Wiener VP will die Standards der Wiener Linien vom Kontrollamt prüfen lassen.
Der tödliche Unfall einer Frau, die vergangenen Freitag von einer Straßenbahn mitgeschleift wurde, hat die Diskussion um die Sicherheit bei den Wiener Linien neu entflammt. Und schon Ende Dezember – unmittelbar nach der Entgleisung einer Straßenbahn in Floridsdorf – hat die Wiener ÖVP einen Antrag zur Überprüfung der Sicherheitsstandards beim Kontrollamt eingebracht.
1. Wie viele tödliche Unfälle mit Straßenbahnen gab es zuletzt?
Zwei Todesopfer im Jahr 2009, eine Tote bereits heuer. Beim jüngsten Vorfall geriet eine 40-Jährige in Wien-Donaustadt unter den Beiwagen einer Straßenbahn und wurde mitgeschleift. Der Fahrer bemerkte den Unfall nicht. Ähnlich verlief ein Unfall vergangenen Oktober in Wien-Simmering: Eine 58-Jährige stürzte beim Aussteigen und blieb am Gefährt hängen, bis Passanten den Fahrer alarmierten. Eine Parallele zur Unglücksserie von 2007 und 2008, als mehrere Fahrgäste von der Tür eingeklemmt und mitgeschleift wurden: Der Fahrer bemerkte nichts. Und: Vergangenen März starb ein Mann in Favoriten, der einen Zebrastreifen bei Rot überquerte und von einer Straßenbahn erfasst wurde.
2. Sind die Wiener Linien oder die Verunfallten selbst schuld?
Die Wiener Linien weisen bei den Todesfällen die Schuld von sich: Nach der anfänglichen Haltung, dass es an Eigenverantwortung der Menschen mangle, machte man allerdings Anfang 2009 eine Kehrtwendung: Die Türen der alten Garnituren wurden mit neuen Türfühlerkanten ausgestattet, die verhindern sollen, dass Menschen eingeklemmt werden. Nach massivem öffentlichen Druck entschloss man sich schließlich auch, alle alten Garnituren mit Rückspiegeln auszurüsten. Hieß es zunächst, dass diese Maßnahmen Ende 2009 abgeschlossen sein sollen, wird nun Mai 2010 als Termin genannt. Aber: Die Wiener Linien argumentieren, dass ein Spiegel in bestimmten Situationen, etwa bei Dunkelheit, nur bedingt helfe. Zudem, so Sprecher Answer Lang, könne ein Fahrer nicht die ganze Zeit in den Rückspiegel schauen: „Hundertprozentige Sicherheit kann man nie gewährleisten.“
3. Wann verschwinden die alten – weniger sicheren – Garnituren?
Die neuen ULF-Garnituren gelten beim Thema Sicherheit als State of the Art. Durch ihre Bauweise sind eingeklemmte Fahrgäste oder Menschen, die unter die Räder geraten, äußerst unwahrscheinlich. Demnach soll die gesamte Flotte sukzessive auf diese Niederflurstraßenbanen umgerüstet werden. Allerdings: Nachdem es vergangenen August in einem ULF zu einem Feuer gekommen war, wurde die Abnahme von 104 neuen Garnituren vorerst gestoppt, bis die Herstellerfirma Siemens das aufgetretene Problem gelöst hatte. Derzeitiger Status laut Lang: „Eine Lösung bahnt sich an.“
4. Gibt es Unfälle, die die Wiener Linien auf ihre Kappe nehmen?
Nicht ganz auf die Kappe des Unternehmens – aber auf die einzelner Mitarbeiter. So dürfte die Entgleisung einer Straßenbahngarnitur in Strebersdorf im Dezember auf menschliches Versagen zurückzuführen sein – die Fahrerin sei zu schnell in eine Kurve gefahren. „Blackout oder Sekundenschlaf.“ Konsequenz: Die Frau wurde vom Fahrdienst abgezogen, ihr Vertrag nicht verlängert. Und nachdem ein Straßenbahnfahrer vergangenen April betrunken und bei roter Ampel eine Frau niedergefahren hatte, wurde er entlassen, Alkoholkontrollen bei den Fahrern verstärkt.
Steckt System hinter Vorfällen wie diesen? Ja, meint die grüne Verkehrssprecherin und Straßenbahnerin Ingrid Puller: Durch Einsparungen wären Fahrer immer länger unterwegs – dadurch komme es zu Konzentrationsschwächen und Fehlern. Die Wiener Linien verweisen auf einen Kontrollamtsbericht vom Dezember, in dem dem Unternehmen im Umgang mit den Fahrern ein gutes Zeugnis ausgestellt wird.
AUF EINEN BLICK
■Umrüstung: Die Wiener Linien rüsten nach einigen Unfällen die alten Straßenbahngarnituren um – zu langsam, bemängelt die Opposition im Rathaus. Die Wiener VP hat beim Kontrollamt einen Antrag auf Überprüfung eingebracht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2010)