Der König des Gemetzels

Was Film zu erzählen vermag, davon berichtet der deutsche Regisseur Dominik Graf in dem Band „Schläft ein Lied in allen Dingen“. Emotional und engagiert schreibt er über inter-nationales Kino, das er schätzt.

Schon der Prolog ist herzzerreißend. Ein Mädchen wartet an einem Herbstabend in einem Pariser Café auf ihren Freund. Sie ist zu dünn angezogen. Ihren Wintermantel hat das Paar versetzt. Ihr Freund, ein Boxer, hat den gestrigen Kampf verloren, am Morgen sind sie heimlich samt Gepäck aus der Pension geschlichen, weil sie nicht zahlen konnten. Nicht einmal ein Getränk kann sich das Mädchen leisten, während sie sehnsüchtig den Gehsteig hinunterblickt – und nicht sieht, dass ihr Freund seinen Koffer hinter der Theke abholt. Und im Auto wegfährt, für immer. „Sie sieht so schutzlos aus“, schreibt Dominik Graf, „als die Geschichte sie verlässt – als die Kamera grußlos mit einem Blick aus dem dunklen Taxi an ihr vorüberfährt...“

Auf kaum zweieinhalb Seiten erforscht Graf die Umstände und die Gefühle des Mädchens mit einem Nuancenreichtum, dass es im Kopf schon wirkt wie ein ganzer Film: die Zärtlichkeit, die vergebliche Hoffnung, die Angst, schließlich die bittere Enttäuschung und Verletztheit, die ihr Leben überwältigen wird. Dann verrät Graf, woher die Szene stammt: Aus der Simenon-Verfilmung „Die Millionen eines Gehetzten“ (1963; im Original: „L'aîné des Ferchaux“) von Jean-Pierre Melville. Keiner der berühmtesten Filme des französischen Thriller-Meisters, aber doch ein Klassiker, der im Hinterkopf der Filmgeschichte halb erinnert herumspukt. Den Boxer, der mit einem dubiosen Geschäftsmann nach Amerika geht, spielt Jean-Paul Belmondo. Das Mädchen, das er mit seinem früheren Leben nach der Exposition links liegen lässt, wird von Malvina Silberberg verkörpert. Ihre einzige Filmrolle. „Sie ist verschwunden, so, wie ihre Figur aus dem Film verschwindet“, schließt Graf: „Aber ihre Episode erinnert mich immer daran, was Film zu erzählen vermag.“

Dieser wunderbare Prolog ist wie ein Motto für „Schläft ein Lied in allen Dingen“, eine überfällige Sammlung von Texten, die der deutsche Regisseur Dominik Graf in der vergangenen Dekade für Zeitungen und Bücher geschrieben hat. Herausgeber ist „FAZ“-Filmredakteur Michael Althen, der einleitend von der impulsiven Entstehungsgeschichte vieler Artikel berichtet: wenn Graf, beflügelt von auf obskuren Umwegen erlangten DVDs, etwas für die Zeitung vorschlägt, das mit dem in Redaktionen bevorzugten tagesaktuellen Anlass herzlich wenig zu tun hat. Etwa ungarische Produktionen von einst klingenden Namen wie Márta Mészaros, Károly Makk und Miklós Jancsó. Auf jeder Seite ist deshalb eine brennende Leidenschaft zu spüren, die der deutschsprachigen Filmliteratur und ihren Kinofeuilletons oft schmerzlich fehlt. Um mit dem Eichendorff-Zitat des Titels zu sprechen: Eines der Lieder, die in diesem Buch schlafen, ist ein Liebeslied.

Grafs Widerspruchsgeist ist dabei unermüdliche Triebfeder: Er verweigert sich den Gefälligkeiten der ästhetischen Gewissheit und der Zähmung eines zunehmend entpolitisierten Mainstream-Denkens über das Kino. Intellektuelle Abgehobenheit interessiert ihn ebenso wenig: Er schreibt packend und atmosphärisch, emotional und engagiert, wie das Kino, das er schätzt. Kein Wunder, dass ihm Bezüge zur Literatur so leicht von der Hand gehen wie zu dem italienischen Kinokultkolporteur Lucio Fulci („Der König des Gemetzels“). Im Vorübergehen bringt Graf auf den Punkt, was US-Maverick Abel Ferrara (aus-)macht – „Philosophiefilme, die wirken wie eine Pinkelspur auf dem Teppich der Funktionäre und Konzerne“ –, im überschwänglichen Anhang mit DVD-Empfehlungen genügt ihm ein Satz, um das Mysterium von Andrej Tarkowskijs Klassiker „Solaris“ zu fassen: „Die Gräser im Wasser zu Beginn, schwerelos wie die sich tödlich Liebenden im Raumschiff.“ Zugleich sind da ein Blick auf das Detail und ein umfassendes technisches Wissen, wie es nur die langjährige Erfahrung als Filmemacher schulen kann: Im Prolog schreibt Graf, wie Melville ausleuchtet, einen Spot auf Malvina Silberberg richtet, die da einsam wartend im Café sitzt und sie „fast wie eine Erscheinung“ aussehen lässt: „Als sei sie schon nicht mehr wirklich da...“

Graf richtet seinen Spot bevorzugt auf verschüttete Wege der Filmgeschichte und auf missachtete Arbeiten. Auch da gelten keine Kategorien: Freiheit ist ein Schlüsselwort. Graf findet sie in den marginalen Milieustudien des unterschätzten, dabei unschätzbaren deutschen Einzelgängers Klaus Lemke ebenso wie im Hollywood-Kino der Großfilmer Sydney Pollack und George Roy Hill, die gern als bloße Handwerker abgetan werden.

Die nach Nationen geordneten Kapitel des Buches erzählen, wie man im Zeitalter der digital ermöglichten Erhältlichkeit vieler vernachlässigter Werke die Filmhistorie neu aufrollen könnte – und sollte: Allein die subversive Spur, die Graf in Italien vom Kinogiganten Roberto Rossellini über die Politthriller Damiano Damianis zu den subversiven Trashfilmen der späten Siebziger legt. „Unordentlich“ ist dabei noch so ein Schlüsselwort: Graf beschwört den Reichtum eines Kinos vor der „gewaltsamen Flurbereinigung, die seither die Filmwelt in verschiedenste Anbauflächen ordentlich scheidet wie bei der Mülltrennung – vom Arthausmovie bis zur straff organisierten Pornoproduktion“.

Gute Filmliteratur ist immer auch eine Art Autobiografie: „Schläft ein Lied in allen Dingen“ lässt sich parallel zu Grafs Karriere lesen. Mit Weltklassekrimis wie „Die Katze“ (1987) oder „Die Sieger“ (1994) wollte er den Grundstein für ein deutsches Genrekino legen, in dem die von ihm so geschätzten Qualitäten gedeihen können – aber im Zuge der Flurbereinigung musste er wieder ins Fernsehen ausweichen. Insofern ist das Buch auch ein Klagelied, aber nie wehleidig, sondern klarsichtig.

Im (einzigen zuvor unveröffentlichten) Text über Fassbinders „Lili Marleen“ geht Graf ins Gericht mit der Fehlentwicklung des nationalen Films parallel zur „geistigen Wende“ in Gesellschaft und Politik: „Als hätten wir Deutschen mit der Wiedervereinigung den entscheidenden Berührungspunkt mit all den Widersprüchen, all der brutalen Dialektik unserer Geschichte verloren.“ Während das deutsche Historienkino in „Eventblödheit“ versinkt, hat Graf 2006 mit dem kleinen Fernsehkrimi „Eine Stadt wird erpresst“ den einzigen Spielfilm gemacht, der die Widersprüche seit der Wende so erzählt, wie er es am Hollywood-Haudegen Robert Aldrich bewundert: „Auf grandios direkte und dennoch tiefenwirksame, auf bös-sarkastische ebenso wie auf lakonische Weise, auf manchmal epische Art und dennoch eingefleischt pragmatisch und ökonomisch.“

Man darf also mehr als gespannt sein auf Grafs achtteilige Fernsehserie „Im Namen des Verbrechens“: Die wird nach langer Verzögerung wegen Finanzierungsproblemen – auch da haben die Fehlentwicklungen im deutschen Filmgeschäft ihre Rolle gespielt – im April endlich ausgestrahlt werden. ■