„Der Pavillon“: Türkische Tradition trifft auf Moderne.
Nedim Gürsel tut es in „Allahs Töchter“, Orhan Pamuk tut es in „Schnee“, Elif Safak tut es in „Der Bastard von Istanbul“, um nur einige der türkischen Gegenwartsautoren zu nennen, die sich zur Zeit behutsam einer Thematik annehmen, die lange verpönt war, nämlich der des spirituellen islamischen Erbes und der Ausläufer einer osmanischen Kultur, die in religiöse Bruderschaften eingebettet war, wie zum Beispiel der der Mevlewis, die Rufais oder der Bektaschis, die vor der atatürkschen Wende das geistige Klima grundierten.
Nachdem 1928 statt der arabischen die lateinische Schrift verordnet worden war und man den arabisch-persischen Wortschatz des Osmanischen durch alttürkische Wörter und jede Menge Neubildungen zu ersetzen trachtete, galt über mindestens zwei Generationen hin die Beschäftigung mit der Zeit dieses Ancien Régimes (abgesehen von seiner Früh- und seiner imperialen Hochblütezeit) als reaktionär oder zumindest antiquiert. Interessant, dass die diesbezüglich stärksten Stimmen die von Autoren sind, die in Paris, Berlin oder zeitweise in den USA leben. So als könne man aus der Ferne und nachdem man sich an sämtlichen Modernismen abgearbeitet hat, den Wert der eigenen Traditionen wieder deutlicher wahrnehmen.
Eine Reihe von Militärputschen
So auch Zafer Şenocak, der seit den 1960er-Jahren in Deutschland lebt, auf Deutsch Gedichte sowie Prosa schrieb und sich durch seine luziden Analysen „des Landes hinter den Buchstaben“ den Ruf eines unbestechlichen Kommentators des eher schlechten als rechten Verhältnisses zwischen Ansässigen und Zuwanderern erworben hat. „Der Pavillon“ ist nicht sein erster Roman, aber der erste, den er in seiner Muttersprache schrieb. Dieser Roman ist unter den anfangs genannten der geheimnisvollste und wohl auch der eigenwilligste.
Der – seit Gründung der Republik – erste einer Reihe von Militärputschen, die sich dann ungefähr alle zehn Jahre wiederholen sollten, nämlich der vom 27. Mai 1960, ermöglicht eine zeitliche Zuordnung, als Ort des Geschehens dient der Pavillon des letzten Kalifen, Abdülmecit II., der die Türkei 1924 verlassen musste und 1944 in Paris starb, von wo er Jahre später, als Einbalsamierter, nach Medina gebracht wurde, um dort beigesetzt zu werden. Oder auch nicht. Im Roman klingt die Vermutung an, dass er anstatt in Medina in seinem alten Pavillon begraben wurde.
Hamit, in den 1930er-Jahren geboren, zeigt schon früh seine Vorliebe für Musik, wobei er sich als Liebhaber von Geräuschen bekennt. Sie (die Mitschüler) nannten ihn Musiker, weil er jedem Instrument, das er in die Hand nahm, einige wohltönende Klänge zu entlocken vermochte. Er jedoch war hinter den Tönen her, die dem Ohr nicht so gefällig erschienen. Die verworrene Sprache in ihm selbst würde er nur mithilfe dieser Töne entwirren können.
Hamit geht bald nach dem Krieg nach München, wo er studiert und bei einem Tonmeister arbeitet. Zusammen mit seiner Freundin Hilde, einer blonden Sudetendeutschen mit traumatischen Kriegserfahrungen, kehrt er im Frühjahr 1960 für geplante drei Monate nach Istanbul zurück, in ebenjenen Pavillon, den sein älterer Bruder, ein bekannter Imker, zur Verfügung gestellt bekam, um in den Gärten des ehemaligen Kalifen auf der asiatischen Seite des Bosporus den besten nur denkbaren Honig zu gewinnen.
Hamit, der sich weder für Geschichte noch für Religion interessiert und sich in seinen Münchner Jahren vor allem mit der deutschen Gegenwartsliteratur und -musik auseinandersetzt (die Bekanntschaft mit einem Komponisten wie Hans Werner Henze spielt dabei eine wichtige Rolle und mündet in einen Briefwechsel), kann sich, zurück in der Heimat, der Konfrontation mit seiner Herkunftskultur nicht mehr entziehen. Und da das Leben aus Sehnsucht besteht, wie es im Kapitel „Gottesliebe“ heißt, stellt er bald fest, dass auch ihm etwas fehlt, auch wenn er sich den Objekten seiner Sehnsucht gegenüber durchwegs distanziert und wenig affirmativ verhält. Aber er ruft sie sich ins Gedächtnis.
Angeregt dazu wird er von Ismet, der im Pavillon aufgewachsen ist, wie eine Art menschliches Inventar, aber auch von einem alten Mann namens Süheyl und dessen Sohn Semih, die genau diese osmanische Kultur repräsentieren, unter der keineswegs ein fundamentalistischer Islam heutiger Prägung zu verstehen ist, sondern eher eine – wenn auch streng in der Observanz – aber doch im Sinne der traditionellen Bruderschaften weltoffenere Religiosität mit einem Hang zur Mystik.
Nicht von ungefähr hat der letzte Kalif selbst gemalt und sich jeden Donnerstag Abend in seinem Pavillon mit Dichtern und Künstlern umgeben. Auch Semih ist Geiger und hat vor der Auflösung des Istanbuler Symphonie-Orchesters in diesem europäische Klassik gespielt. Was wohl bedeutet, dass es eine rein islamische Kultur ohnehin nicht gibt, so wie auch die westlichen Kulturen immer wieder beim Orient Anleihen gemacht haben.
Tante Safiye, eine Art Heilerin, deren Sprache aus nichts anderem bestand als Worten aus dem Koran, erscheint anfangs als die befremdlichste unter diesen osmanischen Gespenstern, doch nachdem Hamit Hilde, die an psychosomatischen Symptomen leidet, zu ihr bringt, wird sie immer mehr zu seiner Gesprächspartnerin. Hilde fährt allein nach Deutschland zurück – geheilt? Oder einer noch viel schwereren Krankheit entgegen, deren Todesdrohung leise anklingt.
Man muss dieses Buch sehr genau lesen, um zu erkennen, wie sehr es von Anspielungen durchzogen ist und wie dicht die verschiedenen Motivketten ineinander verwoben sind. Die Bienen, als ein Beispiel von vielen, verweisen einerseits auf Mohammed, der den Gläubigen empfahl, Honig zu essen, der bei 40 verschiedenen Leiden als Heilmittel dient, andererseits ist er Zeichen für wirtschaftlichen Aufschwung. Hamits Bruder Hamdi ist dabei, die Honigproduktion anatolienweit zu vernetzen.
Honig – Medizin für fast alles
Şenocak hat sich große Mühe gegeben, die osmanische Kultur einerseits als Sehnsuchtsobjekt glaubhaft zu machen, und das ohne jeden Funken von Nostalgie – im Gegenteil, er erspart weder seinem Helden noch seinen Lesern eine präzise Bestandsaufnahme von deren Defiziten und Schattenseiten – und andererseits seine Bindung an bestimmte Aspekte der europäischen Kultur zu betonen. Die Irritationen, die dabei entstehen, werden in komplexe Bilder integriert, die zu lesen nicht immer einfach ist. Man braucht Geduld für dieses Buch, Geduld, die sich jedoch lohnt. „Die Menschen leiden immer unter Zeitknappheit“, heißt es in einer Reflexion des Geigers Semih, „wobei sie eigentlich nur knapp an Einsicht sind – so dass sie vieler Zeit bedürfen.“ ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2010)