1000 Pistenkilometer sind kein Klacks. Doch gute Planung führt weit in das Reich des Wilden Kaisers und in die Kitzbüheler Alpen.
Der Skitag neigt sich dem Ende zu. Die wie unter Zuckerguss erstarrten Fichten werfen lange Schatten. Pistenraupen kriechen langsam den Hang hinauf und bügeln den zusammengeschobenen Schnee glatt. Ein letztes Mal schaukeln wir am Lift. „Brav“, attestiert uns der Skiguide, seien wir gefahren.
Das bedeutet auf Ski-Tirolerisch so viel wie: In der Mittagspause nicht viel Zeit auf der Hütte verplempert, gemütlich wäre es dort schon gewesen. Minus 17Grad auf dem Berg ohne Raunzerei ertragen und dem noch kälteren Fahrtwind die Stirn geboten.
Und dann eine Ansage wie diese: „So, jetzt habt ihr ungefähr ein Viertel vom Gebiet Skiwelt Wilder Kaiser-Brixental kennengelernt“, grinst der Guide, lässt locker seine Beine baumeln und deutet auf die noch unbefahrenen Hänge rundum. Dann auf jene Gipfel, die unser zu Dreiviertel unerforschtes Terrain einkreisen: die Zacken des Wilden Kaisers vor uns, die sanfteren Kitzbüheler Alpen hinter uns. Weit hinten am Horizont sichten wir den Großvenediger im Gefolge von Tauern-Dreitausendern, die nur der Skibergsteiger wirklich kennt.
Ein Prachtpanorama hat man von hier oben auf der Hohen Salve, im schrägen Spätnachmittagslicht finden wir es zum Niederknien. Verständlich, dass schon die Wallfahrer auf diesen „Rigi von Tirol“ heraufpilgerten.
Riesenversprechen
„Irrsinnig groß“ nennt sich diese „Skiwelt Wilder Kaiser-Brixental“. Das ist keine Übertreibung, wie der Skifahrer bald erkennt, wenn er sich etwa in Scheffau in die Kaiser-Runde einklinkt und dann bis nach Ellmau und Going über Brixen im Thale wieder retour bewegt. Der Kreis eines intensiven Skitages in mittlerer Seehöhe – man fährt meist entlang der Baumgrenze – schließt sich auch für den, der die Salven-Runde absolviert: Da beginnt der Spaß in Brixen im Thale, geht weiter Richtung Hopfgarten nach Itter und schließlich nach Söll.
Es hat Sinn, diesen ausgewiesenen Routen zu folgen, denn sie führen über die besten breiten Pisten im Gebiet zwischen Kaiser und Kitzbühel und sind auch in moderatem Tempo gut zu machen. Der klassische Skiurlauber kommt damit mehr als aus. Und wenn er mit der Familie unterwegs ist, gibt's kein Argument, von hier wegzuwollen: Schließlich hat man sich viel für den Pistennachwuchs überlegt, etwa Abenteuerplätze auf dem Berg.
Schaut man auf den Pistenplan der ganzen Region, wird die Verlockung groß, das Wilde-Kaiser-Reich zu verlassen, einen Tag hier Ski zu fahren, einen Tag ein paar Kilometer weiter zu schauen und am dritten Tag auf die übernächsten Berge zu wechseln. Im Tiroler Unterland und im Salzburger Pinzgau sind die Skigebiete mittlerweile zu einem gigantischen Verbund zusammengewachsen. Nicht alles ist direkt miteinander durch Lifte verbunden, aber unter dem Dach einer eigenen Skikarte, der „Kitzalp Allstar Card“, logistisch eines geworden: mit mehr als 1000 Kilometer Piste vom Alpbachtal bis nach Zell am See und Kaprun mitsamt dem Kitzsteinhorn.
Gute Planung
Wir haben diese Lizenz zum Pistenwechseln. Und das heißt fürs Erste planen: Wie weit kommen wir wirklich, wenn wir etwa von Westendorf im Brixental in Richtung Mittersill im Pinzgau wollen? Ist das realistisch? Wir müssten dann dem Wilden Kaiser den Rücken kehren und die Hoheitszone von Westendorf betreten, wo wir schon das erste Mal etwas Zeit verlieren könnten, weil wir zumindest eine der drei neuen Skihütten testen wollen – die 11er-Alm, die Ki-West oder die Panorama Osl.
Zudem müssen wir uns an der Choralmabfahrt beweisen. Diese Piste kommt für den nicht so Geübten einer Mutprobe gleich, sie ist eine schwärzesten im ganzen Gebiet: Mit teilweise 100 Prozent Gefälle (45 Grad) bietet sie einer Streif Paroli. Skilegende und Pistenstratege Bernhard Russi hat ihr schon Klassikerstatus vorausgesagt – aus ihr wäre eine ganz große Nummer geworden, hätte Olympia 2006 in Kitzbühel stattgefunden.
Was heuer dortselbst jedoch stattfindet, ist das 70. Hahnenkammrennen. Dort liegt der nächste Grund für Trödeleien im Pistenfahrplan direkt an der Salomstrecke: Wir kehren in die neue Hütte am Ganslernhang ein. Nur die Aussicht auf die (subjektiv) schönsten Pisten im Skigebiet Kitzbühel – sie liegen mit dem Bärenbadkogel in Jochberg und mit der Breitmoos schon im Salzburgerland – lässt uns den Weg fortsetzen.
Wie viele Kilometer wir letztlich in den Beinen, wie viele Lifte wir absolviert und wo wir die Zwischenbestzeit liegen lassen haben, verrät uns später ein genaues Diagramm auf www.skiline.at, wenn wir den Code unserer Skikarte eingegeben haben.
Wir hätten es auch kürzer, gemütlicher, aber nicht weniger reizvoll haben können, denn die Megaskikarte eröffnet uns einige kleinere Skigebiete: Fieberbrunn etwa, das sich als richtiges Schneeloch in den Kitzbüheler Alpen erweist. In der Nachmittagssonne gibt es dort kaum etwas Reizvolleres, als die „Reckmoosabfahrt Süd“ hinunterzuheizen, eine sehr lange Abfahrt, auf der man mit Druck auf den Kanten stehen darf, weil einen keine Massen daran hindern, große Radien auszufahren. Überhaupt ist dieses etwas versteckte Gebiet mit seinem Wildseeloder eine gute Option für Freerider.
Ein anderes kleines Gebiet, das man in der Nähe der großen Player im Skizirkus entdecken könnte, ist St. Johann. Wer hier zum Beispiel im Penzinghof in Oberndorf nächtigt, steigt in der Früh ganz kommod in dieses ebenfalls kommode Skigebiet ein, carvt an der Flanke des Kitzbüheler Hornes herum und unternimmt dabei eine Art Hüttenrallye.
Die Harschbichlalm wurde nicht von ungefähr zum zweiten Mal zur besten Hütte in den Kitzbüheler Alpen gewählt. Sie liegt auf 1700 Metern und schaut dem Wilden Kaiser mitten ins Gesicht. Dass sie auf Tradition und nicht auf Schnickschnack setzt, hat sie so beliebt gemacht.
Weiter unten im St. Johanner Skigebiet liegt eine andere Einkehr, um die Feinschmecker nicht herumkommen. Auf der Angerer Alm wird abends auf sehr hohem Niveau gekocht, und im Weinkeller lagern exzellente Tropfen. Untertags kann man ganz locker bei der Angerer Alm hineinschneien.
Osterweiterung
Geologische Zonen halten sich an keine politischen Grenzen, so auch nicht die Kitzbüheler Alpen, an denen Saalbach-Hinterglemm im Osten genauso Anteil hat wie etwa die Wildschönau oder das Alpbachtal im Westen. Folglich gehören sie nun auch in den Kitzalps-Kartenverbund. Sollte man wie wir strategisch in Oberndorf in Tirol Quartier beziehen, wäre der nächste Einstieg nach Saalbach und nach Hinterglemm in Leogang. Die Hänge dort aber nur als Zubringer zu dem Salzburger Skiriesen zu nutzen, wäre mehr als ignorant. Vom Großen und vom Kleinen Asitz weg führen Pisten, die man gern immer wieder fährt. Auch der Ausblick ist ein ganz besonderer. Leogang liegt an den mächtigen Loferer Steinbergen. Und so wiederholt sich, wie bei Skiwelt und Wildem Kaiser, noch einmal die eindrucksvolle Konstellation aus sanftem Skiberg und wildzackigem Gegenüber. Zum Niederknien eben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2010)