Argentinien: Eine Ohrfeige für den Notenbanker

Das Glas ist nur halb voll: Präsident Mauricio Macri hat Argentiniens Wirtschaft noch nicht ganz auf Kurs gebracht.
Das Glas ist nur halb voll: Präsident Mauricio Macri hat Argentiniens Wirtschaft noch nicht ganz auf Kurs gebracht.(c) APA/AFP/LAUREANO SALDIVIA (LAUREANO SALDIVIA)
  • Drucken

Präsident Macri brüskiert die Zentralbank, indem seine Regierung selbst ein höheres Inflationsziel vorgibt. Das Ziel: Mehr Wachstum soll die Wirtschaft vor Schocks sichern.

Buenos Aires. Im Kampf gegen die vielen Übel, die Argentiniens Wirtschaft plagen, wechselt Präsident Mauricio Macri nun die Prioritäten. Kurz vor dem Jahreswechsel verkündeten der Haushaltsminister Nicolás Dujovne und sein Finanzkollege Luis Caputo eine „Rekalibrierung“ des Inflationszieles. Bisher hatte für 2018 die Vorgabe von acht bis zwölf Prozent gegolten. Nun lautet die Richtmarke 15 Prozent.

Dieser neue Wert liegt nahe jenen 17 Prozent, die eigentlich schon für 2017 angepeilt waren. Schon zweimal hatte Argentinien sein Inflationsziel weit verfehlt, im Vorjahr lag die Inflation mit 24 Prozent sieben Zähler über dem Soll. Weil sich ein neuerliches Verpassen in diesem Jahr abzeichnete, akzeptierte Mauricio Macri, die Ziele den Realitäten anzunähern.

Unmut über Geldpolitik

Dass die neue Linie nicht im Gebäude der Zentralbank, sondern im Präsidentenpalast verkündet wurde, werten viele Beobachter als einen Hinweis darauf, wer künftig die Inflationskontrolle leiten wird. Allgemein wurde die Entscheidung als Ohrfeige für Zentralbank-Chef Federico Sturzenegger gewertet.

Der 52-jährige Ex-Harvard-Professor hatte seine Inflationsziele schulmäßig mithilfe des Leitzinssatzes durchsetzen wollen. Lange besaß er Macris Placet, bis kürzlich ein interner Bericht warnte, die Hochzinspolitik werde das dringend notwendige Wachstum gefährden.

In Macris enger Umgebung war Unmut über Sturzenegger vor allem nach den Parlamentswahlen im Oktober aufgekommen, in denen die Regierung fast landesweit zulegen konnte. Macris Team wollte den Rückenwind ausnutzen und Subventionen für Energie und Verkehr kürzen. In Erwartung steigender Preise verteuerte Sturzenegger den Zugang zu neuem Geld. Insgesamt stieg der Leitzinssatz um 400 Basispunkte auf maximal 28,75 Prozent.

Mit seiner Absicht, dem Markt überschüssige Liquidität zu entziehen, bewirkte Sturzenegger jedoch vor allem, dass die Schatzbriefe der Zentralbank (Lebac), die preisbereinigt bis zu zehn Prozent Rendite abwarfen, zu Favoriten der Investoren wurden. Weil Anlagen in Lebacs um acht Prozentpunkte höher rentierten als klassische Sparkonten, machten sich viele Experten gar Sorgen um die Zukunft des Banksystems. Bis Ende November gewährten Argentiniens Geldhäuser um 39 Prozent mehr Darlehen als 2016, vor allem für den Wohnungsbau. Aber die Einlagen legten nur um zwölf Prozent zu.

Die Vorahnung einer Kreditkrise war für Macri nun wohl erschreckender als die Aussicht auf ein weiteres Jahr mit hoher Inflation. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass Argentiniens Wirtschaft im Jahr 2017 um 2,8 Prozent wuchs, für 2018 hält der Fonds 2,5 Prozent für möglich. Macri will aber 3,5 Prozent. Der Präsident weiß, dass die Volkswirtschaft seines Landes extrem anfällig für Schocks von außen ist.

Sie ist von drei Seiten bedroht: Das Budget ist immer noch mit etwa sechs Prozent im Minus. Die negative Leistungsbilanz macht etwa 25 Mrd. Dollar aus, also etwa 4,5 Prozent des BIPs. Hier summieren sich ein Rekord-Handelsdefizit mit etwa neun Mrd. Dollar und ein drastisches Missverhältnis im Tourismus: 2018 werden die Argentinier etwa 10,8 Mrd. Dollar mehr ins Ausland tragen, als internationale Besucher ins Land bringen. 5,2 Mrd. Dollar verschlingt der Dienst für die rasant wachsende Auslandsschuld, mit der die Defizite bislang ausgeglichen werden.

Bedrohung durch Inflation

Die dritte Bedrohung ist die Inflationsrate. Dass die Preise in Argentinien in den vergangenen zwei Jahren schneller stiegen als die Wechselkurse, bewirkte eine drastische Überbewertung des Peso, die Importe ebenso provoziert wie den Shoppingtourismus. Die viel zu starke Währung, mitverursacht durch einströmende Kredit-Dollar sowie den Lebac-Carry-Trade, trug exportorientierten Sektoren in Landwirtschaft und Industrie erhebliche Nachteile ein. Diese dürften durch die Kurskorrektur gemindert werden. Bis Ende 2018 erwarten die meisten Analysten einen Pesokurs von etwa 21,50 zum Dollar, also vier Peso mehr als Anfang Dezember 2017.

Während der vergangenen Monate hatte sich Federico Sturzenegger einen Leitsatz zugelegt: „Wer seine Ziele revidiert, der hat keine Ziele!“ Dass der Zentralbank-Chef nun auch noch dabeisitzen musste, als Haushaltsminister Dujovne die revidierten Ziele verkündete, hatte eine Tragik, die sich womöglich weit über den persönlichen Aspekt auswirken könnte.

Der Autonomieverlust seiner Zentralbank könnte Argentinien teuer zu stehen kommen. Finanzminister Luis Caputo will in diesem Jahr etwa 30 Mrd. Dollar neue Schulden aufnehmen. Bei den Zinsverhandlungen wird er erfahren, wie der neue Kurs ankommt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2018)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.