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Film: Nur ja nicht an der Spaßgesellschaft zweifeln!

Showmann P. T. Barnum (Hugh Jackman) ist hier ein selbstloser Mann des Volkes: Seine kontroversen Seiten sieht man im Manegenlicht nicht.
Showmann P. T. Barnum (Hugh Jackman) ist hier ein selbstloser Mann des Volkes: Seine kontroversen Seiten sieht man im Manegenlicht nicht.(c) Twentieth Century Fox

Das Musical „The Greatest Showman“ macht aus dem Leben des Entertainmentpioniers P. T. Barnum ein zuckerlbuntes Märchen über den amerikanischen Traum – und eine fragwürdige Ode an die heilsame Wirkmacht der Kulturindustrie.

In einer Welt, die jeden Menschen zum Performer macht, zum Selbstdarsteller in sozialen Medien und Koberer auf dem Markt der Aufmerksamkeit, einer Welt, in der Sensationalismus fröhliche Urständ feiert, Extreme den Diskurs bestimmen und Lüge oft nur schwer von Wahrheit unterschieden werden kann, einer Welt, in der die USA einem Showmaster unterstehen, der Tag für Tag mit polemischen Tweets ums Rampenlicht der Öffentlichkeit heischt – in dieser Welt gibt es kaum ein spannenderes Biopic-Objekt als P. T. Barnum.

Barnum gilt als einer der Überväter des modernen Showgeschäfts, ein Marketingpionier, dessen „American Museum“ im 19. Jahrhundert ein Millionenpublikum angezogen hat. Der New Yorker Schaulustpalast mit Spektakeln „für jeden Geschmack“ hievte Jahrmarktattraktionen in neue Dimensionen. Und Barnum wusste sehr gut, wie man Tickets verkauft: mit aufwendigen Werbekampagnen, falschen Versprechungen, dem Reiz des Fantastischen und Grotesken. Sein Name wurde irgendwann zum Synonym für überzogene PR-Stunts und dubiose Kuriositäten, „Hoaxes“ und Falschmeldungen. Zugleich war Barnum Zeitungsmacher und Politiker, eine widersprüchliche Figur des öffentlichen Lebens, die am Anfang ihrer Karriere mit rassistischen Menschenshows Kasse machte, aber später für Abraham Lincoln und gegen Sklaverei eintrat.

Anhand von Barnums Leben könnte man einen spannenden Film über die Janusköpfigkeit der amerikanischen Unterhaltungsindustrie machen, im Geiste von Robert Altmans „Buffalo Bill und die Indianer“ oder Joe Dantes „Matinée“. „The Greatest Showman“, seit Jahresanfang in den heimischen Kinos zu sehen, ist leider das genaue Gegenteil – eine zuckerlbunte Plastik-Pop-Konfektion, die Barnum zum strahlenden Helden eines amerikanischen Traums macht, wo Kunst, Unternehmertum und Diversität in einem rauschenden Fest verschmelzen und jeder Zweifel an der heilsamen Wirkmacht der Spaßgesellschaft vom Manegenlicht ausgeblendet wird.

 

Hugh Jackman mit Dauergrinser

Von „künstlerischen Freiheiten“ in Bezug auf Barnums Werdegang kann dabei keine Rede sein – der Aufstieg des Showmanns wird hier kurzerhand zum Märchen. Beim Musical, dem magischsten aller Hollywood-Genres, kann man es sich ja erlauben. Die Titelrolle gibt Hugh Jackman. Dass der vielseitig begabte Star singen kann, hat er schon in Tom Hoopers Filmfassung von „Les Misérables“ bewiesen. In „The Greatest Showman“ darf er wieder nach Herzenslust trällern – und sprüht auch sonst vor positiver Energie. Sein Barnum galoppiert mit gewinnendem Dauergrinser als fleischgewordener Tatendrang durch fast schon cartoonhafte Historienkulissen, ein Mann, der alles kann und immer gleich aussieht, ob als Jungspund oder als alter Hase.

Von harten Wirtschaftskrisenzeiten lässt er sich nicht einschüchtern, unterhält seine wunschlos duldsame Gattin (Michelle Williams) und die Kinder mit improvisierten Lichtspielen auf dem Hausdach. Wer so viel Mumm und Einfallsreichtum an den Tag legt, wird selbstredend ganz ohne Umschweife vom Tellerwäscher zum Erfolgsentertainer. Eben besang Barnum noch sehnsüchtig drängend „A Million Dreams“, schon ein paar Plot Points später scheffelt er Millionen mit seinem Zirkusmuseum.

Und das ist natürlich kein bloßer Vergnügungstempel, sondern ein Wegbereiter sozialen Fortschritts. Hier können bärtige Ladys wie Lettie Lutz (Keala Settle), kleinwüchsige Menschen wie Tom Thumb (Sam Humphrey) und afroamerikanische Artistinnen wie Anne Wheeler (Zendaya) mit ihren Talenten auftrumpfen, werden bewundert und nicht geächtet. Man würde dem Film die Verdrängung der ausbeuterischen Aspekte von Barnums Shows verzeihen, würde er sich auch nur ansatzweise für diese Figuren interessieren. Stattdessen behandelt er sie wie bloße Requisiten einer kitschigen Ermächtigungsfantasie – nur die Schauspieler verleihen ihnen Charakter. In dieser Hinsicht war Todd Brownings Zirkusdrama „Freaks“ schon 1932 progressiver als „The Greatest Showman“.

 

Spektakel unter der Zirkuskuppel

Als Feindbild dient, wenig überraschend, ein spaßfeindlicher Kritiker (Paul Sparks), der einfach nicht einsehen will, dass das, was den Leuten gefällt, zwangsläufig gut sein muss. Er steht für Standesdünkel und führt Barnum auf falsche Fährten – die Suche nach künstlerischer Anerkennung und das Engagement der schwedischen Opernsängerin Jenny Lind (Rebecca Ferguson), die dem Familienvater den Kopf verdreht. Das Problem bei alledem ist, dass das Bild Barnums als herzensguter Selfmademan nie Risse bekommt – wenn er Fehler macht, hat man immer den Eindruck, sie wären bloß Versehen. Keine Sekunde zweifelt man, dass er wieder unter die Zirkuskuppel zurückfinden wird, ein selbstloser Mann des Volkes.

Wie das Spektakel dort beschaffen ist, das versteht man am Ende des Films übrigens immer noch nicht so genau. Es passiert auf jeden Fall immer sehr viel – und meistens alles auf einmal. Trapezkünstler springen durch brennende Reifen, Menschen reiten auf Elefanten, Elefanten springen durch brennende Trapezkünstler. Alle sind umgehend restlos begeistert, der tosende Applaus klingt niemals ab. Mittendrin versichert der Direktor gleich einem Hohepriester der Zerstreuung in einem der kraftvollsten Songs (die fast alle den treibenden Motivations- und Durchhaltehymnen der modernen Hitparaden nachempfunden sind und das Rückgrat des Films bilden): „It's everything you ever want/It's everything you ever need/And it's here right in front of you/ This is where you want to be.“ „The show must go on“, in alle Ewigkeit, Amen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2018)