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Konservativer Trend

In der Politik will niemand "konservativ" sein. Die Bevölkerung ist es längst – oder noch immer.

Wer ist konservativ? Niemand mehr, zumindest nicht in Deutschland, hat die „FAZ“ kürzlich festgestellt. Seit in der CDU eine Diskussion über das mangelnde Profil von Kanzlerin Angela Merkel ausgebrochen ist, werden die Parteien ideologisch stärker hinterfragt. Und, siehe da: Alle fühlen sich in der Mitte pudelwohl.

Auch hierzulande feilen die Christdemokraten unter Josef Pröll an ihrem liberalen Image. Dem katholischen Familienverband ist es trotzdem schrecklich peinlich, wenn man dazusagt, dass sein überparteilicher Kandidat für die ORF-Publikumsratswahl eigentlich ein Schwarzer ist, weil der Verband mittlerweile eher in Richtung Attac gerückt ist. Folgerichtig hat der ehemalige Caritas-Generalsekretär nun bei den Grünen angedockt. Auch SPÖ und Grüne überschneiden sich in gesellschaftspolitischen Fragen, jedoch nur auf Funktionärsebene: Die rote Basis steht viel weiter „rechts“, ist sie deswegen „konservativ“?

Aber wer sind denn die wahren Konservativen im Land? Die Bischöfe protestieren leise (und vergeblich) gegen die hohe Zahl an Abtreibungen. Und der ORF besetzte letztes Jahr den konservativen Part eines Talks über die Studentendemos mit einem farblos-farbentragenden Bürschchen. Eine eigene „Demonstration“: nämlich die des Machtverlusts des einst so einflussreichen Cartellverbands.

Nicht einmal die Definitionsfrage für „konservativ“ ist einfach. Ja zur Atomkraft, Nein zur Homo-Ehe? Der früher als „werte-konservativ“ geltende Politiker Andreas Khol sagte einmal „Alles muss sich ändern, damit es bleibt, wie es ist“ (Zitat aus dem Roman „Der Leopard“ von Lampedusa), um schmerzhafte Reformen zu verteidigen. Mit der „Bürgergesellschaft“ warb er für mehr Eigenverantwortung, was von Gegnern als „neoliberal“ gebrandmarkt wurde. Aber sind „Konservative“ im Sinne einer neuen „Nachhaltigkeit“ nicht oft sogar das Gegenteil von „neoliberal“ und damit wieder „progressiv“?

In vielen europäischen Ländern sind konservative Parteien im Aufwind. Und „konservative Geldanlagen sind nach dem Platzen der Finanzblase auch bei „fortschrittlichen“ Menschen wieder gefragt. Selbst die einst „rote“ Bank Austria spielt mit solchen Klischees und wirbt mit dem Spruch: „Konservativ liegt voll im Trend“.

Gut möglich, dass das in der Bevölkerung ohnehin nie aus der Mode gekommen ist.

martina.salomon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2010)