Weil Russland nach zwei verschiedenen Kalendern lebt, gibt es mehr Anlässe zum Feiern. Unsere Moskauer Jungfamilie nützt dies maximal. Julia grübelt dabei über die Fusion von Religionen.
Vor Kurzem überlegten die russischen Parlamentsabgeordneten, die „Betriebsferien“ des ganzen Landes zu kürzen. Zu sehr würden die zehn freien Tage zu Jahresbeginn, die der Gesetzgeber einst großzügig bemessen hat, den Russen auf Gemüt, Gesundheit und Wirtschaft schlagen, dachten sie.
Allein der Reiz des langen Kollektivurlaubs nach alter Tradition schien am Ende doch wieder gewichtiger. So sperrte das Land auch heuer wieder bis zum 11. Jänner gewissermaßen zu. Und obwohl wegen der Krise weniger Menschen in den Urlaub flogen, erschien auch heuer eineinhalb Wochen lang weder eine Zeitung noch ein Magazin.
Unserer Moskauer Familie ist's herzlich egal. Wenn nämlich Boris und seine Frau Julia nichts erfahren wollen, sehen sie sich ganz einfach die zensurierten Fernsehnachrichten an. Wenn sie aber doch etwas aufzuschnappen gedenken, schauen sie ins Internet. Im Übrigen waren sie ohnehin mit der Feiertagsakkumulation beschäftigt. „Es hat seine Vorteile, nach zwei Kalendern zu leben“, meint Boris, als er zum sogenannten „alten neuen Jahr“ einlädt. „Um den Unterschied zu einem Fußballabend zu unterstreichen“, habe er Sushi statt Pizza bestellt, entschuldigt er sich. Zuvor aber kredenzt er selbstgemachte Leberpastete zum weißen Rioja. Aus dem Einkaufskorb am Küchenboden ragt einsam ein etwas welker Lauch. „Für die Nachfeiertagsdiät“, wirft Julia ein: „Demnächst.“
Altes und neues Jahr. Das „alte neue Jahr“ ist Glanznummer in der Reihe der kuriosen Anlässe zum Feiern. In der Nacht zum 14. Jänner legen die Russen damit noch einen drauf, um sich auch nach Julianischem Kalender vom Vorjahr zu verabschieden. Die russisch-orthodoxe Kirche hält ja an der alten Zeitrechnung fest. Der neuen, dem in Europa und im außerkirchlichen russischen Leben üblichen Gregorianischen Kalender, hinkt sie zwei Wochen hinterher. Das orthodoxe Weihnachtsfest wird also am 7. Jänner begangen. Wer sich europäisch geben will, feiert auch den 24. Dezember.
Das zentrale Fest mit der obligatorischen Bescherung freilich ist und bleibt die Nacht auf den 1. Jänner. Von der atheistischen Sowjetmacht ist es mit allen Mitteln aufgewertet worden, um seinerzeit von den orthodoxen Weihnachten abzulenken.
Heutzutage macht manchen eher das religiöse Überangebot zu schaffen. Julia offenbar nicht. „Orthodoxie und Buddhismus zu verbinden? Ich wüsste nicht, was daran so schwierig ist“, sagt sie. Gewiss, die Orthodoxie habe für sie mehr Bedeutung, weil sie ja auch die kulturelle Tradition geprägt habe. „Aber im Übrigen?“
Im Übrigen würde ihr Religion ganz einfach immer wichtiger, weil sie Antwort auf die Frage gebe, was gut und schlecht sei, erklärt sie. Als sie 1982 als Zehnjährige heimlich zu Hause getauft worden sei, habe sie das zwar als seltsam empfunden. Heute aber sehe sie Religion als Hilfe, mit sich selbst klarzukommen.
Ab und an weht eine Brise Kaltluft durch die sogenannte Fortotschka in die renovierte Küche der Jungfamilie. Wie die meisten Russen öffnet und schließt auch Boris unentwegt diese zusätzliche Lüftungsluke, die das fehlende Thermostatventil am Heizkörper ersetzen soll. Auf diese Weise bei minus 17 Grad Außentemperatur die Wohnung zu temperieren ist auch mit viel Erfahrung schwer zu bewerkstelligen.
„Die Gedanken sind das Gefährliche“, schlussfolgert Julia, nachdem sie von einem schrecklichen Zeichentrickfilm erzählt hat: Gedanken nämlich würden sich materialisieren. Deshalb müsse man sie zumindest kontrollieren, sagt sie: „Oder vielleicht danach trachten, dass sie erst gar nicht aufkommen.“ Eine fernöstliche Technik der Meditation würde das ermöglichen, habe sie beim Yoga erfahren.
Orthodoxe Bräuche. Im Unterschied zu vielen Bekannten und Arbeitskollegen, die sich ausschließlich mit fernöstlichen Praktiken der Religionsausübung und Selbsterfahrung beschäftigen, hängt Julia durchaus auch an der orthodoxen Tradition. Und praktiziert mit ihrer Familie etwa Bräuche wie das Wachsgießen zu Neujahr. Ein Engelsflügel habe sich bei ihr im Wasserglas geformt, erzählt sie. „Bei meinem Mann hat das Wachs keine sinnvolle Form angenommen.“
Wie das zu deuten sei? Boris, der manche Frage des Lebens gar nicht aufkommen lässt, weil ihn eine neue Applikation am Handy schon wieder ungleich mehr beschäftigt, zuckt mit den Schultern. „Am Ende des Jahres werden wir es wissen“, sagt er überzeugt: „Dauert ja nicht mehr so lange.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2010)