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Michel Friedman: "Streiten ist etwas Wunderbares"

Michel Friedman
(c) Clemens Fabry
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Michel Friedman, TV-Moderator und ehemaliger Vizevorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, im Interview mit der "Presse am Sonntag".

Herr Friedman, 48 Mitglieder Ihrer Familie sind im Holocaust umgekommen . . .

Michel Friedman: Sie wurden ermordet. Von einem Österreicher, der Adolf Hitler hieß, und seinen Helfershelfern aus Deutschland und Österreich.

 

Ihre Eltern wurden von Oskar Schindler gerettet. Haben Sie Schindler gekannt?

Meine Eltern und meine Großmutter waren auf Schindlers Liste. Ich kannte Schindler sehr gut. Er lebte in Frankfurt und war regelmäßig bei uns. Er war übrigens auch Ehrengast meiner Bar Mizwa, als ich 13 wurde. Oskar Schindler hat für mich etwas ganz Wundervolles geschafft: nämlich, dass ich nicht von den Deutschen reden konnte. Es gab ja den einen Deutschen, der uns gerettet hat. Er und meine Eltern haben mir geholfen, nicht zum Zyniker zu werden. Solange der Gedanke des Rettens möglich ist, darfst du nie zynisch sein, sondern musst immer idealistisch bleiben.

 

War der Holocaust ständig präsent bei Ihnen zu Hause oder hat man das Thema gemieden?

Auch wenn man darüber nicht dauernd gesprochen hat, meine Eltern haben oft geweint. Wenn meine Eltern Freunde zu Gast hatten, die auch Überlebende waren, konnte der Abend noch so fröhlich beginnen, er hatte mindestens ein Zwischenstück, wenn nicht das Endteil, wo Traurigkeit und Trauer herrschten. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als in Deutschland wie auch in Österreich die alten Nazis immer noch bei der Polizei waren, in der Verwaltung, an den Gerichten. Ein Teil meiner Lehrer hat auch schon im Dritten Reich unterrichtet. Sie hätten denselben Michel Friedman wohl auch bei der Gestapo denunziert.

 

Welchen Einfluss hat Ihre Familiengeschichte auf Ihre Einstellung zum Leben? Versuchen Sie das Leben mehr zu genießen als andere?

Ich bin auf einem Friedhof geboren. Ich bin eine Ambivalenz aus tiefer Traurigkeit und Lebensfreude. Ich kann meinen Mund nicht halten und sehe auch nicht ein, warum ich ihn halten sollte. Ich bin von meinen Eltern, obwohl sie aufgrund ihrer Erfahrung ängstlich waren, immer ermutigt worden, angstfrei zu sein.

 

Kann man Kinder zur Angstfreiheit erziehen?

Man muss. Nur Eltern können das, indem sie den Kindern Streitkultur anbieten. Ich war, auch schon zu Hause, immer jemand, der Fragen gestellt und nicht nachgegeben hat.

 

Sie haben also auch schon zu Hause viel gestritten?

Wir haben viel geredet. Im deutschsprachigen Raum ist ja Streit negativ konnotiert. Ich halte Streiten für etwas Wunderbares. Ich bin in Paris geboren, dort gibt es eine andere Kultur.

 

Stellen Sie auch Unterschiede fest zwischen der deutschen und der österreichischen Streitkultur?

Die österreichische Streitkultur ist eine noch bigottere und implodierendere. Das Streiten ist negativer besetzt als in Deutschland. Deutschland ist mit sich in den vergangenen Jahrzehnten anders umgegangen. Der Generationskonflikt der 68er hatte dann doch eine Wirkung.

 

Aber Sie sind nicht unbedingt ein 68er?

Nein, ich bin 1956 geboren. Ich brauchte die 68er auch nicht. Ich habe mit meinen Eltern viel gestritten. Aber ich bin nie ins Bett gegangen, ohne dass mein Vater oder meine Mutter mir einen Gute-Nacht-Kuss gegeben hätte. Für mich war Streiten nie gekoppelt an Angst vor emotionaler Bestrafung. Es ist wichtig, Kindern klarzumachen: Wenn du glaubst, du weißt es besser, musst du dich mit mir streiten, das kann auch sehr heftig werden. Aber: Es wird nicht auf einer anderen Ebene abgerechnet. Wenn man so erzogen wird, verliert man die Angst. Angst ist die emotionale Reaktion auf emotionale Bestrafung. Ob man mich mag oder nicht, ist mir relativ egal. Sie können mich im doppelten Sinn des Wortes sehr gern haben.

 

Es ist Ihnen egal, ob man Sie mag?

Völlig egal. Mit Ausnahme der Menschen, die ich liebe und die mich lieben.

Sie sind einer der bekanntesten Juden Deutschlands. Erleben Sie auch jetzt noch Antisemitismus am eigenen Leib?

Ja, aber erleben Sie keinen Antisemitismus in Österreich?

 

Nicht am eigenen Leib.

Doch, und jetzt wird's spannend. Wenn wir uns darauf einigen können, dass Judenfeindlichkeit Menschenfeindlichkeit ist, dann sind Sie als Mensch von dieser Judenfeindlichkeit so betroffen wie ich. Sie müssen begreifen, dass die Nazi-Piranhas mich vielleicht als Ersten angreifen. Dann aber, wenn ich nicht mehr bin, Sie als Zweiten oder Dritten, weil Sie ein freier Journalist sein wollen.

2003 traten Sie wegen einer Kokainaffäre als Vizevorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland zurück. Wie hat dieser Einschnitt Ihr Leben verändert?

Auch sechs Jahre danach sage ich: Es war falsch, was ich gemacht habe. Ich habe im Gegensatz zu vielen ohne Wenn und Aber Konsequenzen gezogen. Das finde ich auch heute noch richtig.

 

Sie haben vorhin gesagt, es sei Ihnen egal, was die Leute über Sie denken. Aber damals muss Sie ja die Vorstellung gepeinigt haben, dass alle dachten, Sie seien der Typ, der Kokain nimmt und zu Prostituierten geht.

Das ist nicht das Kernproblem. Es geht nicht um die gesellschaftliche, sondern um die eigene moralische Einordnung solcher Handlungen. Letztlich war das ja eine Oberflächenhandlung.

 

Was heißt Oberflächenhandlung?

Schon während ich es tat, war ich überzeugt, dass es falsch war.

 

Haben Sie sich verändert seither?

Mit Sicherheit.

 

Auch die Art, wie Sie Interviews führen?

Nein. Ich arbeite ausschließlich im politischen Bereich. In einer Demokratie hat man als Journalist die Aufgabe, die Unterschiede zwischen Sein und Schein aufzudecken. Da kann man gar nicht hart genug fragen.

 

Sie haben neben Ihrer Tätigkeit als Anwalt, Journalist und Herausgeber angefangen, Philosophie zu studieren?

Ich bin sogar schon fertig. In den nächsten vier Wochen ist meine Promotion.

 

Gratulation. Worüber haben Sie Ihre Arbeit geschrieben?

Über die Konsequenzen neuester neurobiologischer Erkenntnisse in der Frage von Verantwortung. Also darüber, ob es einen freien Willen gibt oder dies nur ein narzisstischer Ausdruck des menschlichen Wunsches ist, mehr zu sein als andere Lebewesen. Genauso wie damals der Wunsch, dass sich alles um die Erde dreht.

Warum gerade dieses Thema?

Vielleicht auch, weil mich schon in den ersten Jahrzehnten meines Lebens der Gedanke gequält hat, wie das Volk der Dichter und Denker zu Mördern und Henkern werden konnte. Ich fragte mich, wo die Schnittstelle war, die nicht funktioniert hat.

 

Und wie haben Sie sich die Zeit für das Studium freigeschaufelt?

Das ist eine Frage der Lebenspriorität. Dann verdienst du eben weniger, nimmst weniger Mandanten auf und schreibst weniger Artikel.

 

Gibt es ein Buch, das Sie intellektuell besonders geprägt hat?

Ja – „Alle Menschen sind sterblich“ von Simone de Beauvoir. Dieses Buch hat mein Leben verändert, da war ich 16.

 

Lesen Sie das Buch immer wieder?

Nein, aber Bücher, Filme und Theater beeinflussen mich immer wieder und bringen mich zum Weinen. Ich beschäftige mich gerne mit traurigen Themen und Tragödien.

 

Warum?

Weil ich glaube, dass man daraus viel lernen kann, wie Menschen mit ihren Schwächen und Niederlagen umgehen.

Wie geht man am besten mit einer Schwäche um?

Indem man sie anpackt. Man kann sie auch zwischendurch streicheln und locken, aber man muss sie anpacken.

 

Wenn Sie Angst hätten vorm Fliegen?

Dann würde ich fliegen, aber ich würde Flugkurse nehmen und versuchen herauszufinden, warum ich Angst habe.

 

Sie haben zwei kleine Söhne. Wie stark sind Sie in ihre Erziehung involviert?

Sehr. Ich nehme mir viel Zeit. Ich frühstücke mit ihnen, bringe sie regelmäßig ins Bett und verbringe mindestens einen Wochentag mit ihnen. Ich genieße das von Herzen. Sie beleben mich wahrscheinlich mehr als ich sie. Ich lerne von ihnen wahrscheinlich mehr als sie von mir. Und in dieser Wechselwirkung bin ich ein sehr beglückter Vater.

Verraten Sie mir noch, warum Sie Bärbel Schäfer ausgerechnet in New York geheiratet haben?

Ich liebe New York, diesen Spirit, diese Dynamik. Und wenn ich könnte, würde ich dort leben.

 

Warum leben Sie nicht dort?

Weil ich keine berufliche Grundlage dort finde. Aber sonst gern (lacht). Wenn Sie mich als Ihren Korrespondenten nach Amerika schicken, können wir darüber reden.


Jederzeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2010)